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Herausgebervorwort Drucken E-Mail
Geschrieben von Conrad E. Neubert   
Samstag, 29. September 2007
Liebe Leser!
Die Umstände haben die Redaktion der FLOB bewegt, ein neues Genre in ihrer Zeitschrift einzuführen: das Herausgebervorwort.
Glücklicherweise sehen die Herausgeber für folgende Ausgaben nicht die Notwendigkeit, auch weiterhin in dieser Richtung tätig zu sein, denn sie vertrauen darauf, dass Autoren- und Leserschaft die Missstände, die zu diesem Schritt geführt haben, abstellen. Die erwähnten “Umstände” (Z. 2) und “Missstände” (Z. 5) sind die geringe Zahl an Beiträgen, die wir in dieser Nummer der FLOB veröffentlichen können.
Daher schien uns ein Herausgebervorwort in mehrfacher Hinsicht geeignet, Symptome zu bekämpfen. Es ergibt sich die Gelegenheit, sich beim Publikum zu entschuldigen, Ausreden zu suchen und dabei die Seitenzahl noch ein wenig zu erhöhen. Was das letzte betrifft: Die Herausgeberschaft entschuldigt sich ausführlich, vielmals, voller Reue und gutem Vosatz, die Zuversicht auf umfangreichere Ausgaben fassend, bei Ihnen.1
Um den Heftumfang zu optimieren, gibt es einige Ausreden, die wir gesammelt haben und Ihnen nun darbieten wollen, überschreibbar mit:

Herausgeberprobleme

Die populärsten Probleme sind Verspätung und Überlänge. Die meisten Texte werden zu spät abgeliefert. Bevor die zu spät kommenden Beiträge eintreffen, gibt es mehrere Terminverschiebungen, denn offenbar behandelt jeder Text ein beliebig vertiefbares und selbst ohne Vertiefung hochkomplexes Thema, das sein Maß an Bearbeitungszeit fordert. Außerdem scheinen die Rechner von Wissenschaftlern besonders gerne so hoffnungslos abzustürzen, dass der gesamte Festplatteninhalt verloren geht. Dann muss noch einmal ganz von vorn mit der Arbeit begonnen werden, denn natürlich macht sich heutzutage niemand mehr auf Papier Notizen.2 Besonders unverschämt sind Ausreden wie Krankheit und Urlaub. Heutzutage kann man doch überall arbeiten! Eine unangenehme Folge für die Herausgeber ist dann, dem Verlag oder den Lesern mitzuteilen, dass die Veröffentlichung sich verspätet.
Aber so lange und intensive Arbeit an einem Thema kostet nicht nur Zeit, sondern auch Platz.3 Sehr lange Texte haben oft viel zu viele Gliederungsebenen und stellen manchmal sogar die Setzer4 vor Probleme, weil ihnen die Ideen zu neuen Formatierungen ausgehen. Der umgekehrte Fall ist natürlich auch möglich: lange, ungegliederte Texte, am besten noch ohne Absätze. Bedauerlicherweise ist auch kaum ein Autor zum Kürzen seiner Texte bereit. Ein an Kürze interessierter Herausgeber verlangt vom Autor schließlich den Mord an seinen liebsten Kindern. Sehr gute Chancen, sich durchzusetzen, hat der Herausgeber dafür dann, wenn man diese Kinder als adoptiert und nicht nachgewiesen identifizieren kann. Besonders treffende Analysen, glatt formulierte Passagen und Spitzensätze sollte man unbedingt in der nicht angegebenen Literatur nachprüfen, ob sie nicht abgeschrieben sind.
Lange Texte bringen Schwierigkeiten. Sie verbrauchen Papier und Geld und sind mühsamer zu lesen. Das unangenehmste aber ist die erhöhte Korrekturzeit, die so ein Text braucht. In der Regel müssen die Herausgeber korrekturlesen oder Hilfskräfte bezahlen, die das tun, weil die Verlage die Lektoren nicht fürs Korrekturlesen bezahlen wollen. Und wie Sie schon wissen, liebe Herausgeber, und Sie jetzt erfahren sollen, liebe Nicht-Herausgeber: Korrekturlesen ist sehr anstrengend und dauert sehr lange.
Neben vielen Kleinigkeiten sind die Auflagen der Verlage häufig ein Übel, weil der Sinn oft schleierhaft ist. Glücklicherweise verlegt die FLOB sich selbst, aber auch wir haben Regeln, die die formale Einheitlichkeit gewährleisten sollen. Aufsätze mit viel Literatur in den Fußnoten zeigen auch, wie phantasievoll ein Autor seine Zitierweise variieren kann. Die Vereinheitlichung ist oft genug problematisch: Was, wenn in den Richtlinien nur angegeben ist, wie der Untertitel vom Titel und vom zweiten Untertitel getrennt wird, aber nicht, wie der zweite Untertitel vom dritten zu trennen ist (Punkt, Doppelpunkt, Komma, Bindestrich etc.). Besonders schade ist, dass kaum ein Leser Notiz von dem Aufwand nimmt, den diese Formalia bedeuten.
Dabei stößt man dann auf ähnliche Probleme: Wann wurde diese Broschüre veröffentlicht, die nur noch im Privatarchiv eines Freundes eines Freundes des Autors zu finden ist? Wie heißt der französisch-finnisch-chinesisch-afrikanische Autor richtig, der in jedem Internetkatalog anders geschrieben wird? Gehört das Zeichen “ǻ” mit zu seinem Namen oder ist das ein Fehler?
Bilder sind ein seltenes Problem, aber dafür ist jedes Bild eines. Auflösung, Maße und gegebenenfalls Dateigröße und -format stimmen nie.
Und der Stil! Häufig werden Formulierungen und Redewendungen durcheinander geworfen. Es gibt auch solche, die gerne viele Zitate miteinander kombinieren, bis sie ganz neue Sinne bekommen. Sehr lästig sind Lieblingsformulierungen und -worte, die in jedem Absatz vorkommen. Es gibt eine Fülle von stilistischen Eigenheiten, die enervieren können: zu viele Substantivierungen, Inversionen, Ellipsen, Enjambements oder besonders rhythmische oder arhythmische Satzmelodie.
Hat man nun genügend Probleme im Text festgestellt, kann man nur hoffen, dass die Autoren offen für Kritik sind. Denn obwohl auf Nachfrage jeder versichert, jenes zu sein, sind bestimmte Menschen sehr beratungs- und korrekturresistent. Schwierig ist das besonders bei Autoren, die wissen, dass sie im Stoff stehen, und glauben, der Herausgeber täte es nicht.
Schließlich ist da noch die Korrespondenz. Die ist mitunter auch sehr zäh und verzögert. Das ist aber noch ein geringeres Übel. Es gibt Autoren, die nicht nur das Thema, sondern auch am besten Gliederung und Quellen für ihre Arbeit bestimmt haben wollen. Oder solche, die nach sehr langem Schweigen kurz vor Ende aller Arbeiten absagen oder Kommunikationsprobleme einklagen.
Schwierig ist auch der Wunsch aller Autoren nach endlos vielen Belegexemplaren. Es ist fraglich, ob Verlage an Büchern mit mehr als zwei Autoren überhaupt etwas verdienen, denn es müssen ja jeweils ganze Freundeskreise versorgt werden.
Einem großen Anspruch gerecht werden müssen die Herausgeber schließlich im Vorwort. Hier muss ein Punkt gefunden werden, der alles zusammenbindet. Unter Umständen erfordert das einige geistige Kopfstände.

Die Beiträge dieser FLOB-Ausgabe jedenfalls vereint die Überwindung aller Probleme durch die Herausgeber. Sei es, weil sie nur teilweise auftraten oder weil ihre Lösung und ihr Ergebnis Vergnügen bereiten.

Conrad E. Neubert
Jena, den 28. September 2007

PS: Erstens, die Vorworte werden reihum von den Mitgliedern der Herausgeberschaft verfasst (falls sie nötig sind) und zweitens war der Aufsatzwettbewerb zu Shakespeares Vegetarierschaft erfolglos. Aber Shakespeare wird sowieso überschätzt.5

Quellen:
  • Gespräche und elektronische Korrespondenz mit verschiedenen Zeitzeugen.

[1] Ähnlich wie ich hier mit Platz geht mit Zeit um Farin Urlaub, Single ‘Phänomenal Egal’, Track 2.
[2] Ob wohl zu Jugendzeiten der Autoren Hunde und Meerschweinchen Malware und Viren ersetzten?
[3] Und wenn man Kürzungen verlangt, dauert es noch länger. Besonders seltsam ist, dass an einer Stelle korrigierte oder gekürzte Texte an anderen Stellen wachsen, wenn man diese Änderungen den Autoren überlassen hat.
[4] Bei der FLOB A.-K. Distel, die die HTML-Formatierung vornimmt, bei papierenen Veröffentlichungen wissenschaftliche Hilfskräfte und Lektoren.
[5] Gespräch mit Ute Thalheim am 22.9.2007. Ähnlich, aber unvegetarisch zur Kruste des Schweinebratens: Sven Regener, Herr Lehmann, 172.
Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 2. Oktober 2007 )
 
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