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Biblizistische Apologie des biblischen Sündenfalls Drucken E-Mail
Geschrieben von Conrad E. Neubert   
Freitag, 25. Mai 2007

Biblizistische Apologie des biblischen Sündenfalls

Conrad E. Neubert,
Jena

Es scheint ja gerade so, als ob Gen 3 heute gar nicht mehr als historisch angesehen wird. Dieser Gedanke ist Folge eines naturwissenschaftlichen Weltbildes, das von der Milliarden Jahre langen Entstehung der Welt, des Lebens und des Menschen wissen möchte. Zu diesen Dingen kann ich nichts weiter sagen, aber ich kann den zweiten und weniger bedeutenden Grund für die Ablehnung der Historizität der Geschichte vom Sündenfall destruieren, indem ich die behaupteten inneren Brüche untersuche und - ich habe es schon vorweggenommen und tue es nun ein zweites Mal - als eben nur angenommen und nicht dem Text entsprechend entlarve.

Das Problem

Die antibiblizistische Polemik nimmt an, dass die Entscheidung der beiden ersten Menschen, in den sogenannten "Apfel" zu beißen, von einem gerechten Gott gar nicht als schlechte Tat angesehen werden kann, weil sie ja eben nicht wussten, was Gut und Böse ist, also auch nicht entscheiden konnten, ob es gut oder nicht gut, böse oder nicht böse wäre, vom Baum zu essen. Also wäre entweder Gott ungerecht, womit die Geltung zahlreicher anderer Bibeltexte bestritten wäre, oder die Sündenfallgeschichte wäre nicht logisch und stimmte nicht.

Lösungsversuche

Man könnte dagegen einwenden: Es wurde dem Menschen doch gesagt, dass das Essen vom Baum böse ist, also wurde ihm in der entsprechenden Äußerung Gottes (Gen 2,17) ein Teil des göttlichen Wissens offenbart, ohne dass ihm damit eine umfassendere Fähigkeit zur Erkenntnis zuteil wurde.
Leider spricht der Text dagegen: Gott sagte nicht, dass das Essen böse sei, er sagte nur: "du sollst nicht essen" und warnt den Menschen vor dem folgenden Tod (Gen 2,17). Es kann nicht behauptet werden, dass dem Menschen bewusst war, dass der Tod schlecht war, denn das konnte er ja noch nicht erkennen.
Weiter könnte man sagen: Die Schuld der beiden besteht unabhängig von ihrer Erkenntnis, ob die Tat böse war - aber leider ist das Vergehen kein Vergehen gegen göttlichen Willen (und allein das ist doch Sünde, nichts sonst). Die Begründung des Verbotes ist nämlich: "denn an dem Tag, wenn du von ihm isst, wirst du des Todes sterben". Das bedeutet: es ist nicht verboten, vom Baum zu essen, weil Gott das nicht wollte, sondern die Gefahr der Folgen des Essens ist der Grund des Verbotes.
Außerdem und gewichtiger ist wohl: Es ist nicht gerecht, jemanden für eine Tat zu verurteilen, die er beging, ohne die allerkleinste Möglichkeit zur Beurteilung der Handlungsmöglichkeiten gehabt zu haben (der Mensch war ja ohne Erkenntnisfähigkeit des Bösen).

Die Lösung

Wie also könnte man den biblischen Text als gültig und kohärent bestätigen, ihn vor der Auslieferung an eine korrumpierende, angeblich vom freien Geist gesteuerte Hermeneutik retten?
Die Lösung ist einfach und evident (wenn man sie erklärt bekommt): Der Mensch wurde mit der Erkenntnis des Guten, aber ohne die Erkenntnis des Bösen geschaffen und entschied sich bewusst für den Verstoß, um Gott zu verherrlichen!
Vor einer vorschnellen Ablehnung dieser These lasse man mich ein paar Worte zu Erläuterung verlieren.

Die Früchte vom Baum der Erkenntnis schenken zwar Erkenntnis des Guten und des Bösen (Gen 2,9.17) doch das heißt nicht, dass jeder, der sie isst, vorher keine Erkenntnis gehabt haben muss.
Dass wenigstens Adam auch vor dem Essen die Erkenntnis des Guten hatte, erkennt man an Gen 2,18: Gott definiert es als "nicht gut" (also schlecht) dass der Mensch keine Gehilfin hat. Demzufolge ist es gut, wenn der Mensch nicht allein ist. Gott scheint nicht nur das Einverständnis Adams vorauszusetzen, als er ihm offenbar die Entscheidung überlässt, welches Wesen er als sein "Gegenüber" und "Hilfe" möchte (Gen 2,19f), sondern er setzt sogar voraus, dass Adam erkennen kann, welches Geschöpf diesem Guten, dass der Mensch erkennen kann, entspricht. Und der Mensch erkennt, was dem Guten entspricht: nämlich Eva (Gen 2,23: "Diese ist diesmal ...!" formuliert doch eindeutig eine Erkenntnis). Wenn nun etwas erkannt wird, dass einem guten Zweck dient und nur dieses Gute bewirkt (wenigstens auf der Erzählebene), dann wird Gutes erkannt.

Man muss auch zu Kenntnis nehmen, dass sich das Urpaar für den Biss in die Erkenntnis entschied, weil es erkannt hatte, dass es sich dabei um etwas Gutes handelt. Wie sonst soll man Gen 3,6 deuten: "Und die Frau sah, dass der Baum als Nahrung gut war …"?
Also hatte der Mensch schon vor dem Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis die Fähigkeit, das Gute zu erkennen.
Trotzdem gab es einen Erkenntnisgewinn mit dem Essen der Frucht. Schließlich war er "begehrenswert, weil er Einsicht gebe" (Gen 3,6). So ist das Erkennen, das nach dem Essen als neu betont wird, ein Erkennen des Negativen: Die beiden erkennen, dass sie nackt sind, und schämen und verstecken sich (Gen 3,7), weil "sie" die Nacktheit als etwas Schlechtes "erkennen".
So muss man auch die verlockenden Worte der Schlange neu deuten. Ihre Pointe ist nämlich, sie würden "Gutes und Böses erkennen" (Gen 3,5).

Das Essen der Frucht etwas Gutes? Oh ja! Und zwar muss man sich hier zuerst den Horizont des Urpaars bewusst machen. Der war fast ausschließlich die Gottesbeziehung - zumal in einer Zeit, da alles noch viel deutlicher mit Gott in Verbindung stand - war die Schöpfung doch noch jung und Gott mitunter sogar körperlich im Paradies anwesend (Gen 3,8ff: Gott sieht, hört, ruft, spricht vor sich hin, lustwandelt sogar). Ein Mensch kann jedoch in Beziehung zu Gott als einzig Gutes die Verherrlichung Gottes erreichen.
Auf welche Weise aber griffen die beiden ihr Vorhaben an?
Mittels ihrer Erkenntnisfähigkeit des Guten konnten Eva und ihr folgsamer Gatte vorauswissen, dass die Herrlichkeit Gottes sich als noch größer als in der Schöpfung schon erweisen würde, indem Gott den tödlichen Folgen des Essens wehren würde (ohne dabei freilich etwas zu vergeben, denn wie oben festgestellt, gab es nichts zu vergeben). Und sie beabsichtigten, dass Gott auch weiter Anlass zur Gnade gegeben werden sollte, indem sie den Grund für die Erbsünde legten!
Das wollten sie auf zweierlei Weise erreichen.
Einmal, indem sie von der Frucht der Erkenntnis aßen, damit sie für Verstöße gegen den göttlichen Willen auch zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Denn solange der Mensch nicht im Stande war, Böses zu erkennen, würde er nicht für seine schlechten Entscheidungen zur Rechenschaft gezogen werden können. Und nur durch verantwortete Entscheidung entsteht Schuld, also ein Anlass zur Gnade.
Zum Zweiten aber baten sie Gott, er möge sie mit den üblen Dingen belasten, die Gen 3,16-19 beschrieben sind und aus dem Paradies vertreiben (Gen 3,23 zielt auf die Erfüllung des Fluches Gen 3,17-19). Denn sie wollten erreichen, dass in der ewigen Seligkeit des Paradieses der Mensch nicht einfach ohne die Notwendigkeit zur Entscheidung vor sich hin lebte, sondern angesichts der Mühsal des Lebens einen Anlass zu schlechten Entscheidungen habe. Vielleicht wollten sie sogar die guten Entscheidungen mühseliger als die schlechten machen.
Die überkommene Deutung, die Liste Gen 3, 16-19 sei eine Strafe für das Vergehen der beiden, erledigt sich nicht nur durch die Unschuld der beiden, die ohne Erkenntnis des Bösen und ohne das Handel gegen Gottes Willen evident ist (siehe oben, "Lösungsversuche").
Diese Deutung hat auch keinen Anhalt im Text: Gott sagt nirgends, dass diese Dinge eine Strafe für die Menschen seien, vielmehr sagt er, dies alles geschehe Adam, "weil du gehört hast auf die Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht von ihm essen ..." (Gen 3,17). Und dieses "Du sollst nicht von ihm essen" ist nicht durch Gottes Willen begründet, sondern durch die Lebensgefahr des Fruchtgenusses (Gen 2,17). Offenbar war die Frucht des Baumes giftig. Wie schon unter "Lösungsversuche" erwähnt ist also auszuschließen, dass die Flüche Strafe sind.

So sind Adam und Eva also Ursprung der Sünde, ohne schuld daran zu sein. Sie aßen vom Baum und nahmen die heute erfahrbaren Lasten des irdischen Lebens auf sich, um den Menschen in Schuld zu stürzen, auf dass Gott seine Gnade herrlich erweisen könne.
Damit ist ein neues Bild frei von allen Brüchen erschlossen, die manche in diesen Text legen.

Exegese und Systematik können nun beginnen, Folgerungen zu ziehen.

  • Karl Elliger / Wilhelm Rudolph (Hgg.): 'Biblia hebraica Stuttgartensia', Stuttgart 1977.
Letzte Aktualisierung ( Freitag, 1. Juni 2007 )
 
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