Vermischtes

Liebe Leser und Besucher der Webseite,
aufgrund von Zeitmangel mussten wir das Erscheinen der F.L.O.B. leider einstellen, ABER..
weiter …
 
Home arrow Zeitschrift > Blog arrow Archiv arrow 02 (2007) arrow Rotkäppchen – Systematisch-Theologisch
Rotkäppchen – Systematisch-Theologisch E-Mail
Der folgende Aufsatz ist das erste Kapitel des Werkes "Warum hast Du so große Ohren? Rotkäppchen – ‚theologisch’ zu Gehör gebracht" von Prof. Dr. Otto Hermann Pesch (Freiburg im Breisgau 1993, 21-26). Der Autor beschäftigt sich mit der Auslegung des durch die Gebrüder Grimm berühmt gewordenen Märchens und versteht es, den Text auf ganz neue Weise für Vertreter aller theologischen Disziplinen aufzuschließen. Nicht zufällig an erster Stelle steht das systematisch-theologische Kapitel, nicht nur, weil der Autor systematischer Theologe ist, sondern auch, weil hier grundlegende Erkenntnisse formuliert werden, die die Methode, mit der Pesch das Märchen bearbeitet, leicht nachvollziehen lassen. Dem, der Gefallen an Peschs Vorgehen findet und der die Notwendigkeit seiner Methode einsieht, sei auch der Rest des Buches sehr zur Rezeption empfohlen.
Die Redaktion der FLOB bedankt sich auf das herzlichste beim Autor, diesen Text veröffentlichen zu dürfen.

Rotkäppchen – Systematisch-Theologisch

Otto Hermann Pesch,
Hamburg

 

Es existierte einmal ein junges Individuum, von jener Art Geschöpfe, die in Gen 1, 27c als alternative Spielart der am sechsten Schöpfungstage erschaffenen Kreatur namens ’adam hervorgehoben wird. Da das Geschöpf gewöhnlich eine rote Mütze trug – ein Geschenk seiner Großmutter –, stand signifikationshermeneutisch nichts im Wege, es als "Rotkäppchen" zu bezeichnen.
Rotkäppchen “ek-sistierte” also, das heißt: Im Unterschied zu allem bloß Vorhandenem entwarf es je und je neu sein Dasein in die Zukunft hinein. Als der Kairos gekommen war, sandten seine Eltern unter Berufung auf das (nach lutherischer und katholischer Zählung) vierte Gebot das Rotkäppchen aus mit dem Sendungsauftrag, der Großmutter den Dienst der Nächstenliebe zu leisten und sie im Licht von Mt 25, 31-46 zu speisen und zu tränken. Dazu hatte Rotkäppchen den Weg zu nehmen durch eine Ansammlung jener Kreaturen des dritten Schöpfungstages, die, wenn besonders dicht beisammenstehend, in der schlichten Sprache unserer Gemeinden "Wald" genannt werden. Die Eltern "stellten" Rotkäppchen daher "unter das Wort"” und sagten: "Heilsgeschichtlich gibt es nur einen Weg zur Großmutter. Weichst du von ihm ab, so sind Unheil, Tod und Gottesfinsternis dein Anteil! "

Rotkäppchen ließ sich existentiell vom Kerygma treffen und entschied sich zu seiner Eigentlichkeit, indem es ohne Anknüpfungspunkt, in reinem Hören, dem Wort der Eltern anhangte. Es nahm die signa efficatia (wirksamen Zeichen) der Nächstenliebe, integrierte sie in einen Korb und machte sich in präsentisch-eschatologischer Zuversicht auf den Weg. Die Anfechtungserfahrungen konnten allerdings nicht ausbleiben. Rotkäppchens existentielle Identität geriet in immer größere Bedrohung, die allen Anlaß zur Reflexion auf die menschliche Grundbefindlichkeit der "Sorge" gab. Sie erreichte ihren Höhepunkt, als jenes Tier auftauchte, das bekanntlich, wie ich aus der Exegese voraussetzen kann, den Namen "Wolf" trägt. Er befragt das Rotkäppchen nach dem weltimmanenten finis ultimum (Endziel) seines Weges – und Rotkäppchen gab eine praktisch-theologische Analyse seiner Intentionen. Der Wolf, von diesen Auskünften unmittelbar existenziell angesprochen, zog seine zweckrationalen Schlüsse und entwarf seinen Plan. Er veranlaßte das Rotkäppchen zu einem systematischen Exkurs in die Blumen und begründete dessen Notwendigkeit mit der Plausibilitätsstruktur einer dadurch erreichbaren optimalen systematischen Konstruktion des Besuchsprogramms.

Das Rotkäppchen machte sich die Konzeption des Wolfes zu eigen ohne die darin implizierten bedrohlichen Trugschlüsse analytisch zu reflektieren, geschweige denn aufzuarbeiten. Die Konsequenz: Der Wolf konnte ungehindert aus dem Argumentationszusammenhang ausbrechen und verfügte so über den günstigsten handlungstheoretischen Ansatz, einem anthropologisch nicht integrierbaren appetitus naturalis sensitivus, auf deutsch: einer Freßlust nachgeben zu können und die Großmutter in sicherem methodischen Zugriff zu verschlingen, bevor das Rotkäppchen, verwickelt in seinen Blumenexkurs, im Hause der Großmutter definitiv anweste.

Dies konnte freilich – ungleich der Parusie Christi – nicht lange "verziehen": Rotkäppchen erschien, oder, systematisch-theologisch zu äußerster Präzision vorgetrieben: Es ereignete sich im Hause der Großmutter, das heißt: Es weste an in jener analogielosen Weise von multidimensionalem Da-Sein, die menschliches Existieren unterscheidend auszeichnet. Rotkäppchen, mit sich selbst in jener Naivität identisch, die arglos fremde Nicht-Identität nicht wahrzunehmen vermag, versuchte, ein Stück dialogischer Existenz zu realisieren, und verwickelte den Wolf, den es für die Großmutter hielt, in einen herrschaftsfreien Diskurs über die spezifische Differenz zwischen tierischen und menschlichen Körperorganen: Man sprach über Ohren, Augen, Hände und Mund, bzw. Maul. Der Terminus "Maul" war dabei von jener Dignität kommunikationstheoretischer Begriffe, die, wenn verlautet, den Übergang von abstrakter Handlungstheorie zu konkretem Handeln performativ auszulösen vermögen: Rotkäppchen hatte das Todesschicksal der Großmutter zu teilen.

An dieser Stelle ist eine alles entscheidende Zwischenbemerkung einzuschieben, die geeignet ist, mit äußerster Trennschärfe die Unterschiede zwischen einer rein humanwissenschaftlichen oder auch philosophischen und einer theologischen Betrachtungsweise des menschlichen Todesschicksals aufleuchten zu lassen. Jede außertheologische Betrachtung des Todes muß in ausweglosen Aporien der Vergeblichkeit, der buchstäblichen Ver-Nichtung menschlicher Sinntotalität bzw. der menschlichen Fragedynamik auf sie hin enden. Allein die Theologie ist zu der Aussage ermächtigt, daß im Tode menschliche Sinntotalität nicht vernichtet, sondern in eschatologischer Endgültigkeit aufbewahrt, gerettet, ja, ich wage im Sinne Hegels zu sagen: "aufgehoben" ist.
So muß nun geurteilt werden, daß Rotkäppchens diakonisches Handeln durch seinen grausamen Tod nicht der Absurdität anheimfiel, vielmehr seine eschatologische Definität erreichte. Seinem Tod eignete darum – wie auch dem der Großmutter – durchaus transitorischer Charakter.

Auf der geschichtlichen Seite des unendlichen qualitativen Abstandes zwischen Zeit und Ewigkeit wurde dieser heilsgeschichtlicher Zusammenhang manifest durch das Auftreten des Jägers. Dieser erkannte die tödliche egozentrische Selbstverhaftung des Wolfes an dessen Schnarchen, öffnete dessen Bauch und eröffnete damit der Großmutter und dem Rotkäppchen den Übergang zu neuem Leben.
So zeigen sich Rotkäppchen und die Großmutter als paradigmatische Figuren jener die Zeit und Geschichte transzendierenden Sinntotalität des Menschen, in der Tod und Leben, Leiden und Freude, Untergang und Auferstehung, Handeln und Empfangen, Freiheit udn Gnade, Kerygma und Mythos. Existenz und Essenz, Individualität und Sozialität dialektisch miteinander vermittelt und paradox identisch sind – jener Sinntotalität, so möge ich es in eine abschließende Formulierung gießen, die im Dunkel menschlichen Fragens immer schon erahnt, im Hell-Dunkel des Glauben ergriffen, in der Tageshelle systematisch-theologischer Reflexion aber allererst umfassend begriffen wird. Wer es liest, der merke auf (vgl. Mt 24,15)!
 
< zurück   weiter >
© 2020
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.