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Rezension zu Günther Windschilds „Der Pfarrer von St. Jakob“ Drucken E-Mail
Geschrieben von Kornelius Werner   
Samstag, 29. September 2007

Ein flobwürdiges Geschichtenbüchlein
Rezension zu Günther Windschild: Der Pfarrer von St. Jakob

Kornelius Werner,
Halle (Saale)
Bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Evangelischen Landeskirche Anhalts in der Zeit des Dritten Reichs fiel mir das oben genannte Buch in die Hände. Von der Seite, aus der es fiel, hieß es, ich solle es in jedem Falle berücksichtigen und bei einem möglichen, niedergeschriebenen Ergebnis meiner Arbeit über dieses Thema zu Wort kommen lassen. Das machte mich gezwungenermaßen aufmerksam und ließ mich das Buch anschauen. Es heißt in vollem Titel “Der Pfarrer von St. Jakob. Porträt eines Aufrechten. [Untertitel:] Karl Windschild in Köthen gegen Nazidiktatur und DDR-Willkür”, 1996 erschienen. Der vordere Umschlag trägt unter dem Haupttitel ein Bild, das die hohen Türme der Jakobskirche in Köthen zeigt. Dahinter wird es von einem überdimensional groß erscheinenden, die Bildfläche ausfüllenden Männergesicht, das in einem Vier-Stufen-Grau abgebildet ist, beherrscht. Es gehört, wie der Vergleich mit einem Foto auf der zweiten Seite ergibt, zu dem Titelhelden. Vorwegnehmend lässt sich sagen, die Bezeichnung “Titelheld” wird nicht nur von dieser Umschlaggestaltung, sondern auch durch den folgenden, über 250 Seiten starken Text suggeriert. Genaueres aber später.
Nach der Lektüre des Buches blieb mir nun einzig die Frage, welcher literarischen Gattung es angehören würde und welcher Anspruch sich damit verbinden soll. Der Blick auf den Autor half dabei auch nicht recht weiter, eher machte er es noch komplizierter: Günther Windschild ist, wie der hintere Umschlagtext durchblicken lässt, der Sohn des Protagonisten. Der Titel scheint es zwar benennen zu wollen: “Porträt eines Aufrechten”, also “Porträt” - “eines Aufrechten”, und von dessen Sohn geschrieben!? Wirklich klärend konnte das nicht sein. Erst meine Entdeckung der FLOB gab entscheidende, neue Anstöße. “Frei literarisch orientierte Beiträge” - und das vor mir liegende Buch ist einer! Doch eines nach dem anderen. Ich will die beiden Kriterien auf ihr Zutreffen auf Günther Windschilds Buch prüfen, also: frei literarisch orientiert und Beitrag.

Frei literarisch orientiert
Frei literarisch orientiert ist das Buch tatsächlich, und zwar in dem Sinne frei literarisch, dass er frei von Literatur- (und Quellen-) Belegen ist. Solche sind zwar am Ende des Buches zusammengestellt, im fließenden Text aber nirgendwo auch nur halbwegs nachvollziehbar angesprochen. Aber das ist ja eigentlich auch nicht schlimm: So gewinnt man als Leser den Eindruck, Günther Windschild habe alles, was er schreibt, als Augenzeuge selbst miterlebt. Hat er natürlich nicht, würde er sicher auch nicht behaupten, aber interessant ist dann schon, zwischen welchen Polen die Autorenperspektive anscheinend spielerisch und selbstverständlich sich zu bewegen vermag. So beurteilt er souverän das Vorgehen der anhaltischen Kirchenleitung im Dritten Reich, die von sogenannten Deutschen Christen besetzt war, also von Theologen und Juristen, für die Hitler mehr oder minder die Qualität einer göttlichen Offenbarung zukam. Er schreibt lässig: “Die Deutschen Christen, die ja auch den Landeskirchenrat in Dessau vereinnahmt haben, ziehen [...] nun mächtig vom Leder.” (S. 78). Ebenso spielerisch charakterisiert er die gegnerische Kirchenpartei, die sogenannte Bekennende Kirche, der auch der Protagonist, der Pfarrer Karl Windschild, wohl heldenhaft angehörte: “Frühjahr und Frühsommer 1937 werden für Pfarrer und Gemeinden der Bekennenden Kirche zu einem Alptraum. [...] Im Reichsbruderrat in Berlin wird Pastor Martin Niemöller immer mehr zu einer Symbolfigur des Kirchenkampfes.” Denn “an ihm will Hitler ein Exempel statuieren.” (S. 80) Mit großem Ernst darf man dies alles zur Kenntnis nehmen und sich dabei vertrauensvoll auf die hohe historisch-sachliche und hermeneutische Kompetenz des Autors verlassen. Das stellt auch gar kein Problem dar, wird doch dieses notwendige Vertrauensverhältnis zwischen Leser und Autor behutsam durch eine Vielzahl intimer Gefühlsschilderungen vorbereitet und aufgebaut. So erlaubt Windschild an vorangehender Stelle einen bewegenden Einblick in seine unmittelbare Quellenarbeit, der so tief ist, dass jedes äußerliche, quellenkritische Interesse nur völlig banal werden kann: “Aber dann traue ich meinen Augen nicht, als ich weiterlese:” An dieser Stelle bekennt sein Vater, also der titelwürdige Karl Windschild, dass er auch schon einige Male den sogenannten Deutschen Gruß mit der rechten Hand vollzogen habe. Nun darf der Leser an den innersten Empfindungen des offenbar enttäuschten Sohnes teilhaben: “Diesen Satz lese ich immer und immer wieder, weil mir sein Inhalt nicht in den Kopf will.” Nun ist man als Leser so stark berührt, dass nicht einmal die nun folgende, möglicherweise contrafaktische Aussage eine Rolle spielen kann oder gar Verwunderung auslöst. Der Sohn schreibt so schlicht wie beteuernd: “Mit ‘Heil Hitler’ hat er nie gegrüßt.” (S. 58) Nach den folgenden Beruhigungs- und Erklärungszeilen, die nun plausibel machen sollen, dass das schriftliche Bekenntnis zu dem Gruß keinen realen Anhalt hat und Karl Windschild wohl ein wenig getrickst haben könnte, darf man glücklicherweise auch schon wieder darüber lachen: “Hinter dieser Sache mit dem ‘Erheben der rechten Hand’ [nämlich statt des ganzen Armes] verbirgt sich am Ende wohl nichts anderes als die Erkenntnis, daß dieser Mann [Karl Windschild] auch ein richtiges Schlitzohr sein konnte. [...] Wie hätte er ohne Humor dem ständigen Druck standhalten können.” (S. 59) Ja, ja, das fragt man sich dann so ganz beiläufig, nachdem man auf den vorhergehenden Seiten bereits mit einer recht ansehnlichen Palette an Repressalien gegenüber dem Pfarrer der Bekennenden Kirche vertraut gemacht worden ist. Er hat einfach das Schlitzohr 'raushängen lassen und Humor gezeigt, so einfach ging das.
Die Beschreibungen der Repressalien in Nazizeit und früher DDR gehen natürlich ähnlich souverän von der Hand. Beim Nachdenken über die Ursachen dafür, dass seine eigene Schwester - wohl zu Anfang der 50er Jahre - nicht zur Oberschule zugelassen wurde, kann der Autor heroisch resümieren: “Daß Dorothea [seiner Schwester] im Jahr darauf die Zulassung zum Besuch der Oberschule verwehrt wurde, hat sicherlich in dieser staatskritischen Haltung meines Vaters eine ihrer Ursachen. Eine Windschild-Tochter hatte da keine Chance.” (S. 208) Zu ähnlich präzisen Äußerungen zeigt sich Günther Windschild bei der näheren Erläuterung dieser “staatskritischen Haltung” des Vaters imstande: “Ohne Zweifel hat der Mann das gemeldet ['der Mann' ist ein Lehrer, der Karl Windschild zum Gang ins Wahllokal überreden wollte, dieser aber ablehnte], wie überhaupt alles, was den SED-Leuten nicht in den Kram paßte, das Schuldkonto Windschilds belastete.” (S. 208) Hier gibt Günther Windschild eine klare Auskunft. Das Schuldkonto seines Vaters wird durch allerlei Kram belastet. Alles klar, mehr ist ja eigentlich auch nicht nötig zu wissen.
Und wenn doch? Dafür gibt es die höchst ergiebigen Kapitel, die so ausschließlich über Familienintimitäten berichten, dass man es gleich erkennen soll und sich dies nicht, wie bei den meisten anderen, erst beim Lesen erschließt. Mustergültig dafür ist ein Kapitel mit “Du hast ja einen Klaps!” (S. 90) überschrieben und legt ausführlich an mehreren Beispielen die väterliche Verhaupraxis dar. Der Titelsatz stellt sich als grenzüberschreitende Provokation des Autors gegenüber seinem Vater heraus, der ihn daraufhin ohrfeigt und zur Verbannung auf den Flur befiehlt. Doch auch in diesen ungleich detaillierteren Passagen des Buches wahrt Günther Windschild die gewohnte Souveränität und kann nicht nur mit zeitlichem Abstand, sondern anscheinend auch mit einem gewissen emotionalen zu seinem Vater bilanzieren: “Der Mann hat ganz selten geschlagen. [...] Aber der seelische Schmerz, der doch schon mal dem kindlichen Gemüt zugefügt wird, noch dazu vom eigenen Vater, ist ja ungleich größer.” (S. 90) Da hat er wohl Recht. Allerdings tut sich spätestens an solchen Stellen irgendwie die Frage auf, wer eigentlich nun der wahre Titelheld des Buches ist. Karl oder Günther, Vater oder Sohn. Damit klingt nun schon deutlicher die Frage nach dem Beitrag an, die bei der Gattungsbestimmung weiter helfen soll.

Beitrag
Die Frage, wozu das “Porträt eines Aufrechten” nun einen Beitrag darstellt, ist wesentlich schwieriger zu beantworten als die Charakterisierung “frei literarisch orientiert”. Doch versucht man das herauszufiltern, was alle Kapitel gleichermaßen durchzieht, dann muss sich der Blick von der soeben gemachten Beobachtung erhellen lassen. Es ist die Beobachtung, dass entgegen dem, wie es der Titel zunächst suggeriert, nicht Karl, sondern Günther Windschild, der Autor selbst, der Protagonist des frei literarisch orientierten Beitrags ist. Weder irgendwelche Bedrohungen von Gestapo und deutsch-christlicher Kirchenleitung im Dritten Reich, noch die massiven Repressalien aufgrund professionellen Nicht-in-den-Kram-Passens unter der SED bilden die Essenz von Günther Windschilds Ausführungen. Nein, sondern das in wohl jedem Kapitel präsente Vater-Sohn-Verhältnis entpuppt den vermeintlichen frei literarisch orientierten Beitrag nicht nur als Historien-, sondern als handfesten Familienroman, der aus der Perspektive eines allwissenden Ich-Erzählers, nämlich des Sohnes Günther, verfasst ist. In bemerkenswerter Weise webt Windschild das ergreifend geschilderte Familienschicksal in das historische Umfeld ein, sodass sich Vergleiche mit Werken bekannter Autoren wie Siegfried Lenz' Heimatmuseum schon fast aufdrängen.

Geläutert von dieser gereiften Erkenntnis, die nun deutlich über die hypothetische Anfangsvermutung hinausgeht, darf es nun noch meine ehrenvolle Aufgabe sein, mein eigenes Ergebnis dieser näheren Betrachtung als frei literarisch orientierten Beitrag zu qualifizieren, dessen Beitragsleistung darin bestehen möge, ein gutes Beispiel für die rechte Beurteilung von Beiträgen geliefert zu haben. Oder vielleicht klarer und (wieder) nüchterner ausgedrückt: Nicht alle Beiträge tragen etwas bei; viele sind Romane und tragen etwas anderes bei, als möglicherweise beabsichtigt schien. Noch einfacher und analog zu dem Sprichwort “Schuster, bleib bei deinen Leisten!” formuliert, wie auch auf den vorliegenden Untersuchungsgegenstand gemünzt, möchte ich abschließend sagen: “Sohn, bleib bei Deinen Kindheitserinnerungen!”

  • Günther Windschild: Der Pfarrer von St. Jakob. Porträt eines Aufrechten. Karl Windschild in Köthen gegen Nazidiktatur und DDR-Willkür, Dessau 1996.
Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 21. Oktober 2007 )
 
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