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Milch und Milchprodukte in den altnordischen Sagas/ Sögur Drucken E-Mail

Lebensmittel mit Konfliktpotential -
Zur Doppelrolle von Milch und Milchprodukten
in der altnordischen Sagaliteratur

Ute Thalheim
Leipzig
Milch und ihre Verarbeitungsprodukte, also Quark, Butter, Molke1 und skyr2, wegen der langen Haltbarkeit aber besonders Käse bildeten neben Fleisch das Grundnahrungsmittel der frühen Mittel- und Nordeuropäer, wie verschiedene antike Autoren berichten3. Im Gegensatz zu asiatischen, amerikanischen und einigen afrikanischen und rund um das Mittelmeer ansässigen Völkern besitzen diese Volksgruppen auch noch im Erwachsenenalter Enzyme, die Laktose aufspalten können und damit den Genuss unverarbeiteter Milch unproblematisch möglich machen. Herdenvieh (Rinder, Schafe und Ziegen) lieferte gleichzeitig Fleisch und Milch als Grundlage der Ernährung der Germanen und Kelten. Ackerbau scheint nicht in ähnlich großem Stil wie in den Mittelmeerländern verbreitet gewesen zu sein.

Die Wikinger, die sich im späten 9. Jahrhundert auf Island ansiedelten, hatten wenig Grund, von den althergebrachten Gewohnheiten abzuweichen. Da das raue isländische Klima den Anbau von Kulturpflanzen wie Getreide oder Gemüse deutlich erschwert, waren die norwegischen Erstsiedler und ihre Nachfahren, die Isländer, gezwungen, tierischer Nahrung weiterhin (oder jetzt erst recht) einen dominanten Platz auf ihrem Speiseplan einzuräumen. Milch, skyr und Käse bildeten neben Fleisch, sowie später dann auch mehr und mehr frischem und getrocknetem Fisch die Grundlage der isländischen Ernährung zur Enststehungszeit der Sagas.
Die lebensspendende und - wahrende Funktion der Milch wird sicher am sinnfälligsten, denkt man daran, dass sie die erste Nahrung war und ist, die ein Mensch auf der Welt zu sich nimmt. Bleibt sie auch im weiteren Leben grundlegende Nahrungsquelle wie für die Isländer des Mittelalters, dürfte zu erwarten sein, dass sich die Bedeutung dieses Lebensmittels auch in der Literatur widerspiegelt, gerade wenn diese vom Leben und Überleben der Gründerväter in einer neuen Heimat unter schwierigen Bedingungen erzählt, wie es die Isländersagas tun.

Es gibt eine ganze Reihe solcher Belege für die lebenswichtige, lebenserhaltende Funktion der Milch und ihrer Verarbeitungsprodukte in den Sagas.

In der Gísla saga Súrssonar erhält der titelgebende Held seinen Beinamen Súrsson (von anord. súrs =„Molke”) deswegen, weil er, während eines Brandes in einem Haus eingeschlossen, nur überlebt, indem er sich in ein Fass voll Molke rettet. Molke also schenkt und bewahrt ihm das Leben wie eine Mutter, was den seltsamen Beinamen „Molkesohn” anregte.

Auf ähnliche Weise versuchen in der Njálls saga die Frauen aus Njalls Familie, einen Brand mit Molke zu löschen. Sie sind zunächst sogar erfolgreich; da das Feuer aber von Mordbrennern erneut gelegt wird, gelingt es schlussendlich doch nicht, den Tod Njalls und seiner Söhne mehr als eine kurze Zeit aufzuhalten.

Mehr Glück ist der List von Thorgerd in der Egils saga Skalagrímssonar beschieden, die ihren Vater Egil nach dem Tod eines seiner Söhne von seinem Entschluss zu sterben abbringen kann. Sie überredet ihn zunächst zum Kauen von (salzigem) Tang, da dieser angeblich giftig sei und seinen Tod beschleunigen würde. Stattdessen wird Egil durstig. Als ihm auf ihre Anweisung hin statt dem verlangten Wasser Milch gereicht wird, erwachen seine Lebensgeister wieder und er gibt seinen Plan auf.4

Die Flateyjarbók-Redaktion der Fóstbrœðra saga nennt Milch als Stärkungsmittel, das verwundeten Soldaten nach der Schlacht von Stiklastaðir gereicht wird. Es heißt dort ausdrücklich, dass es für verwundete Männer gut sei, zur Stärkung Milch zu trinken.5
Im &Thorn;orgríms þáttr Hallasonar (strenggenommen keine Saga, sondern eine kürzere Prosaerzählung) wird der vor Erschöpfung todkranke und bewusstlose Þorgrímr mittels heißer Milch wieder auf die Beine gebracht.6

Die lebensspendende Bedeutung der Milch tritt also mehrfach sehr klar und direkt zu Tage.
Erstaunlicher ist jedoch, dass Milch und Milchprodukten in Sagas durchaus nicht nur eine lebenserhaltende Funktion zukommt: nicht selten erscheinen sie auch als Auslöser für geradezu lebensbedohliche Konflikte.

In der Njálls saga führt ein gestohlener Käse zunächst zu einer Ohrfeige, die wiederum Jahre später zur Begründung für unterlassene Hilfeleistung wird, als Hallgerd ihrem Mann Gunnar (kalkuliert und ausdrücklich als Rache für jene Ohrfeige!) eine Strähne ihres langen Haares als Ersatz für seine Bogensehne verweigert, was seinen Tod bedeutet, da er sich so nicht mehr gegen seine Angreifer verteidigen kann. Die Rache für Gunnar führt auf verschlungenen Wegen zum Tod von Njall und seinen Söhnen; die sich perpetuierende Spirale der Gegenrache zieht noch eine unüberschaubare Reihe Anderer mit ins Verderben, bis (allerdings erst ganz zum Schluss) endlich Frieden ausgehandelt werden kann.
Dass ausgerechnet ein Käsediebstahl als Anlass zur Auslöschung so vieler Menschenleben wird, ist ein weniger austauschbarer und banalerer Grund, als es zunächst scheinen mag: Käse als haltbarstes aller Milchprodukte bildete die wichtigste Nahrungsgrundlage im isländischen Winter und war daher von existenzieller Bedeutung.7

Ebenfalls wird ein Milchprodukt, diesmal skyr, in der Egils saga Auslöser von lebensbedrohlicher Gewalt: als Egil in Värmaland ist, um Tribut für König Hákon einzutreiben, kehrt er eines Abends auf dem Hof von Armod Skegg ein, der ihn und seine Gefährten sehr freundlich aufnimmt, sie jedoch „nur” mit skyr bewirten lässt, was Egil nicht passt. Nachdem die kleine Tochter des Bauern verrät, dass Besseres im Hause sei, setzt Egil durch, dass es doch noch Braten und sehr viel starkes Bier gibt. Alle sprechen dem Alkohol bis zur Volltrunkenheit zu, und nun entspinnt sich eine der unappetitlichsten Szenen der gesamten - an drastischen Bildern gewiss nicht armen! - Sagaliteratur: aufgrund des übermäßigen Alkoholgenusses kotzt der Titelheld Egil dem Gastgeber derart ausgiebig direkt ins Gesicht, dass dieser fast daran erstickt, was (verständlicherweise) nun seinerseits bei diesem Brechreiz auslöst. Es entsteht „großer Unmut” auf beiden Seiten und Armod torkelt nach draußen an die frische Luft. Da Egils sagahafter Jähzorn bekannt ist, hält es die Hausherrin für das beste, ihm bis in die frühen Morgenstunden immer weiter zu trinken zu geben, um ihn zu beschäftigen, bis er sich endlich zum Schlafen verzieht.
Nicht für lange allerdings, denn wenige Stunden später weckt er Hausherrn und Hausherrin in ihrem Bett mit der erklärten Absicht, Armod als Dank für das Gastmahl zu erschlagen. Durch das herzerweichende Betteln und Flehen von Armods Frau und Tochter lässt er sich allerdings von seiner mörderischen Absicht abbringen, schneidet ihm dann doch nur den Bart8 ab und drückt lediglich eines seiner Augen heraus.
Gegen dieses Beispiel ließe sich einwenden, dass möglicherweise nicht das Milchprodukt, sondern eher die ihm zugeschriebene geringe Wertschätzung der eigentliche Stein des Anstoßes ist. Offenbar befindet Egil, skyr sei keine angemessene Speise für ihn als Gast und schlussfolgert von der Geringschätzung der Speise auf Geringschätzung der Gäste (und besonders seiner selbst), die er schwer bestraft.
Interessant ist, dass eine solche Geringschätzung gegenüber häufig genossener, mit Milch oder Molke zubereiteter Speise auch in anderen Sagas angedeutet wird. Offenbar leitet sich diese durch die doch als unangenehm empfundene Eintönigkeit und Einfachheit der damaligen isländischen Ernährungsgewohnheiten her; beweist aber dadurch eben nur noch deutlicher, von welch grundlegender Bedeutung Milch und Milchprodukte für den Speiseplan gewesen sein müssen.

Ein anderer Fall liegt beim letzten Beispiel für Milch als Auslöser für lebensbedrohliche Situationen vor: In der Grœnlændingar sagawird von der fünften Vínlandfahrt berichtet, dass Karlsefnis Leute mit den als „skrælingar” bezeichneten Indianern Tauschhandel betrieben, indem sie Milch ihrer aus der Heimat mitgebrachten Kühe gegen Pelze eintauschten.
Eine mögliche Erklärung für die folgenden andauernden Feindseligkeiten zwischen der indigenen Bevölkerung und den Isländern, die schließlich mit der Aufgabe der Vínlandbesiedlung endete, könnte sein, dass sie von ebenjener Milch ausgelöst wurden: da die Indianer Milchgenuss im Erwachsenenalter nicht gewohnt waren (also unter „Laktoseunverträglichkeit”, wie eingangs beschrieben, litten), löste er bei ihnen Krämpfe und Durchfall aus, was sie notwendigerweise für Symptome einer Vergiftung durch die isländischen Neusiedler halten mussten9. Nur allzu verständlich, dass sie im Folgenden den Fremden mit äußerstem Misstrauen und Feindseligkeit begegneten.
Wenn auch die Sagaautoren von dieser Verbindung wohl nichts ahnten, so zeigt die Erzählung vom Tauschhandel zwischen Wikingern und Indianern doch immerhin, dass den isländischen Siedlern Milch derart selbstverständliche Lebensgrundlage war, dass sie selbst unter den zweifellos extremen Bedingungen einer Amerikafahrt nicht darauf verzichten mochten und so viel lebende Kühe mit sich führten, dass es in der Neuen Welt sogar noch Milchüberschuss gab.

Es zeigt sich also: ob auf der einen Seite Stärkungsmittel und Lebensspender oder auf der anderen Auslöser für Lebensgefahr - beide Seiten der Medaille machen auf ihre Art deutlich, dass der Milch und ihren Verarbeitungsprodukten in der Sagaliteratur stets die existenzielle Bedeutung zukommt, die sie für ihre Dichter und ersten Hörer gehabt haben muss: die eines Lebens-Mittels.
Verwendete Literatur:
  • Jacob Grimm: Deutsche Rechtsalterthümer, Göttingen 1828
  • Wilhelm Heizmann, 'Heilmittel und Heilkräuter', in: RGA Bd. 14, 2. Auflage 1999
  • Hans Reichstein, 'Milch und Milcharten', in: RGA Bd. 20, 2. Auflage 2002
  • Ingo Schneider, ‚Getränke', in: RGA Bd. 12, 2. Auflage 1998
  • http://de.wikipedia.org
  • Bo Landin: „Das Wikingerkartell”, schwedischer TV-Dokumentarfilm, dt. Erstausstrahlung ZDF 2004

[1] Molke ist ein zu 94-95% aus Wasser bestehendes Restprodukt bei der Käseherstellung. http://de.wikipedia.org/wiki/Molke
[2] Die Bedeutung ist unklar. Entweder bezeichnet skyr ebenfalls Molke oder aber geronnene Milch, wie man sie besonders in Norwegen verzehrte. (Schneider, S. 4)
[3] So Caesar in De bello gallico: „Major pars victus eorum in lacte, caseo, carne consistit.” (Schneider, S. 4)
[4] Das RGA vermutet hier einen „humoralpathologischen Hintergrund”, indem dem salzigen Tang die Qualitäten ‚heiß und feucht' zugeordnet werden, und der damit als Heilmittel gegen die ‚kalte und trockene' Melancholie wirken kann. (Heizmann, S. 217)
So weit muss man wohl aber gar nicht gehen - es sei denn, man datiert diese Szene als erst relativ spät und unter Einfluss klerikaler Gelehrsamkeit entstanden. Der mündlichen Erzähltradition war die Viersäftelehre mit Sicherheit unbekannt.
[5] Heizmann, S. 222
[6] Ebd.
[7] Auffällig in diesem Zusammenhang ist auch, dass ausgerechnet Hallgerd, auf deren Veranlassung der Käse gestohlen wird und die damit die Urheberin des Konflikts ist (die sich aber auf diese Weise - wenn auch illegal - ihre Überlebensgrundlage sichert), alle anderen Beteiligten überlebt.
[8] Bartabschneiden galt in alter Zeit als äußerste Erniedrigung für einen Mann, quasi eine „Kastration light”: Selbst schon das einfache Zupfen des Bartes galt als strafwürdiges Verbrechen. (Grimm, S. 632) Nicht leicht zu entscheiden also, ob für Armod der Verlust des Auges oder des Bartes schwerer wiegt.
[9] In: Bo Landin: „Das Wikingerkartell”
 
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