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Rezension: Kärlek På Svenska1

Ute Thalheim,
Leipzig

Wenn man an Bücher aus Schweden denkt, fallen einem zumeist lustige Kinderbücher oder düstere skandinavische Krimis ein, und dann vielleicht noch der neue IKEA-Katalog, aber sicher nicht zuerst Liebesgeschichten. Dafür sind ja eher die südlicheren Gefilde berühmt. Kein Zufall, dass Romeo und Julia in Verona litten und liebten und nicht in Stockholm, meint man.
Aber halt!
Ein Buch ist angetreten, den Beweis zu erbringen, dass die Liebe im Norden nicht minder tiefgehend, nicht weniger leidenschaftlich ist als in mediterranen Breiten und dass die kühle Fassade, hinter der sie sich versteckt, eben nur das ist: Fassade.

Oberflächlich scheint På Svenska! eine recht sachliche Romanze zu erzählen - bieder, vernünftig und prosaisch. Unter dieser Oberfläche aber brodelt es vor unterschwelliger Erotik und kaum im Zaum gehaltener Leidenschaft. Dazu präsentieren uns die Autorinnen Ulla Göransson und Mai Parada die Geschichte um die Liebe von Daniel und Åsa so frisch und unverbraucht, wie wirkliche Liebesgeschichten immer wieder sind, abseits jeglicher Klischees.
Bedauerlich, ja unverständlich, dass von diesem auch durch seine Erzähltechnik geradezu einzigartigen Roman immer noch keine deutsche Übersetzung erschienen ist.

Zunächst gibt sich På Svenska! überhaupt nicht als Liebesroman, ja, nicht einmal als Roman - eigentlich fällt es schwer, dieses Buch in irgendeine bekannte Kategorie der Belletristik einzuordnen, weil es so anders ist.
Es beginnt kommentarlos mit einer Aufstellung der Hauptpersonen (Angehörige der Familien Sandström und Nilsson), wie man sie aus Dramen und vielleicht noch aus historischen Romanen kennt. Die Handlung findet aber eindeutig in einem vage im späten 20. Jahrhundert angesiedelten Schweden statt.
Es braucht zugegebenermaßen einige Zeit, sich an den ungewöhnlichen Erzählfluss zu gewöhnen. Gerade am Anfang ist es nicht ganz einfach, den roten Faden zu finden. Menschen aller Herren Länder treffen sich irgendwo (Eine internationale Konferenz? Ein Festival? Das bleibt offen.), begrüßen sich, betreiben ein wenig Smalltalk und verabschieden sich dann wieder, um danach in ganzen Buch niemals mehr aufzutauchen. Dann folgen Momentaufnahmen anderer Menschen auf ihrem morgendlichen Weg zur Arbeit, die zum Anlass philosophischer Betrachtungen über nichts Geringeres als die Zeit werden, beeindruckend durch ihre schnörkellose Konstatierung: “En vecka har sju dagar(…). En månad har fyra veckor. Ett år har tolv månader (…)”2.
Erst nach einem weiteren, verwirrenden Abschnitt über Zahlen und Uhren, der vielleicht noch zu dem vorangehenden gehörig verstanden werden muss, tritt der Hauptheld Daniel Sandström ins Geschehen. In knappen Sätzen wird sein bisheriges Leben abgehandelt, man erfährt, dass er in Stockholm geboren wurde, aber jetzt in Lund lebt und studiert. Er plant, in den Ferien nach Göteborg zu fahren. Dann trifft er einen Freund und der Fokus des Buches verlässt ihn auch schon wieder, springt um auf andere beiläufig Bekannte, die sich grüßen, hüpft weiter zu einer kurzen geographischen Übersicht Schwedens und wieder weiter zu einer idyllischen Parkszenerie. Wir treffen Daniel wie zufällig beim Telefongespräch mit seiner Mutter wieder, aber erneut schweift der Fokus ab, man belauscht andere Telefongespräche, die in keinem sinnfälligen Zusammenhang zu stehen scheinen. So geht es weiter: die eigentliche Geschichte um Daniel und Åsa wird dauernd unterbrochen und durchwoben von z.T. seltsam anmutenden Passagen, die einen Blick nicht nur auf Leben und Sitten der Schweden werfen, sondern auch in geradezu enzyklopädischer Besessenheit alle möglichen Speisen und Getränke, Kleidungs- und Möbelstücke einzeln aufzählen. Der Sinn dieses stilistischen Mittels muss offen bleiben: soll es zum Philosophieren anregen oder eher Zufälliges und Alltäglichkeit simulieren, in die die Liebe eingebettet ist?
Eines der Glanzlichter des gesamten Werkes ist sicher der restaurangbesök3 vor Daniels Abreise nach Göteborg. So viel Sehnsucht und Verständnis ohne Worte, soviel knisternde Erotik, ohne sie aussprechen zu müssen!
Wie im gesamten Buch liegt auch hier die Leidenschaft dicht unter der sachlichen Oberfläche. Daniel und Åsa bestellen ihre Gerichte, plaudern leichthin über Daniels Urlaubspläne (nicht bedeutungslos sicher, dass er vorhat, allein zu fahren, während Åsa als pflichtbewusst arbeitende Polizistin zurückbleibt) und beschließen, später doch noch ein paar Tage zusammen wegzufahren. Bis hierher sachlich, oberflächlich, kühl.
Da plötzlich bricht Daniel unvorhergesehen die Oberfläche auf, indem er gesteht, wie oft er an sie denkt und dass sie ihm den ganzen Urlaub lang schrecklich fehlen wird. In einem amerikanischer Roman wäre dies kaum mehr als eine Höflichkeitsfloskel, hier aber steht dieses Liebesgeständnis in einer Einzigartigkeit und Pathetik da, dass Åsa sich genötigt sieht, abzuwiegeln, er solle doch nicht sentimental werden. Doch wie sehr sie selbst von Gefühlen ergriffen ist, bemerkt man, als sie auf ein anderes Thema abzulenken versucht und ausgerechnet Kaffee wählt. (Es muss sicher nicht noch erwähnt werden, welche Assoziationen dieses heiße, schwarze Getränk bietet.) In einer Art freudschem Versprecher offenbart sich Åsa : “Ich möchte jetzt einen Kaffee - und dich.”
Nun gibt es kein Halten mehr. Nur noch wenige vorher noch zu treffende Entscheidungen trennen das Paar vom Liebesakt: Gleich “Kaffee”4 oder erst noch aufessen? Zu mir oder zu dir? Daniel fallen die Antworten leicht: Nein, er sei plötzlich satt5 und man könne bei ihm “Kaffeetrinken”. Ein pikantes Detail lässt er nicht aus: sein Kaffee sei ja so gut.
Åsa scheint seiner Meinung zu sein und schließt mit einem atemlosen: “Bezahlen wir gleich?”
Dann springt der Erzählfokus in gewohnter Weise weiter und der leicht zu erratende Rest bleibt der Vorstellungskraft des Lesers überlassen.

Diese kleine Kostprobe möge genügen, einem zukünftigen Leser Lust auf mehr zu machen.
På Svenska! ist zugegebenermaßen ungewöhnlich, die Erzähltechnik fremdartig, manchmal schwierig. Wer sich aber auf das Experiment einlässt, dieses Buch tatsächlich von Anfang bis Ende zu lesen, wird mit einem Leseereignis der besonderen Art, einer der anrührendsten Romanzen des letzten Jahrzehnts und viel skandinavischem Lokalkolorit belohnt.

Und kann am Ende möglicherweise Schwedisch.

Ulla Göransson und Mai Parada: På Svenska! Svenska som främmande språk. Lärobok, Folkuniversitetets förlag, Lund 1997, 120 Seiten, Preis auf Anfrage


[1] dt.: Liebe auf Schwedisch!
[2] dt.: “Eine Woche hat sieben Tage(…). Ein Monat hat vier Wochen. Ein Jahr hat zwölf Monate(…).”
[3] dt.: Restaurantbesuch
[4] Interessant für den deutschen Leser dürfte die Tatsache sein, dass das Verb “Kaffeetrinken”im Schwedischen “ficka” (!) lautet.
[5] Wissenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass Daniel sonst geradezu ständig als hungrig beschrieben wird. Ob es sich um einen Hinweis auf die Ovidianischen Liebessymptome wie Appetitlosigkeit handelt, bleibt dennoch aufgrund der Gesamtdarstellung im Werk als sehr bodenständig zu bezweifeln.
 
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