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Harry Parzival Potter E-Mail
Geschrieben von Johanna Lindemann   

Harry Parzival Potter

Eine komparatistische Stellungnahme zu offensichtlichen Verwandtschafts- beziehungen zwischen phantastischen Epen des hohen Mittelalters und der späten Neuzeit. Also heute.
Daraus schlussfolgernd eine Vermutung über das noch ausstehende
Ende der Potter-Aventiuren.

Johanna Lindemann,
Wesseling

 

Die mittelalterlichen höfischen Artusromane, unter diesen speziell der Parzival, gehören zweifellos zu den am häufigsten untersuchten Gegenständen der altgermanistischen Literaturforschung. Bedauerlich nur, dass der gemeine Altgermanist keinen Blick für die moderne Literatur und das wahre Leben zu haben scheint: Zweifellos wäre ihm doch sonst längst aufgefallen, was dieser Aufsatz aus der Offensichtlichkeit zu ziehen und zu verschriftlichen gedenkt: Die Parallelen zwischen dem wahrscheinlich erfolgreichsten mittelalterlichen Artusroman des großartigsten deutschen Dichters, Wolframs von Eschenbach1 ‘Parzival‘ zu der zugegebenermaßen noch erfolgreicheren2 ‚Harry Potter‘ Reihe, die seit einigen Jahren ihrer Autorin Joanne K. Rowling zu Ruhm und Reichtum verhilft.
Eine ausführliche Analyse dieser Relationen bietet Material für mehr als eine Dissertation, soll aber an diesem speziellen Ort der wissenschaftlichen Betrachtung nur auf einige stichpunktartige Komparationsaspekte reduziert werden.

1. Die Helden

Die Geschichte des Parzival mag in Worten zwar kürzer sein als das Gesamtwerk zu den Aventiuren Harry Potters, nichtsdestotrotz ist das Werk in einer komplex verwobenen Struktur verstrickt. Und schon im Anfang findet man die ersten Gemeinsamkeiten. Parzival wird von seiner Mutter fern der Gesellschaft aufgezogen, da sie nach des Kindsvaters Tod Widerwillen gegen das Rittertum an sich und Furcht um ihres Sohnes Leben empfindet. Hier fällt dem geneigten Kenner beider Werke unzweifelhaft eine große Ähnlichkeit auf. So ist auch Harry Potter gezwungen, nach dem Todes seines Vaters (genauer gesagt in diesem Falle beider Eltern) fern, oder zumindest am Rande der Gesellschaft in einem Schrank unter einer Treppe zu leben, ein modernes Äquivalent zu dem Walde, in dem Parzival seine Jahre der Unschuld verbringt. Zwar fürchten die ihn (= Potter) isolierenden Verwandten nicht seinen Tod, wohl aber das Zaubertum als Parallele zum Rittertum, welches seinerseits das Objekt der Ablehnung von des Parzivals Mutter, Herzeloide, darstellt.
Beide Werke beginnen nun mit dem Ausbrechen der Helden aus ihrer Isolation3, beide müssen sich dabei gegen ihre gesetzlichen Vormünder durchsetzen. Während Onkel und Tante Harry Potters erfolglos versuchen, ihn von seiner Bestimmung, Zauberer zu werden, abzuhalten, kämpft Parzivals Mutter ähnlich vergeblich gegen dessen Wunsch und seine Bestimmung, ein Ritter zu werden.
Die Erziehungsberechtigen versagen, die Minderjährigen betreten die Welt.  Parzival, verkleidet als Narr, kommt ein erstes Mal zum Artushof und ist ein Fremder in einer von Riten, Traditionen und ungeschriebenen Gesetzen4 kontrollierten Welt. Alle außer ihm scheinen zu wissen, was zu tun ist und wie man sich zu verhalten hat. Er dagegen erschlägt einen Ritter, um sein Pferd und seine Rüstung zu erhalten. Dieses äußere Symbol des Rittertums scheint ihm seinen Status zu bestätigen.
Auch Harry Potter ist zu Beginn überfordert mit der Welt, in die er gelangt. Die kriminelle Handlung, mit der Parzival seine Karriere beginnt, kann er jedoch abwenden, da die Autorin ihm hilfreicherweise zwei Gefährten an die Seite stellt, die ihn in die ihm unbekannten Traditionen und Regeln einweisen können. Diese Dreierkombination von zwei Männern und einer Frau erinnert an ein anderes Epos der mittelalterlichen Literaturgeschichte, auf die erotischen Verwicklungen von Lanzelot, Artus und Guinivere sowie ihre Parallelen in der modernen Fantasy- und Jugendliteratur einzugehen fehlt dieser Arbeit jedoch der Raum5. Als äußeres Zeichen seiner Standeszugehörigkeit dient den jungen Zauberern ein Stab und ein über magische Fähigkeiten verfügendes Zaubertier, in dem konkreten Fall unseres Helden eine Eule. Nun mag eine Ritterrüstung etwas anderes sein als ein Zauberstab; ein Pferd schwerlich einer Eule ähneln. Und doch kommt es auf die Bedeutungen an, die beide für die Protagonisten der Geschichten tragen. Die Entsprechungen, denen die thematisch nur oberflächlich unterschiedlichen Aventiuren unterliegen, sind offensichtlich!

2. Die Burg

Ein zentraler Aspekt in beiden Werken ist eine bestimmte Burg, die Leben, Handeln und Schicksal der Helden maßgeblich bestimmt. In den Harry- Potter-Büchern ist es die Schule Hogwarts, die ein neues Zuhause und das Zentrum der neuen Welt, in welcher der Held lebt, darstellt. Sein Schicksal wird geprägt von den Erfahrungen und Lektionen, die er während seiner Tage dort erlebt und von der Furcht, durch Fehlverhalten6 von besagter Schule ausgeschlossen zu werden. Wiewohl diese Sorge allgegenwärtig bleibt und durch die wiederholte Betonung der Grauen, die die Isolation für den Helden bietet7, noch bestärkt wird, ist Harry Potter im Laufe seiner Aventiure oft gezwungen, Regeln und Gesetze zu brechen und seinen Ausschluss aus der nur auf den ersten Blick ideal-utopischen Zauberergesellschaft der Hogwartsschule zu riskieren. Diese Regelbrüche sind es, die den Helden von seinen gleichaltrigen Kommilitonen unterscheiden.
Auf der mittelalterlichen Vergleichsebene im Parzival begegnet uns eine ganz ähnliche Struktur. Eine seiner ersten Handlung als ‚Ritter‘ ist der Mord an einem unschuldigen Mann, im Zentrum seiner Entwicklung wendet er sich gar von seinem Gottesglauben ab und begeht damit eine derartig große Sünde, dass sie im mittelalterlichen Kontext als ‚kriminelle Handlung‘ noch euphemistisch beschrieben scheint8.
Erst am Ende des Epos scheint der Held die Figur geworden zu sein, die er am Anfang schon werden wollte: Der Ritter, der sich in seiner höfischen Gesellschaft angepasst hat und die Regeln verstehen und befolgen kann. Auffällig ist hier, dass die Burg, die Parzival während der gesamten Geschichte sucht und in der er als Gralskönig seinen Lebensabend verbringen wird, selbst ein Ort der Isolation ist, der von den höfischen Welten Artus und seiner Gefährten abgegrenzt ist. Das bringt uns zurück zur Harry Potter. Bedauerlicherweise ist das Werk zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Arbeit noch fragmentarisch; über des Jungen Lebensabend lässt sich hier also keine wissenschaftliche Aussage treffen. Aber versuchen wir eine Rekonstruktion.
Auch Hogwarts, für den unerfahrenen, tumben Potter eine große Welt der Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten, ist bei näherer Betrachtung selbst nur eine isoliterte Insel in der als fiktionale Realität nur marginal beschriebenen ‚Muggel‘-Welt. Ausgehend von den nicht zu ignorierenden Ähnlichkeiten zwischen den beiden hier untersuchten literarischen Werken lässt sich die Vermutung anstellen, dass Harry Potter, wie schon Parzival, am Ende seiner Karriere als Literatur-Held auf die Burg seiner Entwicklung und Reifung, die Burg also im Zentrum seines Lebens und seiner Ausbildung (bei Parzival gar Objekt seiner Suche), zurückziehen wird um dort, in der einzigen Heimat, die dem noch immer isolierten Helden bleibt, seinen Lebensabend zu verbringen.
Diese Vermutung ist selbstverständlich rein spekulativ und wird sich in wenigen Jahren entweder widerlegt oder bestätigt haben.

3. Der Vaterkomplex

Beleuchten wir vor Abschluss der Untersuchung doch einmal die den Protagonisten begleitenden Nebenfiguren. Auf die Elternlosigkeit der verwaisten Helden wurde oben bereits eingegangen; wurde Parzival zwar noch von seiner Mutter erzogen, so stirbt jene jedoch schon zu Beginn seiner Abenteuer aus Trauer um ihres Sohnes Fortgang. Des Potterjungen Eltern sind beide schon vor Beginn der Handlung verschieden, seine Mutter stirbt interessanterweise im Versuch, ihn zu schützen. Beiden Helden kann also eine gewisse Mitverantwortung an ihrer Mütter Tod nicht abgesprochen werden!
Nichtsdestotrotz sind beide Helden mitnichten ohne Verwandtschaft oder gar ohne väterlich-lehrende Instruktionen! Beginnen wir mit der Betrachtung des Parzival. Dieser begegnet gleich zu Beginn seiner ‚Karriere‘ als angehender Ritter einem fremden Ritter, den er, sein scheinbares Recht auf Pferd und Rüstung verfolgend, als vermeintlichen Feind erschlägt. Erst um einiges später wird sich zeigen, dass jener Ritter ein entfernter Verwandter Parzivals war, dieser sich also –unwissend- eines Verwandtenmords schuldig gemacht hat. Deutlich drängt sich hier eine Parallele zum 5. Band der Potter-Aventiuren auf. Hier ist es der vermeintlich bösartige entflohene Häftling, der es auf den jungen Helden abgesehen zu haben scheint. Im Glauben, sich selbst schützen zu müssen (wie Parzival glaubte, sein Rittertum durch diesen Totschlag erringen zu müssen), scheint ein tödliches Duell Potters gegen Sirius Black unausweichlich, bis im letzten Moment offenbar wird, dass es sich bei dem vermeintlichen Antagonisten tatsächlich um einen Freund, als Patenonkel ja gar beinahe um einen Verwandten handelt. Wenn in diesem Fall die erlösende Klarheit auch vor dem Tode entdeckt wird, lässt sich diese Gemeinsamkeit doch nicht leugnen. Aber spannen wir den Bogen doch noch etwas weiter.
Eine zentrale Rolle in den Potter-Aventiuren spielt die Vaterfigur, manche möchten gar Vaterinstanz sagen, Albus Dumbledore. Dieser hat in den Herausforderungen, denen der Junge sich stellen muss, eine beratende, beschützende und vor allem auch belehrende Funktion.  Schnell muss ein kundiger Altgermanist an dieser Stelle doch an die beiden Onkel Parzivals denken! Gurnemanz, der Erste, dem er begegnet, unterrichtet ihn in Kampftechniken und dem korrekten Verhalten am Hofe. Wer möchte hier die offensichtliche Gemeinsamkeit zu dem Schuldirektor Dumbledore leugnen, für den die korrekte Erziehung seiner Schüler in Zaubertechniken wie Kampf und Verteidigung ebenso relevant ist wie die Erziehung zu für Zauberer angemessenem Verhalten? Doch wie auch Potter an der Schule von den verschiedensten Personen und Helfern unterrichtet wird, trifft auch Parzival im Laufe seiner Reisen auf weitere Lehrmeister, wie den Mönch Tevrezent, der den jungen Ritter zurück auf den rechten christlichen Weg Gottes führt. Gekrönt wird die Onkel-Lehrer-Verbindung im Parzival durch den Gralskönig Amfortas, ebenfalls ein Onkel des Helden. Diesen heilt Parzival mit seinem vorher errungenen Wissen von seinem Leiden, um danach als neuer Gralskönig seinen Thron einzunehmen. Wir denken hier unwillkürlich wieder an den im 6. Band der Potterreihe (scheinbar?) verstorbenen Dumbledore. Ob es auch dem Helden dieser Aventiure gelingt, wie seinem Spiegelbild Parzival die Vaterfigur noch zu retten? Oder wird er nur seinen Stuhl einnehmen, den Direktorenstuhl Hogwarts‘ als Symbol des Gralsthrones? Man darf gespannt sein.... Unzweifelhaft aber wird auch das letzte Werk der siebenbändigen Reihe Parallelen und Ähnlichkeiten zu Wolframs von Eschenbach Parzival aufweisen und diesem großen Dichter damit den Tribut zollen, der ihm zusteht.

Anhang

Nach der ausführlichen und, wie ich nicht ohne Stolz anfügen muss: klar verständlichen und logisch strukturierten Betrachtung der offensichtlichen Ähnlichkeiten zwischen Wolframs von Eschenbach Parzival-Epos und Joanne K. Rowlings Harry Potter-Zyklus füge ich eine Auflistung der untersuchten, einander entsprechenden Details in stichpunktartiger tabellarischer Form an, um den Lehramtsstudenten unter meinen Lesern das Auswendiglernen zu erleichtern.

Parzival Harry Potter
Rittertum Zauberertum
Vater ist selbst Ritter und stirbt in Ausübung seiner Pflicht, verbunden mit dem Rittertum. > Halb-, bald Vollwaise Beide Eltern sterben als Zauberer, verbunden mit der Ausübung dieser Tätigkeit. > Vollwaise
Ritterrüstung und Pferd Zauberstab und Eule
Isolation im Wald (oder: Er hatte eine furchtbare Kindheit!) Isolation im Schrank unter der Treppe (oder: Er hatte eine furchtbare Kindheit!)
Gralsburg als Ziel der Suche und Zentrum der Aventiure Hogwarts als Zentrum der Aventiure
Vaterfiguren unterrichten und belehren den nicht immer fehlerfreien Helden Vaterfigur lehrt und beschützt den ebenfalls oft fehlerhaften Helfen.

 


 
[1] Vater der leider völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Enrea von Eschenbach, von der an einer anderen Stelle ausführlicher die Rede sein soll.
[2] Gemessen an der gedruckten Auflage; an Handschriften wird Eschenbachs Bestseller unübertroffen bleiben!
[3] In der Post-Freudianischen Literaturanalyse verdient allein dieser Aspekt schon die größte Aufmerksamkeit. Eine Untersuchung über die latent erotischen, offensichtlich ödipalen Beziehungen zwischen Harry Potter und seiner Tante Petunia steht leider noch aus.
[4] Eine logische Konsequenz aus dem Analphabetentum derer, von denen und für die die Gesetze hätten geschrieben werden können.
[5] Vgl. dazu das bekannteste Standardwerk (Thalheim / Distel 2007, S. 2134 (3. Auflage)).
[6] So beispielsweise das berüchtigte Zauberverbot während der Schulferien oder die wiederholten Brüche der Schulregeln und das häufige Nichtbefolgen der Anweisungen des Lehrkörpers oder Aufsichtspersonals.
[7] Gemeint sind hier die ausführlichen sadistischen Darstellungen der pädagogisch inkompetenten Erziehungsberechtigten Harry Potters.
[8] Das Zaubern in den Schulferien hat mit Sicherheit ein ähnliches Kaliber!
 
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