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Rebhühner in der mittelalterlichen Literatur Drucken E-Mail

Das heldenhafte Rebhuhn?
oder
Rebhühner in der mittelalterlichen Literatur

Monika Hanauska,
Trier
Obwohl mittelalterliche Autoren verschwenderisch mit dem Tierpersonal, das sie ihren Helden zur Seite stellen, umgehen - man denke an Iweins Löwen, an Wigalois' Hirschen oder an Loherangrins Schwan - wurde einer Tierart die Aufmerksamkeit weitestgehend verweigert: dem Rebhuhn. Hauptsächlich findet es als kulinarischer Leckerbissen Eingang in die große Heldenepik, ohne aber darüber hinaus eine tragende Rolle als treuer Gefährte einer Hauptfigur zugewiesen zu bekommen. Ein Grund, einen eingehenderen Blick auf die Einstellung mittelalterlicher Autoren auf dieses Mitglied der Hühnervögel, perdix perdix, zu werfen.

Eine mögliche Ursache für die Nichtachtung könnten die Erkenntnisse mittelalterlicher Naturforschung zum Rebhuhn sein: Das trockene Gehirn des Rebhuhns verhindert das Speichern von Informationen über einen längeren Zeitraum hinweg. Das hat zur Folge, dass das Rebhuhn ab und an schon einmal vergisst, wo es sein Nestchen gebaut hat und daher ein fremdes Nest in Besitz nimmt und die darin befindlichen Eier ausbrütet.1
Hätte nun beispielsweise Iwein ein Rebhuhn anstelle eines Löwen zur Seite gestanden, hätte unter Umständen so mancher Kampf böse für Iwein ausgehen können, da das Rebhuhn möglicherweise vergessen hätte, auf welcher Seite es stehen sollte.2 (Von der mangelnden Körpergröße und -kraft einmal ganz abgesehen.)3
Zudem hat das Rebhuhn auch einen verdorbenen Charakter, was sich nicht nur darin äußert, dass es böse und niederträchtig ist4, sondern auch häufig mit dem Teufel im Bunde, und Spaß daran findet, seine Mitvögel zu verleiten und dadurch in Gefahr zu bringen. Konrad von Megenberg schreibt hierzu in seiner Naturlehre:
„diu rephüenr habent die art, wenn si der vogler vâhen wil, sô denn daz êrst in daz netz kümt, sô laufent diu andern alle nâch im und sichert sich daz nâchvolgent niht pei des vorgênden vall und wirt alsô betrogen in der gesellschaft”5.
Was auf den ersten Blick wie reine, vom Gruppenzwang bedingte Dummheit erscheint, ist nach mittelalterlicher Vorstellung ein Gleichnis für den Teufel. Dieser agiert auf ebendiese Weise, indem er in menschlicher Gestalt die Menschen in das Netz der Sünde lockt. Kein Wunder also, dass das Rebhuhn einen denkbar schlechten Ruf genießt, den auch Freidank im Kapitel „Tierleben” in seiner Bescheidenheit unterstreicht:
Diu rephüenre einander stelnt
ir eier (daz sie sêre helnt)
und brüetent s'ûz als ir kint.
als sie ze vogelen worden sint
sô nement s'ir rehten muoter war,
swâ sie die hoernt, und fliegent dar;
sie lânt ir stiefmuoter frî
und sint ir rehten muoter bî.
als stilt der tiuvel manegen man
von sîner muoter, swie er kan;
diu muoter ist diu kristenheit,
diu nieman trôst noch gnâde verseit.
diu muoter manegen lêret,
daz er von sünden kêret.
so ist der tiuvel betrogen,
und ist sîn rephuon hin geflogen6.
Hinzu kommen gewissen homosexuelle Tendenzen, derer sich diese Vogelart nicht erwehren kann: durch die vor der Begattungszeit aufgestauten sexuellen Energien sind die Rebhühner in der Hitze des Gefechts nicht mehr dazu in der Lage, zwischen Männchen und Weibchen zu unterscheiden, sondern fallen über alles her, was sich ihnen in den Weg stellt. Der Volksglaube sagt dem Rebhuhnweibchen sogar nach, bereits durch den Geruch der Hähne befruchtet zu werden.7 Diese unmâze, gepaart mit unkiusche kann mittelalterliche Autoren naturgemäß nicht davon überzeugen, das Rebhuhn mit einer herausragenden Rolle zu versehen. Die Volksmedizin jedoch macht sich die Virilität des Rebhuhns zunutze und empfiehlt etwa seine Eier bei Potenzstörungen.8
Der dem Rebhuhn angemessene Platz in der mittelalterlichen Dichtung scheint der Kochtopf oder wahlweise der Bratspieß zu sein. Dieser Topos zieht sich quer durch die europäische mittelalterliche Literatur und findet sogar Eingang in Sprichwörter und Redewendungen dieser Zeit.
So heißt es im Spanischen: „La perdiz es perdida, si caliente no es comida” - das Rebhuhn ist verloren, wenn es nicht warm gegessen wird.9
Und auch im neuzeitlichen Deutsch besagt ein Sprichwort: „Rebhuhn und Schnepfe geben gute Bissen in die Näpfe”10. Wer etwas Auswegsloses oder Unrealistisches tun will, dem sagt man nach, „er brate Rebhühner am Mondschein”.
Es zeigt sich, der Stellenwert des Rebhuhns in der Literatur ist - möglicherweise begründet durch den schlechten Ruf, den es in den allegorischen Naturlehren des Mittelalters erworben hat - auf seine Funktion als Gaumenschmaus beschränkt. Dennoch hat es auch in dieser zumindest in einem Text eine etwas heldenhaftere, wenngleich passive Rolle: In der Fabel „Vom Juden und vom Schenken” aus Ulrich Boners „Edelstein”11 wird von einem Juden erzählt, der einen König um Geleitschutz bittet, um einen gefährlichen Wald zu passieren. Der König gibt ihm seinen Schenken mit, der jedoch von den Schätzen, die der Jude mit sich trägt, zur Heimtücke verführt wird. Er erschlägt den Juden, der vor seinem Tod noch sagt, dass die Vögel, die Zeugen seines Todes sind, den Mord offenbaren werden. Doch der Schenke erwidert, dass höchstens das Rebhuhn, das ja nicht sprechen kann, ihn verraten könnte.
Als der Schenke wieder am Hof ist, gibt es eines Tages Rebhuhn zu essen. In Erinnerung an seine Tat, beginnt der Schenke zu lachen, weil er diese bis jetzt so gut verheimlichen konnte. Doch der König fordert eine Erklärung für die plötzliche Heiterkeit und der Schenke muss sein Verbrechen gestehen. Daraufhin wird er verurteilt und hingerichtet. Die Quintessenz der Reimerzählung lautet: „wer dur guot wil übel tuon, den sol melden daz rebhuon”.
Wir sehen, selbst bei wohlwollenster Einschätzung der Qualitäten des Rebhuhns kann es dem Tellerrand nicht entkommen. Es bleibt auch in seiner tugendhaftesten Rolle seinem Schicksal als Festtagsbraten unentrinnbar.
Verwendete Literatur:
  • Konrad von Megenberg, Buch der Natur. Zitiert nach TITUS (http://titus.uni-frankfurt.de/texte/etcs/germ/mhd/konrmeg/konrm.htm 25.03.2008)
  • Isidor von Sevilla, Etymologiarum sive Originum. Zitiert nach LacusCurtius (http://penelope.uchicago.edu/Thayer/L/Roman/Texts/Isidore/12*.html#7 25.03.2008)
  • Freidank, Bescheidenheit. Hg. von H.E. Bezzenberger. Aalen 1962 (Nachdruck der Ausgabe von 1872)
  • Ulrich Boner: Der Edelstein. Hg. von Franz Pfeiffer. Leipzig 1844.
  • H. Nuñez, L. de Leon, Refranes o proverbios en castellano, Bd. II, 1804. Zitiert nach: Thesaurus proverbiorum medii aevi, hg. vom Kuratorium Singer der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. Berlin/New York 1995. Bd. 9, S. 213.
  • Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg.): Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Digitale Bibliothek Bd. 146. Berlin 2006.
  • Karl Friedrich Wilhelm Wander: Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Digitale Bibliothek Bd. 62. Berlin 2004.

[1] Konrad von Megenberg, Buch der Natur IIIB, 58: „daz rephuon hât ain trucken hirn, mêr dan ander vogel, und dar umb ist daz rephuon gar vergezzen und klainer gedæhtnüss, dar umb vergizt ez gar leiht seins nestes und verleuset seineu air und diu nimt ain ander rephuon und prüett si auz”
[2] Dagegen will es sonderbar anmuten, dass Rebhuhngalle in der volkstümlichen Medizin als Heilmittel gegen Vergesslichkeit empfohlen wird. Vgl. Handwörtebuch
[3] Um Missverständnisse zu vermeiden, von welcher Vogelart hier gehandelt wird, ein kurzer naturwissenschaftlicher Auszug zu den Körpermaßen von perdix perdix: „Rebhühner haben eine Körperlänge von etwa 30 Zentimetern, eine Flügellänge von 14,6 bis 16 Zentimetern und eine Schwanzlänge von 7,2 bis 8,5 Zentimetern. Das Körpergewicht reicht von 325 bis 410 Gramm.”
Vgl. wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Rebhuhn_%28Art%29 (26.03.2008)
[4] Isidor von Sevilla, Etymologiae 12, 7, 1: "Nam aliae simplices sunt, ut columbae; aliae astutae, ut perdix"- denn die einen sind treuherzig, wie die Taube, andere niederträchtig, wie das Rebhuhn.
[5] Konrad von Megenberg, Buch der Natur IIIB, 58.
[6] Freidank: Bescheidenheit, S. 199.
[7] Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 7, S. 549.
[8] Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd. 7, S. 550.
[9] Nuñez Bd. II, 246.
[10] Wander Bd. 3, S. 1512.
[11] Ulrich Boner: Edelstein Nr. LXI, S. 106-108.
 
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