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Serie Humanistenbriefe: Erasmus an Willibald und Caritas Pirckheimer E-Mail

Willibald Pirckheimer

Lieber Willibald,
Du, hättste nicht Lust, mein Brieffreund zu werden? Hab gehört, du hast ne ganz tolle Bibliothek1 und deine Hobbys sind auch Griechisch2 und Latein? Dann mach doch in unserem Humanisten-Club mit. Dazu musst du mir nur schreiben, dann gehörst du dazu!
Freu mich schon auf Post aus Nürnberg!

Dein Erasmus aus Rotterdam


Lieber Erasmus!
Ich find das wirklich klasse, dass du gern mein Brieffreund sein würdest. Hab mich total gefreut3, weil ich schon viel von dir gehört habe! Klar wär ich gern Mitglied im Humanistenclub.
Hab deinen Brief aus Prestigegründen auch gleich ein bisschen rumgezeigt4. Der Albrecht5 würde sich auch gern mit dir schreiben. Er kann toll malen, auch wenn er manchmal komische Ideen6 hat. Letztens, z.B. hat er einen Hasen7 abgezeichnet. Nichts weiter. Nur den Hasen mit nichts dazu! Naja, solange er nicht wieder Gras8 malt...
Aber er kann auch prima Marias und Engel9. Wenn du mal ein schickes Deckblatt für ein Buch brauchst, sag einfach bescheid. Ich lass meine immer von ihm malen, naja, schließlich is er auch mein ältester Kumpel10. Wir ham schon als Kinder immer miteinander gespielt.
Ach so, willst du nicht auch der Cary11 mal schreiben? Sie ist meine große Schwester und ziemlich schlau12. Zumindest für eine Frau! (Echt schade, dass ich dir auf Latein schreibe, im Deutschen hätte das jetzt einen tollen Reim gegeben. Aber naja, du kannst ja wahrscheinlich kein Deutsch13, oder? Ich kann auf jeden Fall kein Holländisch.)
Tja, soweit erstmal von mir.

Schöne Grüße aus Nürnberg
(auch von Albert14!)
Dein Willi


Lieber Willi (ich darf doch "Willi" sagen?)15!
Prima, dass wir dann also Brieffreunde sind! Falls ich mal wieder etwas in einem Buch nachschlagen möchte, das ich nicht besitze, kann ich ja jetzt dich fragen, du hast es ja sicher16. Wie praktisch.
Den Albrecht kenne ich übrigens noch. Der war ja auch mal in Basel, wenn auch nur kurz, und dann hat er fast immerzu bei dem Hrn. Brant17 rumgehangen. Aber immerhin hat er auch mal dieses Bild18 von mir gemalt, das hast du ja sicher gesehen, oder? Er hat's echt drauf als Maler! Ich seh' mir richtig ähnlich. Aber ansonsten war er immer sehr beschäftigt19 ,ich ja genauso. (Hab ihm übrigens auch gleich geschrieben20.)
Wie läuft's denn bei euch in Nürnberg so? In Basel ist es sehr ruhig - das schätze ich ja so an dieser Stadt21.
Und was deine Schwester betrifft - klar, die soll ruhig schreiben, wenn sie Zeit findet! (Und wenn sie fremden Männern überhaupt Briefe schreiben darf, ohne dass die gelesen werden…22) Ich krieg nämlich trotz meiner Menge Post leider nicht allzuoft welche von weiblichen Wesen23.

Tja, naja, das war's auch schon wieder von mir,
muss heute noch 20 Briefe24 schreiben, um auf mein Soll zu kommen,
Schöne Grüße aus Basel!
Dein Erasmus


Lieber Erasmus!

Vielen Dank für deinen Brief, auch für den an Albrecht - der hat sich ja total gefreut! Ich freue mich auch für ihn, endlich kann er auch mal was echt humanistisches vorweisen; naja, er ist eben eher so der Künstler und Tüftler25, aber kann nicht so toll Latein. In Italien hab ich ihm manchmal bei den Hausaufgaben geholfen. Dafür kann ich überhaupt nicht malen, du?26
Was anderes: du sagst, dass du die Ruhe so liebst. Ich persönlich weiß das nicht so recht. Natürlich ist Ruhe eine Zeitlang angenehm. Aber das wird doch mal langweilig! Ich hab ja vor ein paar Jahren da dieses Regiment27 in den Krieg geführt - und das hat mir nicht so schlecht gefallen, war echt spannend! Wenn man jeden Tag um sein Leben fürchten muss, fühlt man sich erst so richtig lebendig28. Obwohl - wie gesagt, das geruhsame Stadtleben zur Abwechslung auch nicht schlecht ist. Man will ja auch seine Studien treiben und Bücher schreiben. Nicht, dass ich das nicht auch im Krieg versucht hätte29!

Nun gut, dann will ich dir jetzt dann mal die besagte Ruhe lassen,
freu mich schon auf Antwort von dir!
Schöne Grüße,
Dein Willi


Caritas Pirckheimer

Jesus Christus zum Gruße30, lieber Ehrwürdiger Herr Erasmus von Rotterdam!

Bin ja außerordentlich geehrt, dass ein weltmännischer Gelehrter wie Ihr Euch herablasst, einer kleinen Klosterfrau31 wie mir zu schreiben! Wüsste auch gar nicht, was Ihr von einem Briefwechsel mit mir haben könntet. Ich danke Euch aber die christliche Nächstenliebe32, die Euch dazu gebracht hat, Tinte und Papier an mich zu verschwenden!
Was soll ich erzählen? Hier im Kloster ist es ja im Vergleich zur Welt draußen sehr ruhig33. So ist das eben. Dieses Kloster besteht schon 300 Jahre und wird zweifellos noch viele, viele hundert Jahre weiter bestehen34. Die Kirche ist eine feste Burg35 und nichts wird je auch nur ein Steinchen aus ihrer Mauer brechen können. Und das ist gut so!
Lieber Herr Erasmus, will Euch nicht langweilen, Ihr bekommt sicher jeden Tag interessantere Briefe von gelehrteren Leuten als mir36. Deshalb mache hier erstmal Schluss.
Nochmal: hat mich sehr gefreut, dass ihr mich arme Schwester mit einem Brief beehrt habt!

Dem unveränderlichen ewigen Gott37 befohlen,
Caritas Pirckheimer,
unnütze38 Schwester Äbtissin zu St. Klara in Nürnberg



[1] Willibald besaß eine für damalige Zeiten große Gelehrtenbibliothek, deren Grundstock sein Großvater Hans (geb. zwischen 1410 und 1415, gest. 1492) und sein Vater geschaffen hatten. Größere Teile werden heute von der British Library in London und der Stadtbibliothek in Nürnberg, der ältesten ihrer Art in Deutschland, verwahrt, Einzelstücke liegen verstreut in vielen Bibliotheken der Welt.
[2] In seiner Studienzeit an den Universitäten Padua und Pavia (1488- 1495) erwarb Willibald eine für einen damaligen Deutschen ungewöhnliche Kompetenz im klassischen Griechisch, wohl nur noch übertroffen von Philipp Melanchthon.
[3] Von Erasmus persönlich eine Brieffreundschaft angetragen zu bekommen, war für humanistisch Gelehrte der Ritterschlag schlechthin und hatte europaweite Anerkennung zur Folge. Die Freude, die Willibald hier ausdrückt, dürfte kaum reine Höflichkeit sein.
[4] Die oben besprochene Anerkennung konnte natürlich nur weite Kreise erreichen, wenn die Brieffreundschaft möglichst weit bekannt wurde.
[5] Albrecht Dürer, * 21. Mai 1471 in Nürnberg; † 6. April 1528 ebenda; möglicherweise waren er und Erasmus schon von einem Baselaufenthalt Dürers 1494 miteinander bekannt, eine engere Freundschaft hatte sich wohl aber - diesem Brief nach zu urteilen - (noch) nicht ergeben.
[6] Dürers kompromissloser Realismus sowie seine Kunsttheorie, die durchaus im Widerspruch zur damals vorherrschenden italienischen stand, musste Zeitgenossen ungewöhnlich erscheinen.
[7] Hier ist vermutlich das Bildnis Junger Hase (1502) gemeint.'
[8] Wahrscheinlich Kleines Rasenstück oder Großes Rasenstück (1503). Wie auch schon Junger Hase lässt die Erwähnung eines dieser Bildnisse als letztens entstanden darauf schließen, dass der vorliegende Briefwechsel auf 1503 oder höchstens 1504 zu datieren ist.
[9] Eines der frühesten erhaltenen Werke Dürers ist eine Madonna mit zwei Engeln von 1485, die heute im Berliner Kupferstichkabinett aufbewahrt wird.
[10] Die Dürers wohnten in Nürnberg im selben Haus wie die Pirckheimers. Willibald und Albrecht kannten sich also von Kindheit an.
[11] Caritas (eigentlich: Barbara) Pirckheimer, * 21. 03. 1467 in Eichstätt, † 19. 08. 1532 in Nürnberg, Äbtissin des Klarissinnenklosters in Nürnberg
[12] Erasmus sollte sie später als klügste Frau Deutschlands bezeichnen, was allerdings insofern nichts heißen musste, als er eigentlich nur sehr wenig deutsche Frauen kannte.
[13] Tatsächlich behauptete Erasmus von sich, (außer Holländisch) keine Volkssprache zu sprechen. Inwiefern man ihm bei seiner bekannten außerordentlichen Sprachkompetenz hierin Glauben schenken darf, muss offen bleiben.
[14] Die Schreibweise von Namen konnte vor der Existenz einer allgemeingültigen Orthographie selbst bei gleichem Schreiber enorm variieren, vgl. die Schreibvarianten Bilbald, Bilbolt und Wilbold für Willibald.
[15] In der Aufnahme der Koseform, die Willibald Pirckheimer im vorangegangenen Brief verwendet, zeigt sich die herzliche Freundschaft.
[16] Siehe Fußnote 1.
[17] Albrecht Dürer illustrierte in Basel Sebastian Brants Narrenschiff (Erstdruck 1494) mit Holzschnitten.
[18] Es existieren sogar zwei Erasmusbilder von Dürer, darüber hinaus wurde er sechsmal von Hans Holbein gemalt.
[19] Bei der nicht ganz geringen Anzahl von immerhin 73 Holzschnitten kein Wunder!
[20] Auch zwischen Dürer und Erasmus entspann sich ein Briefwechsel.
[21] Erasmus betonte zeitlebens, wie sehr er Ruhe zum Studieren schätzte, deren Gegenteil ihm die Reformation zu sein schien. Im Hinblick darauf verwundert es wenig, dass er sich der neuen Lehre nicht anschloss.
[22] Tatsächlich legte Caritas wichtige Briefe fast immer ihrem Bruder zur Durchsicht und eventuellen Überarbeitung vor.
[23] Unter den im Laufe seines Lebens fast 2000 Briefpartnern waren - für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich - nur sehr wenige Frauen.
[24] Wie schon in der letzten Ausgabe erwähnt, hatte Erasmus ein Tagespensum von bis zu 50 Briefen!
[25] Oft vergessen wird, dass Albrecht Dürer neben der Ausübung des Malerberufs sich auch mathematisch, geometrisch und architekturtheoretisch betätigte - so war er in Nürnberg als oberster Baumeister angestellt.
[26] Erasmus' Antwortbrief ist nicht erhalten, weswegen seine zeichnerische Kompetenz im Dunklen bleiben muss. Auch aus Dürers Schriften geht zu dieser Frage nichts hervor.
[27] Im Sommer 1499 befehligte P. als Feldhauptmann ein Nürnberger Truppenkontingent im Krieg Kaiser Maximilian I. gegen die Schweizer Eidgenossen.
[28] Eine Aussage, die Erasmus mit seiner bekannten Abneigung gegen alles Gefährliche und potenziell Gesundheitschädigende (bis hin zu nicht perfekt zubereitetem Essen) sicher nicht teilen konnte. Die Freundschaft scheint unter dieser Meinungsverschiedenheit aber nicht gelitten zu haben. Evntl. war Willibald Pirckheimers Abhandlung über die Fußgicht De podagriae laus sogar als Geschenk für Erasmus gedacht.
[29] P. beschrieb den Feldzug später in seinem Buch De Bello Helvetico, das aber erst posthum 1610 erschien. Vermutlich spielt er hier auf Notizen an, die er sich wohl schon direkt dort gemacht hat.
[30] Schon in der Anrede zeigt sich die geistliche Gesinnung!
[31] Bescheidenheitsfloskel, Demutstopos - das meint sie nicht ernst.
[32] Lat. Caritas - Wortspiel mit Caritas Pirckheimers Klosternamen (ihr Taufname war Barbara), erscheint recht häufig in ihren Briefen.
[33] Nicht mehr lange. Aber die Reformation konnte sie natürlich nicht voraussehen!
[34] Hier irrt Caritas. Da Nürnberg zur Reformationszeit quasi geschlossen zum lutherischen Glauben übertrat, gab es starke Bestrebungen, sämtliche Klöster zu schließen. Nicht zuletzt Caritas Pirckheimer ist es zu verdanken, dass das Klarissinnenkloster wenigstens unter Bestandsschutz gestellt wurde, obwohl keine weiteren Novizinnen mehr aufgenommen werden durften. Das Kloster St. Klara in Nürnberg hörte mit dem Tod der letzten Schwester im Jahre 1591 auf zu bestehen.
[35] Interessanterweise benutzt Caritas Pirckheimer hier eine Floskel, wie sie genauso in dem berühmten Luther-Lied Ein feste Burg ist unser Gott - wenn auch für die andere Seite der Reformation genutzt wurde.
[36] Wieder eine Bescheidenheitsfloskel. Nicht ernst gemeint. Sie brauchte wohl nur eine Überleitung zum Schluss.
[37] Gott schon. Die Institution Kirche allerdings zum Leidwesen Caritas Pirckheimers nicht.
[38] Und noch eine Bescheidenheitsfloskel zum Schluss.
 
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