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Serie Humanistenbriefe: Erasmus an Thomas Müntzer und Martin Luther Drucken E-Mail

Thomas Müntzer und Martin Luther

Thomas Müntzer an Erasmus am 25. November 1520
Lieber Erasmus!

Es hat Jesus Christus, der zarte Sohn Gottes, mit klaren Worten gesagt, wie seine geliebten Freunde und Apostel viel Verfolgung erdulden müssen. So bin ich gestern in einen Nagel getreten und bin jetzt als ein Auserwählter erkennbar, denn ich humple.1Als ein Knecht Gottes muss ich in Zwickau auch leiden, dass ein böser Feind des wahren, herbeigelittenen Glaubens schreibt und spottet wie der Endechrist selbst. Obgleich ein großes Ärgernis, hält er sich als ein Weiser und Kluger und müht sich, die Geringen zu Erzlügnern zu machen, sodass sie versucht werden, ihren Glauben zu verlassen - dabei verbietet Christus dies als Sünde, Mk 9[,42]!2 Doch es werden noch die Kleinen die Größten sein, wenn Christus kommt und seine Schafe selber weidet, Mt 13[,31-32]3. Dabei will er Dein Schüler sein!4 Ich hab nun viel gehört von Deiner Weisheit und weiß auch, dass Du ein demütiger Mann bist. Darum will ich Dir kundtun, was der Hans Egran für eine Lehre aufstellt, die eines pharisäischen Schriftgelehrten nur zu würdig wäre.5 Es gibt in Zwickau eine große Gemeinde von Armen und Geplagten.6 Sie sind alle sehr fromm und werden gewiss das Reich Gottes besitzen, denn Egran glaubt nicht ihrem Glauben und lästert über ihre Innerlichkeit, Mt 5[,11]. Er glaubt nicht, er hält nur für wahr und tut den Glauben nicht, Hebr 11. Er hört die Stimme Gottes nicht und will den toten Buchstaben erheben, um mit geistloser Vernunft den Frieden seiner Seele zurecht zu lügen.
Ein besonderes Opfer dieses Lügners ist Nikolaus Storch,7 der den heiligen Geist und göttliche Wahrheit hat und mehr und besser glaubt, als Hans Egran und alle Franziskaner gemeinsam.8
Wisse nun, lieber christlicher Bruder, dass große Gefahr besteht für Egran. Denn es werden die falschen Propheten untergehen, Ps 1[,4.5], Jer 23[,11-12], und sich selbst zu Grunde richten, 2 Pet 2[,1], dass der Zorn und die Herrlichkeit Gottes an Ihnen offenbar werde. Aber wenn er sich bekehrt und übergeht ins Lager des strafenden Armes Gottes, so wird er leben, Jer 21[,4-9].9
Also bitte wirke bei Egran für die rechte Sache Gottes, und tue es schnell, Gen 19[,22?]10!
Der Friede, der der Welt Feind ist, sei mit Dir,
Dein
Thomas
Erasmus an Thomas Müntzer am 30. November 152011
Liebster Thomas!
Mit großem Interesse habe ich gelesen, was Du mir von Egran und Storch geschrieben hast. Doch leider habe ich keine Zeit, Dir lang zu antworten. Ein Haufen Briefe muss geschrieben werden, denn wer schreibt, der bleibt. So tue ich es kurz.
Bemühe Dich um Frieden mit dem Egran und schicke mir den Storch doch einmal vorbei, damit ich ihn verhöre, ob er wirklich die göttliche Wahrheit spricht, wie Du sagst.12
Ich, Erasmus, der ich den Brief geschrieben habe, grüße Dich im Herrn, Röm 16[,22].13

Erasmus an Martin Luther am 30. November 152014
Lieber Martin,
Von Thomas Müntzer habe ich noch nie vorher was gehört. Er schickte mir gerade den anliegenden Brief zu. Nun bin ich etwas in Verlegenheit. Ich kann nichts anfangen mit der “Stimme Gottes” und so. Ich kenne mich mit Mystik zwar auch aus und habe von ihr gelernt, aber ich dachte, Auditionen seien schon eine Weile aus der Mode.
Wenn Du mir Dein Urteil über Brief und Person dieses Predigers zukommen lassen könntest, wäre das sehr nett. Schließlich kennst Du Dich in der deutschsprachigen Dominikanermystik vom Oberrhein besser aus als ich, und der Kerl scheint mir Tauler gelesen zu haben.15
Aber bitte beeil Dich mit der Antwort, ich halte den Jeremia so lange hin.16
Grüße den Philipp,17 ich habe viel von ihm gehört. Leb wohl,
Dein Erasmus

Hier gibt es Differenzen unter den Editoren wegen der Datierung. Der Brief kann als Antwort auf Erasmus' Brief vom 30. November 1520 an Müntzer gelesen werden, und zwar weil auch in jenem von “großen Ärgernissen” die Rede war und in diesem von einem Haufen Briefe, der dränge. Aber die dezidierte Wittenbergfeindlichkeit spricht eher für spätere Jahre, da sich Müntzer bis weit in seine Allstedter Zeit hinein noch um einen Ausgleich mit Wittenberger Kräften bemühte. Seine Bemühungen galten außerdem besonders den sächsischen Fürsten. Und Kurfürst Friedrich saß in Wittenberg.
Trifft die Frühdatierung zu, wäre das folgende Dokument auf Anfang/Mitte Dezember 1520 zu legen. Müntzer bringt dann seinen Unwillen über inadäquate Antwort des Erasmus auf sein Ansinnen zum Ausdruck. Er betrachtet Erasmus' Zögern als Absage.

Allerliebster Erasmus!
Es ist die Christenheit in einem gar erbärmlichen Zustand.18 Leider gehörst auch Du zu denen, die sehen und hören und nicht sehen und nicht hören. Denn so sagt Mt 13, Jes 619: Mit den Ohren werdet ihr verstehen und sehen und mit den Augen hören und nicht verstehen20
Mit den Ohren werdet ihr hören und nicht verstehen und mit den sehenden Augen sehen und nicht erkennen.
Ich habe Dir von den großen Ärgernissen geschrieben, und Du gehorchst den Menschen mehr als Gott21 und hältst Dein Papier höher als die Not der Christenheit. Denn die arme Christenheit hat nach Dir verlangt als einem Helfer und Hirten, aber Du hast sie wie die faulen Pfaffen vertröstet und wehrst dem reißendem Löwen nicht. Die Gerechten auf einem Winkel verhören hilft nichts, wenn die Lüge der Verhörenden unverrückbar ist, Jer 8[,5].22
Das ist der Zorn Gottes, der da über Dir ist, Erasmus. Du wirst nicht vor ihm bestehen, wenn er kommt, um zu richten, der Herr Jesus. Sanft lebendes Fleisch, Du hast nicht um Deinen Glauben gerungen, darum kannst Du auch nicht Gottes Stimme hören! Da ist mir ja Wittenberg lieber!
Des Herren Erbarmen schenke Dir ein Damaskus, Apg 9[,1-18]23,
Dein Thomas,
ein Verstörer der Ungläubigen

PS: Ich hatte übrigens folgende Idee, über die ich das Urteil eines Intellektuellen brauche, wie Du einer bist: Die Regierung ist doch eigentlich dazu da, dem Volk zu dienen, indem sie die Bösen straft, Röm 13. Wenn also die Regierung nicht mehr die Bösen straft, müsste doch das Volk selbst die Bösen strafen und würde damit zur rechtmäßigen Regierung werden!24

Verwendete Literatur:
  • Walter Elliger: Thomas Müntzer. Leben und Werk, Göttingen 1976.
  • Hans-Jürgen Goertz: Thomas Müntzer. Mystiker, Apokalyptiker, Revolutionär, München 1989.
  • Thomas Müntzer: Schriften und Briefe. Kritische Gesamtausgabe, hg. von Günther Franz, Gütersloh 1968 (abgekürzt: MSB).
  • Gottfried Seebaß, ‘Müntzer, Thomas’, in: Theologische Realenzyklopädie 23, Berlin 1994, S. 414-436.

[1] Bestandteil der Theologie Müntzers ist, dass leidend Jesus Christus gleichförmig zu werden der Welt die eigene Gerechtigkeit zeigt, vgl. MSB 406,9-10.
[2] Müntzer pflegte besonders in seiner Zwickauer Zeit einen radikalen Antiintellektualismus. Der schlug sich zum Beispiel in dem Schimpfwort “Schriftgelehrte” wieder, mit dem er später gern die Wittenberger bedachte.
[3] Wahrscheinlich jedenfalls meint Müntzer das Gleichnis vom Senfkorn. Seine Auslegungen sind bisweilen etwas eigenwillig.
[4] Tatsächlich war Müntzer überhaupt erst als Vertretung für Egran nach Zwickau gekommen, weil letzterer sich auf eine Reise zu Willibald Pirkheimer und Erasmus von Rotterdam begeben hatte.
[5] Als guter Humanist sympathisierte Johannes Egranus 1520 (noch) mit der Wittenberger Reformation, obwohl die dortigen Reformatoren ihm gegenüber eher skeptisch waren. Als Prediger an der Marienkirche fuhr Egran einen reformfreundlichen, aber zurückhaltenden Kurs.
[6] Tatsächlich gab es in Zwickau einige soziale Spannungen. Müntzer war nach der Rückkehr Egrans an der Katharinenkirche Prediger, deren Gemeinde vorwiegend aus armen Tuchmachern bestand.
[7] Nikolaus Storch wurde von Müntzer als spiritualistischer Prediger “entdeckt”. Er wirkte offenbar schon vor Müntzer in Zwickau und wurde von diesem ermutigt und gelobt. Später sollte Storch bei den Wittenberger Unruhen im Frühjahr 1522 noch eine Rolle spielen.
[8] Mit den Franziskanern in Zwickau waren sowohl Müntzer als auch Egran schon aneinandergeraten.
[9] Der strafende Arm Gottes ist das Volk der Auserwählten. Ähnlich argumentierte Müntzer später den sächsischen Fürsten gegenüber.
[10] “Schnell, rette dich dorthin! Denn ich kann nichts tun, bis du dorthin gekommen bist. Daher nennt man die Stadt Zoar.” Zu Müntzers Exegese s.o. Anm. 3.
[11] Das Dokument hat sich als Palimpsest erwiesen! Unter dem hier edierten Text lassen sich nur noch ein paar Bruchstücke griechischer Buchstaben von Apk 19,19 erkennen (“Und ich sah das Tier und die Könige der Erde und ihre Heere versammelt, um mit dem, der auf dem Pferd saß, und mit seinem Heer Krieg zu führen.”). Offenbar hielt Erasmus das Dokument für nicht mehr aufhebenswert, nachdem er es in seinem Novum Testamentum von 1519 verwendet hatte.
[12] Da sich Storchs Spur nach 1522 verliert, könnte es sein, dass er die Reise nach Basel wirklich angetreten hat.
[13] “Ich, Tertius, der ich den Brief geschrieben habe, grüße euch im Herrn.” Offenbar parodiert Erasmus Müntzers Belegwut.
[14] Vor dem großen Streit um die Freiheit des Willens 1524/25 war das Verhältnis zwischen Luther und Erasmus noch unbelastet.
[15] Wie Erasmus zu diesem Urteil kommt, ist den Editoren nicht erschließbar - aber er hat Recht.
[16] Das ist offenbar auf seinen absurden Wunsch bezogen, Storch in Basel verhören zu können, s.o., Erasmus an Müntzer am 30.11.1520.
[17] Gemeint ist Philipp Melanchton.
[18] Das gehört zu Müntzers endzeitlicher Analyse seiner Zeit.
[19] Mt 13,14-15 wird Jes 6,9.10 zitiert.
[20] Offenbar hat Müntzer sich in der Erregung vertan.
[21] Anspielung auf Apg 5,29: “Petrus und die Apostel aber antworteten und sprachen: Man muß Gott mehr gehorchen als Menschen.”
[22] Müntzer verweigerte sich auch Luthers Anliegen 1523/24, ihn zu einem Glaubensverhör unter Theologen nach Wittenberg zu holen. So kann dieser recht situationsbezogene Satz keine Hilfe für die Datierung sein.
[23] Bericht über Paulus' plötzliche Bekehrung vom Verfolger der Christen zu einem Christen selbst.
[24] Bisher nahm man an, dass Münzters Brief vom 4. Oktober 1523 an Kurfürst Friedrich den Weisen und im Schreiben der Allstedter Gemeinde an Herzog Johann vom 12. Juni 1524 die ersten schriftlichen Zeugnisse von Müntzers revolutionären Theorien seien. Hier wird deutlich, dass er schon länger über solche Sachen nachdachte.
 
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