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„mit dem Teuffel vereiniget“ - das Pennalwesen an den Universitäten im 17. Jahrhundert Drucken E-Mail
Geschrieben von Monika Hanauska   
Samstag, 22. September 2007

“mit dem Teuffel vereiniget”
das Pennalwesen an den Universitäten im 17. Jahrhundert

Monika Hanauska,
Trier
Am 8. Mai 1633 wendet sich die altehrwürdige Alma Mater Wittenbergensis in einem hilferufartigen Schreiben an die Universiäten Helmstedt, Jena, Leipzig, Marburg, Königsberg, Frankfurt an der Oder und Straßburg. Das Ansehen der Universitäten ist in Gefahr, denn es breitet sich ein Unwesen unter den Studenten aus, das nicht wenige Eltern davor zurückschrecken lässt, ihre Söhne an eine der genannten Universitäten zu schicken: der Pennalismus.
Was wohl aus einem übermütigen Schabernack unter Studenten entstanden war und sich allmählich zu einem Initiationsritus entwickelt hatte, stellt in den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts und somit mitten im 30-jährigen Krieg ein wohlinstitutionalisiertes System des Drangsalierens dar. Die neu an einer Universität Immatrikulierten müssen sich ein Jahr, sechs Monate und sechs Tage lang ihren älteren Mitstudenten zur Verfügung halten, ihnen zu Diensten sein, sie finanziell aushalten und sich von ihnen demütigen lassen. Erst nach Ablauf dieser Zeit wird ihnen dann die “Absolution” erteilt und sie als vollwertige Mitglieder ihrer Studentenverbindung, ihrer Nation angesehen. Bis dahin werden sie als rechtlose “Pennäle” angesehen, woraus sich die Bezeichung dieses Brauchs ableitet.1
Solche Initiationsriten scheinen so alt wie das Studententum selbst zu sein. Bereits im Mittelalter gibt es an den Universitäten Aufnahmezeremonien, bei denen die meist noch sehr jungen Studenten (ein reguläres Eintrittsalter oder eine formale Grundvoraussetzung wie eine Reifeprüfung gibt es an kaum einer mittelalterlichen Universität) von der Muttermilch entwöhnt und an den neuen Status herangeführt werden sollen. Dabei müssen sie eine Art Aufnahmeprüfung bestehen, bei der ihnen beispielsweise Eselsohren an den Hut geheftet und Schweinezähne in den Mund gesteckt werden, mit denen sie dann Fragen beantworten müssen, ohne dass ihnen die Zähne aus dem Mund fallen. Der tiefere Sinn dieser Aktion liegt wohl in der allgemeinen Belustigung der älteren Studenten und natürlich in einer Legitimation zu außerplanmäßigem Alkoholgenuss. Für die mittelalterlichen Studenten stellten diese Riten ein Ausbrechen aus dem ansonsten sehr strikten, eher klösterlich-kargen Universitätsalltag dar. Daher ist es auch wenig erstaunlich, dass sich derartige Bräuche in allen europäischen Ländern nachweisen lassen.2
Warum also fürchtet die Universität Wittenberg um ihr Ansehen, wenn es sich hier nur um einen traditionellen Studentenbrauch handelt, der an jeder Uni auf die eine oder andere Art praktiziert wird?
Dies zu erklären macht einen kleinen historischen Exkurs notwendig. Mit der Reformation in den deutschen Ländern begann sich auch das Hochschulwesen grundlegend zu verändern. Die mittelalterliche Universität war noch stark von der katholischen Kirche beeinflusst gewesen, da ihre vornehmste Aufgabe ja die Ausbildung von Theologen war. Daher hatte auch die Organisation des Studentenalltags viele Elemente des klösterlichen Lebens: die Studenten lebten zusammen auf dem Universitätscampus in sogenannten Kollegien und wurden streng vom Universitätspersonal, von den Pedellen beaufsichtigt. Die Freiheiten der Studenten waren daher arg beschnitten und selbst die oben erwähnten Aufnahmeriten, die sie untereinander durchführten, waren meist dem Oberkommando eines Aufsehers unterworfen.
Im 16. Jahrhundert jedoch, im Zuge der Reformation, brechen diese Strukturen an den nun protestantischen Universitäten auf. Den Studenten werden neue Freiheiten zugestanden, sie haben das Recht, sich in der Stadt Privatunterkünfte zu suchen und organisieren nun ihren Alltag mehr oder weniger selbstständig.3 Neue Bedeutung bekommen die "Nationes", Landsmannschaften, in denen sich die Studenten je nach Herkunft vereinigen. Obwohl es die Nationes bereits im Mittelalter gegeben hat, kann man doch von einer neuartigen Form der Vereinigung sprechen, da diese gleichzeitig auch eine Art der Studentenvertretung gegenüber der Universität und dem Lehrkörper darstellt. So weit, so unspektakulär.
Doch die Nationes erlangen eine immer dominantere Stellung in der Studentenkultur. Die Zugehörigkeit zu einer Nation wird sehr wichtig, weil sie ein einigermaßen ungestörtes Studieren ermöglicht, vor Übergriffen anderer Studenten und Nationes schützt und sich um soziale Belange und wirtschaftliche Probleme der Mitglieder kümmern soll: “Es geben vors andere die National-Brüder vor, darum verbinden sie sich, und halten auch ihre Conventen, daß sie ihren armen Landes-Leuthen möchten zu Hülffe kommen, sie in ihrem Studiren befördern, in Schwachheit und Kranckheit ihnen aufwarten, ja wenn sie sterben, ehrlich zur Erden bestetigen.”4
Doch um einer Nation beitreten zu können, sind die Studienanfänger gezwungen, den Aufnahmeritus zu durchlaufen, der in der bedingungslosen Unterwerfung unter die Gebote der älteren Studenten besteht. Dies ist nicht selten mit einem erheblichen finanziellen Aufwand verbunden, denn zu Beginn und zum Abschluss des Pennaljahres mussten die Pennale ein großes, üppiges Bankett für die Mitglieder der Nation ausrichten, das “wegen der niendlichsten speisen, köstlichen weines und herrlichsten confects (der spielleute und anderer sumptuositäten [...] ganz zu schweigen) auf hundert und mehr thaler”5 an Kosten kommen kann, “dadurch dann die eltern, welchen ohne das bei diesen schweren zeiten einem thaler aus ihrer nahrung zu entbehren schwer fellet, [...] in unnöthige kosten gefuhret werden.”6
Man bedenke, dass sich derlei Praktiken während der Zeiten des 30-jährigen Krieges zutragen. Doch damit beileibe nicht genug. Während dieser Pennalschmäuse müssen die Pennale “unter den Tisch kriechen und mautzen, Nasenstüber aushalten, Bier und andere Sachen hohlen, Schuhe putzen und alle andere Jungen-Dienste verrichten.”7
Darüber hinaus werden sie gezwungen, ihre “guten Mäntel, Halskrausen, Bücher und andere Sachen mehr” den sogenannten Schoristen zu übergeben und selbst “in durchlöcherten Huten, zerrissenen Kleidern und Hosen, an statt der Schuhe, in garstigen Pantoffeln einher[zugehen]”.8
Kein Wunder also, dass Wittenberg und auch andere protestantische Hochschulen um ihren guten Ruf fürchten und bereits einen Rückgang der Neuimmatrikulationen zu beklagen haben, da viele Eltern ihre Kindern nun lieber auf Universitäten im Ausland, wohl auch in katholische Länder schicken, wo sich dieses ausschweifende Pennalwesen nicht verbreiten konnte.
Warum aber haben die katholischen Universitäten kein Problem mit solchen studentischen Umtrieben?
Bei der Neuorganisierung des Universitätsapparates schlugen die katholischen Hochschulen einen anderen Weg ein als die protestantischen. Sie orientierten sich stärker am französischen Universitätssystem, in dem die Studenten auf dem Campus in einzelnen Kollegien untergebracht waren. Gleichzeitig wurde das Unterrichtswesen im katholischen Deutschland stark von einem religiösen Orden beeinflusst: den Jesuiten. Die straffe Organisationsstruktur und die strikte Unterwerfung unter die monastischen Ideale wie auch das Streben nach Wissen und Gelehrsamkeit, für die der Orden eintraten, wirkten sich auch auf die Studentenkultur aus. Kurz gesagt, es ist wohl das zweifelhafte Verdienst der jesuitischen Unerbittlichkeit, dass sich an den katholischen Universitäten des deutschen Reiches der Pennalismus gar nicht erst ausbreiten konnte.
Ganz anders in den protestantischen Ländern. Hier sind es in erster Linie die Theologiestudenten (!), die derart über die Strenge schlagen, dass bei einem ausgearteten Pennalschmaus in Jena 1644 sogar mit militärischer Gewalt eingegriffen werden muss.9
Die Universitäten beschließen daher bereits 1633, ein Bündnis einzugehen, um dem Pennalismus Einhalt zu gebieten. Konkret bedeutet dies, dass sie Studenten, die jüngere Mitstudenten quälen, von der Universität verweisen. Durch den Verbund soll es diesen verwiesenen Studenten auch nicht möglich sein, an einer anderen Uni ihr Studium und ihr Unwesen fortzusetzen.
Obwohl diese Maßnahme sinnvoll erscheint, kommt sie trotz zahlreicher Versuche nicht zustande. Der Grund dafür liegt da, wo man ihn am wenigsten erwarten sollte, nämlich bei den Professoren. Zum einen halten viele Professoren einen Universitätsausschluss für eine übertriebene Strafe, zum anderen aber profitieren auch nicht wenige Dozenten von dem Pennalschmaus-Unwesen. Nicht nur, dass sie an den Gelagen selbst teilnehmen, nein, einige befördern auch die Veranstaltung derselben.10 Dadurch entsteht natürlich ein sehr uneinheitliches Verhältnis gegenüber dem Pennalismus, an dem der Zusammenschluss der Universitäten immer wieder scheitert.
Zudem scheinen einige Universitäten über mehr oder weniger lange Zeiträume diese Praktiken in den Griff zu bekommen und klinken sich dementsprechend aus den Verhandlungen aus, bis wieder eine neue Welle des Pennalismus für Unruhe bei ihnen sorgt.
Natürlich spielt auch der Krieg, der immer wieder auflodert, eine entscheidende Rolle und verhindert ein schnelles Zusammenfinden zwischen den Universitäten auf der einen Seite und der Obrigkeit auf der anderen.
Diese Uneinigkeit machen sich die Studenten selbstverständlich zunutze. Da ihnen keine übergreifende Bestrafung droht, sondern nur eine auf lokaler Ebene, die im Schlimmstfall die Relegation von einer Universität bedeuten kann, nicht aber die Relegation von allen Universitäten, nehmen sie keinen Abstand von ihrem Treiben. Einer der traurigen Höhepunkte ereignet sich in Rostock, wo ein gequälter Pennal keinen anderen Ausweg sieht, als seinen Peiniger zu erstechen.11
Endlich beginnen die Universitäten zusammenzufinden. Sie verabschieden gemeinsame Programme, um die Wurzel des Übels bekämpfen zu können. Dabei gehen sie sowohl gegen die Schoristen, also die älteren Studenten als auch gegen die Pennale vor. Wird ein Pennal in unziemlicher, zerrissener Kleidung angetroffen, so erwartet ihn eine empflindliche Strafe. Dadurch erhoffen sich die Universitäten, die Neustudenten vom Pennaljahr abschrecken zu können. Gleichzeitig müssen sich alle Studenten in die Matrikellisten eintragen und die Einhaltung der Universitätsgesetze schwören. Dadurch werden sie zum einen als Personen greifbar und gleichzeitig auch im Falle von Regelverstößen rechtlich belangbar. Studenten, die ihre Mitstudenten misshandeln, droht nun die Relegation von allen Universitäten.12
In einem zweiten Schritt schafft die Universität Wittenberg die Nationes ab.13 Diesem Beispiel folgen zahlreiche Universitäten. 1682 verbietet der Kurfürst Johann Georg III von Sachsen das Nationenwesen. Somit ist dieser Versuch der studentischen Selbstverwaltung fürs Erste ad acta gelegt. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstehen unter gänzlich anderen Vorzeichen neue Studentenvereinigungen: die Burschenschaften. Zunächst als studentische Protestverbindungen gegen die Politik der Restauration initiiert, steigern sich viele in überdrehte nationalistische und chauvinistische Weltbilder. Gleichzeitig wird auch hier wieder ein Initiationsritus eingeführt, der dem des Pennalismus nicht unnähnlich ist. In Wittenberg aber heißt es am 4. April 1666: “von pennalismo merkete man nichts mehr”14

Verwendete Literatur
  • Walter Friedensburg (Hrsg.): Urkundenbuch der Universität Wittenberg. Magdeburg 1927
  • Rainer A. Müller: Studentenkultur und akademischer Alltag. In: Geschichte der Universitäten in Europa. Bd. II. Hg. von Walter Rüegg. München 1996
  • Christian Schöttgen: Historie des ehedem auf Universitäten gebräuchlich gewesenen Pennal-Wesens. Dresden/Leipzig 1747
  • Joachim Schröder: Hellklingende vnd durchringende FriedensPosaune/ Das ist/ Eine Christeyffrige Vermahnung zum Friede. Dem vber alles Hochelobten ... Herrn Ferdinando dem Dritten/ Erwehlten Römischen Käyser ... Zur Ermunterung Daß er dem Könige der Ehre/ die Thüre und Thore in in seinen Reichen und Academien, sonderlich in Deutschland/ daß der Ehrenkönig Christus zu uns könne einziehen/ wolle hoch und weit machen. 1640. zitiert nach Vgl. Christian Schöttgen (1747)

[1] Pennal (von lat. penna ‘Feder’) bezeichnete ursprünglich die Federbüchse, die die Studenten mit sich trugen und wurde schließlich zur Benennung für übereifrige Studenten, die jedes Wort des Dozenten mitschrieben. Da dies in erster Linie von Erstsemestern praktiziert wird, wurde Pennal/Pennäler zu einem Synonym für Erstie. Vgl. Christian Schöttgen: Historie des ehedem auf Universitäten gebräuchlich gewesenen Pennal-Wesens. Dresden/Leipzig 1747. S. 13.
[2] Vgl. Rainer A. Müller: Studentenkultur und akademischer Alltag. In: Geschichte der Universitäten in Europa. Bd. II. Hg. von Walter Rüegg. München 1996. S. 282.
[3] Es sei jedoch davor gewarnt, die studentischen Freiheiten des 16. Jahrhunderts mit denen des 21. vergleichen zu wollen. Der Universitätsbetrieb war nichtsdestotrotz so rigide geregelt, dass die freie Zeit eines einigermaßen gewissenhaften Studenten doch ziemlich beschränkt war. So fanden die Vorlesungen beispielsweise von 6 bis 12 Uhr statt, danach musste revidiert werden.
[4] Joachim Schröder: Hellklingende vnd durchringende FriedensPosaune/ Das ist/ Eine Christeyffrige Vermahnung zum Friede. Dem vber alles Hochelobten ... Herrn Ferdinando dem Dritten/ Erwehlten Römischen Käyser ... Zur Ermunterung Daß er dem Könige der Ehre/ die Thüre und Thore in in seinen Reichen und Academien, sonderlich in Deutschland/ daß der Ehrenkönig Christus zu uns könne einziehen/ wolle hoch und weit machen. 1640. zitiert nach Vgl. Christian Schöttgen: Historie des ehedem auf Universitäten gebräuchlich gewesenen Pennal-Wesens. Dresden/Leipzig 1747, S. 17.
[5] Urkundenbuch der Universität Wittenberg. Hg. von Walter Friedensburg. Magdeburg 1927. Urkunde vom 26. Januar 1647. Nr. 712, S. 136.
[6] Ebd.
[7] Schöttgen, S. 22.
[8] Ebd., S. 21 und 23.
[9] Vgl. ebd., S. 30 sowie Urkundenbuch der Univ. Witteberg, Urkunde vom 24. März 1644, Nr. 702, S. 128.
[10] Vgl. Urkundenbuch der Univ. Wittenberg, Urkunde vom 9. Dezember 1644, Nr. 704, S. 129, Anm. 1.
[11] Vgl. Schöttgen, S. 34f.
[12] Vgl. Urkundenbuch der Univ. Wittenberg, Urkunde um 1655, Nr. 727.
[13] Ebd. Urkunde vom 31. August 1661, Nr. 743.
[14] Ebd., Nr. 784, S 243.
Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 27. September 2007 )
 
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