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Unzeitgemäße Betrachtungen eines Dekans E-Mail

Unzeitgemäße Betrachtungen eines Dekans

Volker LEPPIN,
Jena
Als Dekan der Theologische Fakultät Jena hat man ein vergleichsweise angenehmes Leben: Die Fakultät ist überschaubar, ja manchmal geradezu privat in ihrer Atmosphäre: so privat, dass die Jenaer Studentenzeitung "Akrützel" sie einmal gar als "Kuschelfakultät" vorstellte - ein Schlagwort, das seitdem immer mal wieder durch Jenaer universitätspolitische Debatten geistert. Als derzeitiger Dekan der Fakultät kann ich von meiner fachlichen Neigung als Kirchenhistoriker nicht lassen. Daher habe ich, als ich am 15. Dezember 2006 den Ball der Fakultät, der neben Tanz vor allem durch ein großes Theaterstück und ein reiches Buffet gekennzeichnet ist, eröffnen sollte, für mein Grußwort die Hintergründe des Begriffs "Kuschelfakultät" aufgespürt. Daraus wurde zugleich ein wichtiger Beitrag zur Erforschung deutscher Märchen. Die sich daran anschließende, zum Teil auch in der allgemeinen Tagespublizistik sehr emotional geführte Diskussion hat in mir den Entschluss reifen lassen, diese Zeilen hiermit der Öffentlichkeit und damit der weiteren Fachdiskussion zu übergeben.
 
Meine Damen und Herren,
der Fachschaftsrat hat mich gebeten, den heutigen Abend, der unter dem Motto "Jena, ein Wintermärchen" steht, zu eröffnen. Natürlich bin ich der Bitte sehr gerne nachgekommen und habe zur Einstimmung in den Abend ein ausführliches Grundsatzreferat zur Bedeutung des studentischen Lebens an unserer Fakultät in Zeiten der Studienreform vorbereitet. Dummerweise habe ich nun heute in der Hektik, die das Dekansamt manchmal mit sich bringt, dieses Referat meinen Kindern zur Guten Nacht vorgelesen - das hatte den Vorteil: Sie sind sofort eingeschlafen -, und habe umgekehrt das Märchen, das eigentlich für meine Kinder bestimmt war, hierher mitgenommen. Ich bitte also um Verständnis, wenn ich im Folgenden den gesellschaftlichen Erfordernissen einer solchen Eröffnungsrede nicht ganz gerecht werden kann. Immerhin kann ich als Kirchenhistoriker mit einigem Stolz vermelden, dass ich einer Art philologischem Skandal auf die Spur gekommen bin: Eines der berühmtesten Märchen der Brüder Grimm ist uns seit Jahren in einer tendenziösen, fehlerhaften Fassung überliefert. Die biedermeierliche Rezeption, in die es im Zuge des 19. Jahrhunderts geraten ist, hat alle politischen, vor allem universitätspolitischen Dimensionen herausgestrichen und daraus eine völlig unspezifische Geschichte gemacht. Tatsächlich atmet die Urfassung den revolutionären Geist, der nach 1789 insbesondere die Studenten Deutschlands erfasst hat. In mühevoller Kleinstarbeit ist es einem Drittmittelprojekt an meinem Lehrstuhl gelungen, diese Urfassung zu rekonstruieren:
 
Es war einmal ein kleines Fakultätchen, das war so lieb, dass ein jeder es gern haben musste. Und weil es so gerne mit seiner Großmutter kuschelte, nannte ein jeder es nur noch das Kuschelfakultätchen. Nun geschah es eines Tages, dass die Mutter ihr Kind beseite nahm und zu ihm sagte: "Kuschelfakultätchen, die Großmutter ist krank. Nimm Brot und Wein und bring sie ihr. Aber sieh zu, dass du immer auf dem Weg von Schrift und Bekenntnissen bleibst und nicht davon abirrst". "Ich will's schon recht machen", sagte das Kuschelfakultätchen und machte sich auf den Weg. Im Wald aber traf Kuschelfakultätchen den Wolf. Weil es nicht wusste, was der für ein böses Tier war, grüßte es ihn freundlich. Und er sagt zu ihm: "Kuschelfakultätchen, wohin läufst du denn so alleine im Wald?" "Ich will zur Großmutter", sagte das Kuschelfakultätchen, "sie ist krank und braucht unsere Hilfe." Der Wolf fragte: "Wo wohnt denn deine Großmutter?" "Da drüben, im fünften Stock des Wissenschaftsministeriums", sagte das Kuschelfakultätchen, "das wirst du schon kennen". Da dachte der Wolf bei sich: Das junge Ding ist ein leckerer Happen und wird noch besser schmecken als die Alte. Ich muss es klug anstellen, damit ich sie beide bekomme. Laut aber sagte er: "Kuschelfakultätchen, schau einmal um dich auf das interdisziplinäre Feld! Du gehst ja einher, als ob du zur Akkreditierungsbehörde gingest, dabei stehen so schöne Drittmittelprojekte um dich her. Willst du deiner Großmutter nicht einen Strauß davon binden, damit sie auch weiß, was du für ein braves Fakultätchen bist?" "Ja, das will ich tun", sagte das kleine Fakultätchen und lief auf die Wiese, wo es einen Antrag nach dem anderen ausfüllte.
Der Wolf aber eilte zum Haus der Großmutter, schlich hinein und verschlang sie mit einem Haps. Dann kletterte er in ihr Bett und zog sich ihre Haube tief ins Gesicht.
Kuschelfakultätchen aber war lange auf der Wiese umhergesprungen, hatte hier ein hübsches Graduiertenkolleg gesammelt und dort eine Forscherguppe gepflückt, und um alles ein Band mit der Aufschrift "Jenaer Begabungsexzellenzspitzenherausragungseliteninitiative" gebunden. "Das wird der Großmutter gefallen", dachte es und lief zum Haus der Großmutter. Als es dort aber ankam und die Tür offen stehen fand, war es sehr erstaunt. "Warum ist mir nur so bange", fragte es sich, "sonst freue ich mich doch immer, wenn ich bei der Großmutter bin, und heute bin ich so ängstlich".
Sie ging in das Schlafzimmer der Großmutter, aber wie staunte sie, als sie auf das Bett sah.
"Großmutter" fragte es, "warum hast du denn so große Augen?" - "Damit ich deine Modulkataloge besser lesen kann".
"Aber Großmutter, warum hast du so große Ohren?" - "Damit ich deine BAMAisierung besser verstehen kann!"
"Aber Großmutter, warum hast du denn so große Hände?" - "Damit ich deine Module zusammenbasteln kann".
"Aber Großmutter, warum hast du so ein entsetzlich großes Maul?" -
"Damit ich alle deine alten Studiengänge fressen kann!"
rief der Wolf und verschlang das arme Kuschelfakultätchen auf ein Mal. Dann schlief er ein.
Draußen, vor dem Haus der Großmutter aber lief der Fachschaftsrat vorbei. "Was ist denn das für ein Geschnarche?", fragte er sich. "Ob wohl alle wieder eingeschlafen sind, weil sie wieder fünf Stunden BAMA-Kommissions-Sitzung hinter sich haben? Ich muss doch einmal nach dem Rechten sehen!" Mutig ging er in das Haus hinein. Als er dort aber den Wolf sah, wollte er ihn erschießen, doch er erinnerte sich, dass er im Pfarrhaus groß geworden war und daher nicht mit Kriegsspielzeug umgehen konnte, so nahm er seine Schere und schnitt dem Wolf den Bauch auf. Kaum aber hatte er die Schere angesetzt, da sah er schon den Kopf des Kuschelfakultätchens und wenig später kam auch die Großmutter heraus.
Sie fielen einander um den Hals und freuten sich, und das Kuschelfakultätchen sagte: "Ich will nie wieder vom Weg des Bekenntnisses abweichen, wenn die Mutti es verboten hat!". Dann aber feierten sie alle fröhlich miteinander, lauschten einem Theaterstück, das der Fachschaftsrat spontan für sie auf die Beine stellte und gingen dann zum großen Buffet.
Was dann aber noch alles passierte, ist zu viel und zu Großes, um es zu erzählen, doch es besteht Hoffnung, dass sie immer noch nicht gestorben sind, sondern noch leben und sogar wieder fleißig studieren.

  • Heinz Rölleke (Hg.), Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm, Frankfurt am Main 1985, S. 133,21-136,12.
 
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