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Rezension: Zivilisiert das Theater Drucken E-Mail
Geschrieben von Martin Teinfalt   
Montag, 22. Januar 2007

Betrachtungen eines Erstsemesters zu einem Kapitel aus Erika Fischer-Lichtes Kurzer Geschichte des deutschen Theaters.

Martin Teinfalt,
Himmelreich (Thüringen)

 

Als Frischling im Fach Theaterwissenschaft ist man oft ziemlich orientierungslos. Wie viele meiner Mitstudenten, die in der Mehrzahl -innen sind und von denen ich schon recht viele auf Parties kennengelernt habe, wollte ich schon immer mit Theater zu tun haben. Schon kurz nach der Konfirmation beschäftigten mich Fragen wie: „Was ist die Bedeutung des luftleeren Raumes als Bühne?“, „Wie war das damals mit den Aufführungen von Euripides, Sophokles oder Aristophanes?“ oder schlicht und ergreifend: „Was ist eigentlich Theater und was eigentlich keins?“ Meine Neugier war schließlich so groß, dass ich, statt dem Wunsch meiner Familie zu folgen und Augenarzt zu werden, mein gutes Abitur-Zeugnis darauf verwendete, Theaterwissenschaft auszuprobieren. Nach dem ersten Semester, das ja nun bald herum ist, bin ich doch etwas enttäuscht: Was meine Dozenten lehren, ist oftmals recht unverständlich und hat nichts zu tun mit dem, was in der heutigen Zeit im Theater vor sich geht. Viel Platz widmen sie der Theatergeschichte, die mich schon interessiert; aber keiner der Professoren hier an meinem Studienort gibt einen vollständigen Abriss des Theaters aller Epochen und Länder. Man müsste doch die Theatergeschichte mal in einem Semester abhandeln können. Als interessierter Student stelle ich in den Lehrveranstaltungen ohne Zögern meine Fragen. Häufig erhalte ich dann zweideutige Bemerkungen zur Antwort oder den Verweis auf zahlreiche einzelne Publikationen. Zudem widersprechen sich die Dozenten gegenseitig. Will ich beispielsweise wissen, was es mit dem Theater im deutschsprachigen Raum vor Gottsched auf sich hat, erhalte ich von zwei Dozenten völlig verschiedene Auskünfte. Nun habe ich aber in diesem Fall nicht gleich aufgegeben und habe in der Bibliothek bei den Büchern, die man sich einfach aus dem Regal nehmen kann, so etwas wie ein Lehrbuch gefunden, das eindeutige Informationen bequem und übersichtlich zur Verfügung stellt. Durch Zufall hatte ich mitbekommen, dass hier bei F.L.O.B. Rezensionen gesucht werden. Mein Angebot, ein Kapitel aus dem Buch zu besprechen, wurde von der Redaktion angenommen. So kam es zu meiner ersten Veröffentlichung.1
Das Buch heißt: „Kurze Geschichte des deutschen Theaters“. Die Autorin ist eine nicht so sehr bekannte Schriftstellerin. Ich hatte vorher noch nie etwas von ihr gehört.2
Ausgehend von der Frage nach dem Theater vor Gottsched, habe ich zur Besprechung das Kapitel „Theater im Prozeß der Zivilisation“ gewählt. Zuerst möchte ich sagen, dass ich mich gefreut habe, weil sich die Verfasserin ebenfalls die Frage gestellt hat, was da vor Gottsched war, der ja allen aus der Schule bekannt ist. Der große Vorteil des Kapitels ist, dass in kurzen Abschnitten immer einzelne Teile vom Theater vorkommen.
 
Eingangs wird ein Gesamtüberblick gegeben über den Gegenstand der Betrachtung. Dieses Kapitel heißt „Invasion der Komödianten. Die Wanderbühne im 17. Jahrhundert“. Unter Invasion ist zu verstehen, dass die Komödianten aus aller Welt nach Deutschland kamen, weil sie zu Hause nicht mehr so viele Arbeitsplätze fanden und weil es in Deutschland noch gar kein professionell betriebenes Theater gab. Deutschland muss in einer Art Dornröschenschlaf das Berufstheater ersehnt haben wie einen ersten Kuss. (In Deutschland gab es nur Fastnachtsspiele, und die haben dann auch noch von den englischen Komödianten abgekupfert.) Als erstes waren die galanten Italiener da. Dies belegt die Verfasserin mit den Aktivitäten italienischer Akteure, die als Hochzeitsgäste [sic!] 1568 in München unter Leitung Orlando di Lassos auftraten. In dieser Funktion zeigten sie Interaktionen zwischen einer halben Hose (Orlando di Lasso) und deren Diener „Stoßzähne“. Bald darauf kamen eine eifersüchtige Truppe und eine treue aus Italien, und erst als Viertes kam dann eine englische Truppe. Wegen kultureller Mentalitätsunterschiede und wegen des Sprachproblems hatten die Annäherung zwischen italienischen Schauspielern und deutschem Publikum wenig Folgen. Es blieb vorerst beim Flirt: „Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts setzte eine umfassende und wahrhaft popularisierende Rezeption des italienischen Theaters ein.“3 Obwohl die Engländer den Startschuss für den Aufbau des Theaters in Deutschland ein wenig verschlafen hatten, hatten sie mehr Glück als ihre Kollegen aus Florenz, Neapel, Venedig oder vielleicht Mantua. „Nachhaltig dagegen wurde die Entwicklung des deutschen Theaters von den englischen Komödianten geprägt.“4 Die Engländer gingen im Unterschied zu den Italienern schnell dazu über, auf deutsch zu spielen, was als Vorraussetzung dafür gelten darf, dass aus ihrer Paarung mit Deutschen, die Schauspieler werden wollten, die Geburt des deutschen Theaters geschah. Nach bewährter Tradition nennt die Autorin das Neugeborene „Wanderbühne“. Die Wanderbühne konnte noch nicht so viele Stücke. Sie zog („wanderte“) von Hof zu Hof oder von Stadt zu Stadt und spielte immer dasselbe. Die Leute hätten, so die Autorin, zumindest anfangs, trotzdem gestaunt – besonders über über die Affekte, aber auch über Blut und Exkremente. Letzteres mag aus heutiger Sicht verwundern. Die überaus scharfsinnige Erklärung hierfür lautet wiefolgt: Als profitorientierte Kaufleute, die die Komödianten waren, hätten sie den Leuten angeboten, was sich am besten absetzen ließ. Dementsprechen sei die Wanderbühne bald zu einer bekannten Marke in ganz Deutschland geworden, die sich unter dem alten Namen „Englische Komödianten“ wie auch dem neueren des Konkurrenzprodukts „Hochteutsche Komödianten“ sehr gut verkaufte und den Komödianten viel Geld einbrachte. Ungestört blieb dieses kommerzielle Treiben gleichwohl nicht.5 Die Obrigen in den Städten wandten ein, das Spiel und das Verhalten der Schauspieler seien nicht ehrenhaft. Auch den Stadträten ging es  dabei um Geld.  Sie suchten zu verhindern, dass die Schauspieler mit dem Geld der Bürger in eine andere Stadt ziehen, damit das Geld im wirtschaftlichen Binnenkreislauf verbliebe. Trotzdem war der Erfolg des deutschen Theaters in seinen Kleinkindjahren ungebrochen. Einige Akteure fanden sogar, es sei eine Medizin zur Erholung und gegen Depressionen, und konnten sich damit auf keinen geringeren berufen als den kaiserlichen Leibarzt.6 Dann kamen die Pietisten, rund 1680. Die Pietisten hatten augenscheinlich ganz prinzipiell etwas gegen Theater und waren nicht kompromissbereit. Am Ende waren sie aber nicht so einflussreich, das Theater zu Fall zu bringen. Die Aufklärer übertrafen sie dann an Einfluss, und schon die Generation Gottscheds konnte dann aus dem Theater die Anstalt machen, die wir von der Schule her kennen.
 
In dem Abschnitt „Die Aufführungen“ kommt die Verfasserin zum wichtigsten Baustein des Theaters, zu den Bühnen und Texten. Sie fasst die wesentlichen literarischen Einflüsse auf die Wanderbühne und die Entwicklung der Bühne zusammen. Insgesamt erscheint die „Wanderbühne“ als eine sehr abwechslungsreiche und niveauvolle Bewegung, ganz im Gegensatz zu der Erklärung, es werde immer dasselbe gespielt. Sie bestand aus „den dramatischen Werken der Weltliteratur.“7 Diese bearbeitete sie und kürzte sie auf ihr Handlungsgerüst zusammen – eine Art Reader’s Digest im Bereich der dramatischen Produktion und Spielpraxis. Schon in den Anfängen muss Mitleid eine große Bedeutung zugekommen sein, denn „ddddie dramatischen Figuren werden stets von Affekten befallen […]“8 Auch das Cross-Over-Verfahren der heutigen Inszenierungen gab es schon hier: Die negativen Figuren wurden als Marionetten vorgeführt, während die Helden ihre Affekte ausschwitzen und überwinden mussten. Grundlinien der Darstellungsweise von Affekten werden von der Verfasserin anhand einer zusammengestellten Liste von erlesenen Regieanweisungen, die die Schauspieler zu befolgen hatten, gezeigt. Mit diesem wird dann auch die „kulturgeschichtliche Bedeutung der Wanderbühne“ in Verbindung gebracht, die die Autorin sehr kompakt zu fassen versteht.9
 
Ein Charakterisikum im Zivilisationsprozess früheren Theaters ist der Narr, dessen Bedeutung sich im Fortschreiten dieses Prozesses jedoch verlor, was sich aus dem Charakter dieser Figur von selbst erklärt:
 
„Sie kennt keine Moral; für Geld, ein gutes Essen, eine Flasche Wein oder zur Vermeidung von Prügeln würde sie selbst ihre Großmutter dem Teufel verkaufen. So übernimmt der Narr in vielen Stücken auch mitleidlos den Part des Henkers, wenn sich dies für ihn auszuzahlen scheint. Geht es ihm selbst an den Kragen, erweist er sich als ungeheuer feige, was auch durch seine monströsen Aufschneidereien nicht verdeckt werden kann. Schier unersättlich ist nun in der Tat die Freß- und Sauflust der komischen Figur, verbunden mit einer an den ungeeignetsten Orten lustvoll und demonstrativ vollzogenen Ausscheidung, sowie eine triebhafte, auf sofortiger Befriedigung bestehende Sexualität. Reden und Gesten des Narren wimmeln nur so von mehr oder weniger zweideutigen Anzüglichkeiten, die unmißverständlich dem Fäkal- und Sexualbereich zuzuordnen sind.“10
 
Die Narren belustigten die Zuschauer, damit diese sich in den Umbaupausen nicht langweilten.11 Trotzdem war er früher oft die Hauptattraktion, wobei sein für erwachsene Menschen unangemessenes Verhalten aus dem Gegensatz zu dem den Verhaltensnormen entsprechenden Helden zu verstehen sei. Ins Soziale wendet die Autorin den Gegensatz der Figuren, eine geschichtliche Entwicklung formend, folgendermaßen:
 
„Die Wanderbühnen des 17. Jahrhunderts hatten also im Prozeß der Zivilisation eine zweifache Funktion übernommen: Zum einen trieben sie ihn voran, indem sie Affektkontrolle und Körperbeherrschung propagierten und demonstrierten, und zum anderen hielten sie für diejenigen ein Ventil und eine Entlastung bereit, die den vom Prozeß der Zivilisation an sie gestellten Anforderungen nicht oder nur mit Mühe nachzukommen vermochten, bzw. erwiesen sich als Kompensation für die im Zivilisationsprozeß auferlegten und durchaus erfolgreich, wenn auch unter schwersten Anstrengungen realisierten Selbstbeschränkungen.“12
 
Dem von ihr selbst vorgetragenen Faktum, die Komödianten hätten gegen den Vorwurf der Unerhrenhaftigkeit und die Sitten zu verderben zu kämpfen gehabt, widerspricht die Verfasserin dann aber, wenn sie sagt, die Wanderbühnen hätten ihre doppelte Funktion im Zivilisierungsprozeß zu allgemeiner Zufriedenheit erfüllt.
 
Ich bin nach dem Lesen zu folgendem Schluss gekommen: Das Kapitel „Theater im Prozeß der Zivilisation“ zeichnet mit großer Zielsicherheit ein schlüssiges Bild der Geschichte des Theaters, von dem aus die Überwindung der Wanderbühne folgerichtig ist. Damit steht dann wohl auch im Zusammenhang, dass Hanswurst, Pickelhering und Jean Potage für gefährlicher gehalten wurden als der Gegenspieler des Helden. Einige Widersprüche, die aber das Gesamtbild nicht zu erschüttern vermögen, sind auffällig geworden. Der kritischere Leser mag sich aber wundern, ob es derselbe Planet ist wie der seine, für den dieses Stück der Geschichte vom deutschen Theater gelten soll:
 
„Von sporadischen Gastspielen im 16. Jahrhundert bereits präludiert, fielen um die Jahrhundertwende und in den ersten Dekaden des neuen Jahrhunderts ganze Scharen von Komödianten auf dem Kontinent ein. Wandertruppen aus Italien und England, aus Frankreich und den Niederlanden zogen quer durch Europa und schlugen – von Brüssel und Köln bis nach Riga und Warschau, von Kopenhagen und Stockholm bis nach Graz und Wien – überall ihre Bühnen auf. Sie kamen weder als Emissäre oder gar Missionare ihrer Kultur noch als Eroberer; sie kamen vielmehr als Kaufleute, die eine begehrte Ware möglichst gewinnträchtig abzusetzen suchten.“13
 
Falls ja, so geht diese geographische Zuordnung allenfalls von hinter dem Mond betrachtet an. Beim Schreiben der Rezension habe ich etwas sehr wichtiges gelernt: Nicht nur meine Professoren wissen nicht alles, ohne das aber zugeben zu wollen, sondern auch in einem so erhellenden Lehrbuch wie der „Kurzen Geschichte des deutschen Theaters“ finden sich so einige kleine Unsauberkeiten.

Fischer-Lichte, Erika: Kurze Geschichte des deutschen Theaters. Reihe UTB. Francke. Tübingen und Basel 1999, 2. unveränderte Neuauflage. 540 S., Illustrationen. (Kapitel ist ohne Ill.s und auf S. 60-80 a.a.O. zu finden). ISBN: 3825216675. 21,90 €


[1] Mein zweites Fach ist Journalistik, und vielleicht kann ich das hier als Hausarbeit einreichen.
[2] Ich weiß nur, dass sie keinen Nobelpreis hat, weil sie nicht im Lexikon steht und auch in den Nachrichten noch nicht kam.
[3] S. 61.
[4] Die Zitate mögen die gute Verständlichkeit und Anschaulichkeit des Kapitels markieren - so auch folgendes: „Der Strom der englischen Komödianten, der sich in die deutschsprachigen Länder ergoß, riß nun bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges nicht mehr ab.“, S. 62.
[5] Vgl. S. 66 f.
[6 ] S. 67.
[7] S. 71, Es wurden viele englische Autoren gespielt, sogar Shakespeare und viele unbekanntere, von den Spaniern Calderon und ein paar unbekannte von den Italienern, die sich noch Reserven für den Beginn des neuen Jahrhunderts aufhoben, um dann mit dem Théâtre Italien ein mehrbändiges Sammelwerk herauszugeben, das in Deutschland aber auch erst zögerlich angenommen wurde. Hier scheint mir Frau Fischer-Lichte einen weiteren Widerspruch in ihrem Lehrbuch zu haben. Ganz so geschickte Händler waren die Italiener vielleicht doch nicht wie ihre deutschen Komödiantenkollegen, die genau berechnet haben, was ankam, und sich ja auf die Erfahrung und die Schätze der Engländer – die elisabethanischen Dramen – stützen konnten.
[8] S. 72.
[9] Es mag verblüffen, dass die technische Körperbeherrschung der Schauspieler ausgerechnet von der Akrobatik der Seiltänzer und Springer herkommt und dass davon noch heute die beeindruckende Verkörperungs- und Verwandlungsfähigkeit kommt.
[10] S. 76.
[11] Bedenkt man den technischen Fortschritt, so wird deutlich, dass die komische Figur des Narren spätestens mit der Erfindung des Elektromotors überflüssig war. Hieraus wäre analog zum technischen Fortschritt auch ein Fortschritt in der Darstellungsweise und im Gehalt der Stücke abzuleiten.
[12] S. 79.
[13] S. 60.
Letzte Aktualisierung ( Freitag, 2. Februar 2007 )
 
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