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Rezension: Norbert Siegl: Toilettengraffiti aus einem Wiener Institutsgebäude E-Mail
Geschrieben von Monika Hanauska   

Rezension:
Norbert Siegl (Hg.): Toilettengraffiti aus einem Wiener Institutsgebäude, 2. Aufl. Wien 2002.

Monika Hanauska,
Leipzig

Mitunter fördern elektronische Katalogrecherchen in Bibliotheken Erstaunliches zutage: Bei der Suche nach Dokumenten und Urkunden zur preußischen Verfassungsgeschichte spukte der OPAC der Universitätsbibliothek Leipzig Folgendes aus: Toilettengraffiti aus einem Wiener Institutsgebäude.
Nun stellt sich natürlich die berechtigte Frage, welche Zusammenhänge wohl zwischen dem Staate Preußen, seiner Verfassungsgeschichte und den Schmierereien (pardon!) in Wiener Uniklos bestehen mögen. Um dies herauszufinden, hat die Verfasserin dieser Rezension zunächst einmal von ihrem primären Forschungsvorhaben kurzzeitig Abstand und das Corpus Curiositatis in Augenschein genommen.
Die österreichische Graffitiszene kann auf eine lange und reiche Tradition zurückblicken. Bereits im beginnenden 19. Jahrhundert gelangte der Wiener Beamte Joseph Kyselak zu landesweiter Bekanntheit durch seine Manie, öffentliche Plätze, Sehenswürdigkeiten, Naturmonumente u.ä. mit seinem Namenszug zu ver(un)zieren. Dass er damit den Grundstein zu einem sich bis in unsere Tage beliebten und gleichzeitig überaus verpönten "Jugendsport" gesetzt hatte, konnte er natürlich nicht ahnen.
Doch nicht nur die dem öffentlichen Blick durchgängig exponierten Lokalitäten sind Angriffsfläche für die kreative Triebtätigkeit der Graffitiverfertiger, sondern mit großer Vorliebe die stillen Örtchen des menschlichen Bedürfnisses. Aus diesem Grunde hat sich bereits im Jahr 1993 der Wiener Psychologe Norbert Siegl im Rahmen seiner Diplomarbeit an eine geschlechtsspezifische Auswertung der Toilettensprüche in einem Wiener Institutsgebäude gemacht. Im Zuge dieser Analyse entstand auch ein Transkript der vorgefundenen Latrinalia, die schließlich in edierter Form der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurden. Diese ist mittlerweile schon in der zweiten Auflage erschienen!
Die Anlage der Edition wurde weniger von philologischen als vielmehr von soziokulturellen Gesichtspunkten geleitet. So wird großer Wert auf die Wiedergabe des räumlichen Erscheinungsbildes im Sinne einer Differenzierung sowohl nach Herren- und Damentoiletten wie auch genauer Lokalisierung (Stiege – Geschoss – Kabine) gelegt. Diese Aufteilung ermöglicht es dem Herausgeber, geschlechtsspezifische Schlussfolgerungen aus seinen Transkripten zu ziehen wie beispielsweise, dass der Anteil der frauenzentrierter Themen auf den Wänden der Damentoiletten um ein vielfaches höher ist als in den Herrentoiletten. Zur Veranschaulichung dieser Untersuchungsergebnisse ist der Edition ein Diagramm, das den prozentualen Anteil der einzelnen Themen nach Geschlechtern untergliedert aufzeigt, vorangestellt. Ausführlichere Darstellungen der Ergebnisse sind in eigenen Publikationen zugänglich.1
In seinem Vorwort gibt der Herausgeber zwar an, auch die Position der Sprüche in den einzelnen Kabinen berücksichtigt zu haben, doch über eine Lokalisierung der einzelnen Wände geht die Genauigkeit der Edition nicht hinaus. Die einzelnen Eintragungen jedoch werden lediglich linear untereinander angeordnet, was wohl kaum der typographischen Realität einer graffitibeschmierten Klowand entsprechen dürfte. Lobenswert erscheint hingegen das Bestreben, auch die Zeichnungen, die Teil des Textensembles sind, in verschriftlichter Form wiederzugeben, wenngleich an manchen Stellen eine gewisse Hilflosigkeit angesichts der drastischen Gestalt der Vorlagen durchscheint: "Mann, Joint im Mund – steifer Penis spitzt, während Lederlady Peitsche schwingt." (S. 7)
Insgesamt handelt es sich also um eine diplomatische Edition, die versucht den Gegebenheiten der einzelnen Passagen gerecht zu werden, ohne jedoch eine Faksimilierung anzustreben. So bleiben fehlerhafte Schreibungen wie "primiv"(S. 5), "Nuten" (S. 75), "imputent"(S. 77) oder dialektale Einwürfe wie "die Wurscht is rund, der Zwieback eckig/den an gehts guat, dem andern dreckig." (S. 23) oder "Oaschbeidl" (ebd.) erhalten.
Ein Manko der vorliegenden Edition ist, dass sie über keinen Anmerkungsapparat verfügt, in dem Erläuterungen zu einzelnen Textpassagen wie beispielsweise zu österreichischen Politikernamen der frühen 90er Jahre, die zum Zeitpunkt der zweiten Auflage im Jahr 2002 nicht mehr jedem Benutzer ein Begriff sein werden. Zudem hätten in einem Apparat auch Lesartvarianten und Leseschwierigkeiten, die immer wieder einmal auftauchen, optisch günstiger vermerkt werden können als im eigentlichen Editionsfließtext.
Auch mangelt es an beigefügten Abbildungen, anhand derer man die Genauigkeit der Edition hätte überprüfen können. Lediglich auf dem Titelbild wird mit einem Foto ein Eindruck des transkribierten Textkorpus vermittelt. Da es sich hierbei jedoch um eine sehr kleinteilige Aufnahme handelt, kann kaum eine Überprüfung vorgenommen werden. Überdies – und das ist erstaunlich – zeigt das Foto vier Toilettenkabinen, während der edierte Text immer nur auf drei Kabinen pro Toilettenanlage verweist. Dies rechtfertigt die Annahme, dass es sich bei dem Titelbild irreführenderweise um eine nicht in die Edition einbezogene Toilette handelt.
Die vorliegende Edition ist insgesamt eine recht ordentliche Arbeit, die ihren Schwerpunkt eindeutig auf den soziologischen Aspekt der Latrinalia und weniger auf den philologischen legt. Obgleich die typographische Aufmachung durchaus ansprechender hätte gestaltet werden können, ist die funktionale Anlage des Editionstextes unverkennbar. Dies hat den Vorteil, dass der Benutzer ohne langwieriges Durcharbeiten durch umständlich beschriebene Editionsprinzipien sofort in den Text einsteigen kann. Wie bereits erwähnt, könnte ein zusätzlicher erläuternder Apparat dem Leser manches Mal das Verständnis erleichtern. Was den edierten Text an sich betrifft, muss sich jeder Leser natürlich der Inhalte und Thematiken, die Toilettensprüche beinhalten, im Voraus bewusst sein. Doch ignoriert man die extrem aggressiven politischen und sexistischen Textpassagen, findet man ab und zu einige witzige Dialoge und Bonmots: "Die Blumen sind nicht mehr bunt – Nimm doch deine sonnenbrille runter" (S.8) oder "Schützt die Tiere – esst Wurst statt Fleisch!" (S. 39). Allerdings machen diese Passagen kaum ein Drittel des Gesamttextes aus, für den Rest gilt eher der stark selbstreferentielle Spruch "Schädel sucht Fülle" (S. 4).
Warum nun aber dieser Titel bei einer Suche nach Dokumenten zur preußischen Verfassungsgeschichte erscheint, bleibt der Rezensenten weiterhin unerschlossen. Nun, irgendwie handelt es sich hierbei ja auch um "Dokumente" - und schließlich gab es sogar in Preußen Klos.

  • Norbert Siegl (Hg.): "Toilettengraffiti aus einem Wiener Institutsgebäude". 2. Aufl. Wien 2002, 121 S.

[1] Eine ausführliche Publikationsliste bietet der Herausgeber auf der Homepage des Instituts für Graffiti-Forschung unter www.graffitieuropa.org an.
 
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