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Geschrieben von Monika Hanauska   
Montag, 22. Januar 2007

„Früher bedeutete Wind 'Wand' und die war schief“
Eine kurze Betrachtung zum kreativen Potential von Volksetymologie

Monika Hanauska,
Leipzig
Auch Sprache kennt eine ihr eigene Tragik: nach jahrhundertelangem Überleben müssen nicht wenige Wörter die Waffen strecken und sich ihrem Schicksal ergeben: sie werden verdrängt durch andere Wörter, die schnittiger, dynamischer, treffender oder einfach nur allgemein verständlicher erscheinen. Ganze Wortfamilien sterben aus!

Doch eine kleine Genugtuung bleibt diesen zum Vergessen Verurteilten: sie hinterlassen kleine Waisenwörter, deren Herkunft man auf den ersten Blick nicht mehr bestimmen kann und deshalb bedeutungsleer erscheinen: Maulaffen, Fleischpflanzl1, Meineid oder Rosenmontag, um nur ein paar zu nennen.

Da aber das Sprachempfinden nur ungern zulässt, dass Wörter ohne jegliche Bedeutung existieren, wird diesen Waisen eine neue Familie verschafft, durch die sie wieder einen Sinn erhalten – wenngleich dieser manchmal nur um die Ecke gedacht erschlossen werden kann. Dieses Phänomen wird im Allgemeinen Volksetymologie genannt.

Wann spricht man von Volksetymologie?

Wie schon der Name anklingen lässt, handelt es sich bei Volksetymologie um nicht-wissenschaftliche Etymologie, also um den Versuch, die Bedeutung eines Wortes mit Hilfe von Assoziationen zu erschließen. Das wichtigste Kriterium ist hierbei der ähnliche oder gleiche Klang von Wörtern: Da das eigentliche Ursprungswort von den Sprechern der Gegenwartssprache nicht mehr gekannt und verstanden wird, suchen sie nach einem Wort, das so ähnlich klingt. Ein sehr plausibles Beispiel ist der karnevalistische Rosenmontag, der eigentlich auf das Verb rasen ('toll, verrückt sein') zurückgeführt wird. Da aber dieses Wort aus dem Sprachgebrauch weitgehend verschwunden ist, wurde das rasen zu Rosen umgedeutet. Schwierig wird es in diesem Fall nur, eine nachvollziehbare Erklärung zu liefern, was die Rosen mit dem Faschingsmontag zu tun haben. (Werden bei den traditionellen Umzügen neben Bonbons auch Rosen geworfen?)

Dieses Beispiel zeigt aber ganz deutlich, was die Volksetymologie von ihrem wissenschaftlichen Pendant unterscheidet: während Letztere dem Wortursprung auf den Grund gehen will, versucht Erstere aus den synchronen Gegebenheiten eine Bedeutung oder zumindest eine Anbindung an ein bekanntes Wort herzustellen. Dass dabei nicht immer eine völlig befriedigende Motivierung entsteht (siehe Rosenmontag), muss hingenommen werden. In anderen Fällen jedoch, wie beispielsweise bei Hängematte, das aus dem südamerikanischen Wort hamaca2 über das Niederländische ins Deutsche importiert wurde, hat die Volksetymologie dazu beigetragen, dem Fremdwort eine anschauliche Motivierung zu geben: so ist ein(e) hamaca – Hängematte eine Matte, die man zwischen zwei Bäumen aufhängt.3

Auch eine Geschichte der Etymologie – die Tradition der Volksetymologie

Allerdings beweist die Bezeichnung „Volksetymologie“ auch eine Geringschätzung, die von der wissenschaftlichen Etymologie ausgeht. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass die Vorgehensweise des assoziativen Etymologierens eine lange Tradition hat. Wichtiger als der tatsächliche sprachgeschichtliche Ursprung eines Wortes war über Jahrhunderte hinweg die Bedeutungszuweisung, die aus der Verbindung mit gleich oder ähnlich klingenden Wörtern vollzogen wurde.

Bereits in der Antike wurde so die Etymologie eine Wissenschaft, die dem philosophisch-erkenntnistheoretischen Streben diente. Die Frage war, ob Gegenstandsbezeichnungen und Namen etwas über das Wesen des so Bezeichneten aussagen können. Damit verbunden war die Vorstellung von der „Wahrhaftigkeit“ der Namen, die jedoch bereits bei Platon kontrovers diskutiert wurde.

Im Mittelalter wurde diese Vorstellung von Isidor von Sevilla im 7. Jahrhundert wieder unumstritten vertreten. In seinem zwanzigbändigen Werk Originum seu etymologiarum libri viginti, das während des gesamten Mittelalters als die Enzyklopädie schlechthin galt, betrachtet er die Namen und Bezeichnungen als von Gott gegeben und daher als Ausdruck für das Wesen des Bezeichneten. Die theologische Exegese der Namen hat den Zweck, den Wahrheitsgehalt der Namen aufzudecken: So erklärt Isidor beispielsweise das Wort perfidus 'treulos, ungläubig' folgendermaßen: Perfidus, quia fraudulentus est et sine fide, quasi perdens fidem.4
In diesem Falle führt der ähnliche Klang von fides 'Vertrauen, Glauben' und perfidus nicht auf eine falsche Fährte.

In anderen Fällen allerdings schon: Miles dictus, quia mille erant ante in numero uno, vel quia unus est ex mille electus.5

Die relative Homonymie von miles 'Soldat' und mille 'tausend', sowie die Vorstellung von der Truppengröße verführen dazu, einen Zusammenhang anzunehmen, der letztlich auch eine gewisse Logik beinhaltet. Das isolierte Lexem miles wird durch ein anderes isoliertes Wort neu motiviert, da der Wortursprung, der im Griechischen liegt, nicht mehr rekonstruiert werden kann. Und obwohl die Anlehnung an mille vom Wortursprung betrachtet falsch ist, ist die Vorstellung, dass die Bezeichnung miles etwas mit der Truppenstärke zu tun hat, richtig. Den Angaben des Großwörterbuchs Latein zufolge bedeutet miles ursprünglich 'in Scharen marschierend'.6

Abschließend noch ein letztes Beispiel dafür, wie ähnliche Lautung und Vorstellungskraft zur Bildung von Wortbedeutungen beitragen können: et dicta genua eo quod in utero sint genis opposita. [...] Nam a genis genua dicuntur. Denique conplicatum gigni formarique hominem, ita ut genua sursum sint, quibus oculi formantur, ut cavi ac reconditi fiant.7

Auch hier lässt sich die Worterklärung gut nachvollziehen: Durch den Druck, den die Knie auf das Gesicht des Foetus ausübt, werden die Augenhöhlen gebildet, unter denen sich schließlich auch die Wangenknochen befinden. Die Wortverwandtschaft von genua 'Knie' und gena (Wange) scheint also – zumindest in Zeiten vor Erfindung des Ultraschallgerätes – offensichtlich zu sein.

An dieser Stelle verlassen wir Isidor und setzen zu einem Sprung von gut tausend Jahren an, während derer die Isidorischen Erkenntnisse in wenig modifizierter Form relativ unhinterfragt gültig waren.

Aus dieser gelehrten Form der „unwissenschaftlichen“ Etymologie entwickelt sich allmählich auch eine Zwischenstufe zwischen ernst gemeinter und satirischer Bedeutungslehre.

Es sei hier Johann Fischart (1546/47-1591) hervorgehoben, der im 16. Jahrhundert in seinen Werken eine unverblümte Lust am Spiel mit der Sprache an den Tag legt.

Fischart war ein gelehrter Mann, der neben Latein und Griechisch auch Französisch, Niederländisch und Italienisch sprach, was ihm bei seiner Beschäftigung mit der deutschen Sprache zugute kam. In seinen etymologischen Versuchen orientiert er sich an den Theorien des niederländischen Gelehrten Jan von Gorp (1518-1572), der in seinen Sprachforschungen Überlegungen zur babylonischen Sprachverwirrung miteinbezog. So kommt er zu dem Ergebnis, dass die unterschiedlichen Sprachen u.a. durch Umstellung einzelner Buchstaben aus der Ursprache entstanden seien.

Diese These greift auch Fischart auf, wenn er beispielsweise die Bedeutung von Mann erklärt: der erst Man oder Männisch, Homan, homo, war der erst Nam, der allen anderen allen Namen gab: und weil der erst Nam war ein Man.8

Tatsächlich lassen sich nicht wenige Wörter (sowohl der deutschen als auch anderer Sprachen) als Anagramme oder Palindrome lesen, wenngleich die daraus entstehenden Wörter auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Doch daran stört sich Fischart nicht, der wohl von der Maxime ausgeht, dass die Verwandtschaft von Wörtern auch brachial hergestellt werden kann. So fordert er, dass im Schulunterricht „die Kinder vor und hinter sich lehrne sprechen und lesen“.9

Bei Fischart ist es schwer, die Grenze zwischen ernstgemeintem und parodistischem Etymologisieren zu ziehen, polemisiert er doch durch bewusst falsches Zuordnen von Bedeutungen in seinen literarischen Werken. So umschreibt er beispielsweise das Hippodrom als 'Hüpfetherumb' oder die Wollust als 'Wollustitas' (aus voluptas) und weist somit den Fremdwörtern eine transparente – wenngleich wissenschaftlich unzulässige – Motivierung zu. Das Ziel des „ernstgemeinten“ und der „parodistischen“ Bedeutungslehre bleibt also ähnlich: es geht darum, Unverständliches verständlich zu machen.10

Diese Formen der Wortneumotivierung durch Verdrehung und Veränderung des Ursprungswortes werden als Sprachspiele auch außerhalb der satirischen Literatursprache immer wieder gern genutzt. Dabei wird die Neumotivierung auch bei Lexemen betrieben, die eigentlich nicht isoliert sind. Die Zuordnung zu einer neuen, durch Homonymie legitimierten Wortfamilie macht hier den komischen Effekt aus.

Wir sehen also, welche Wege die „unwissenschaftliche“ Etymologie im Laufe der Zeit genommen hat – wenngleich natürlich nicht von chronologischen Prozessen gesprochen werden darf, da „gelehrte“ und „parodistische“ Etymologie zu allen Zeiten nebeneinander existiert haben. Vielmehr muss hier von zwei Seiten einer Medaille gesprochen werden, deren eigentliches Ziel war und ist, Waisenwörter wieder in einen nachvollziehbaren Wortfamilienverband zu stellen. Mit diesem Akt der Bedeutungsverknüpfung – und das ist an dieser Stelle wichtig – wird ein eigenes Ziel verfolgt: In der „gelehrten“ Etymologie soll der Wahrheitsgehalt der Wörter be- und somit die Arbitrarität zurückgewiesen werden. In der „parodistischen“ Etymologie hingegen soll mit der Bedeutungsneumotivierung polemisiert oder einfach ein Lacher erzeugt werden.11

Genau an diesem Punkt unterscheidet sich das, was landläufig als Volksetymologie bezeichnet wird, von den beiden vorgestellten Varianten: die Volksetymologie will zwar auch undurchsichtige Wörter erhellen, indem sie diese in neue Wortzusammenhänge stellt. Allerdings endet hier schon die Intention. Die Neumotivierung soll nicht in größere, wie auch immer geartete Zusammenhänge führen.

Volksetymologie und Kreativität

Dennoch beweisen Volksetymologen – ähnlich wie ihre Kollegen aus den beiden anderen unwissenschaftlichen Disziplinen – ein ungeheures Potential an Kreativität. Unbeeinflusst von sprachhistorischen Erkenntnissen, unberührt von wortgeschichtlichen Zusammenhängen versuchen sie, verwaisten Wörtern eine neue Herkunft zu verschaffen und sie dadurch gleichzeitig neu zu deuten. Dabei gehen sie aber nicht von der Vorstellung aus, dass es es eine prinzipielle Übereinstimmung von Inhalt- und Bedeutungsseite eines Lexems gibt, sondern vielmehr davon, dass ähnlich klingende Wörter in einem Verwandschaftsverhältnis zueinander stehen und darüber erklärbar werden. Die Ursprünge an sich bleiben für Volksetymologen uninteressant.

Die Klärung der angenommenen Verwandtschaftsverhältnisse von Wörtern jedoch erfordert in nicht wenigen Fällen überdurchschnittliche Fertigkeiten im Quer- und Um-die-Ecke-Denken sowie ein bewusstes Ignorieren von allgemein bekannten oder logischen Tatsachen: So scheint die Sache mit dem Maulwurf ja eigentlich ganz einfach zu sein, ist er doch so benannt, weil er die Erde mit dem Maul aufwirft.12

Wie das in Wirklichkeit aussehen soll, bleibt unhinterfragt, ja wird geradezu absichtlich übergangen.

Ist Maulwurf noch ein relativ niedriger Schwierigkeitsgrad, sollen im Folgenden einige Beispiele für wirkliches Um-die-Ecke-Etymologieren vorgelegt werden. In einer nicht-repräsentativen Umfrage, die weder nach akademischer Bildung, Alter, Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit aufgeschlüsselt ist, wurde den Testpersonen eine Liste mit schwer durchschaubaren Wörtern vorgelegt. Die Aufgabe war, unter Ausschluss aller linguistischer Vorbildung die Herkunft der Wörter zu erklären. Es wurde ausdrücklich zu phantasievollen und ungewöhnlichen Deutungen angeregt. Im Folgenden soll nun anhand einer Auswahl gezeigt werden, mit wieviel Vorstellungskraft und Assoziationsvermögen Volksetymologen in ihrer Disziplin vorgehen.
Bsp. 1: belemmert13 ('betreten')
a) Jemand, der belemmert ist, schaut dumm aus der Wäsche – ähnlich wie ein Lamm.
b) Jemand, der belemmert ist, wurde betrogen, ihm wurde – in Analogie zum Bären – ein Lamm aufgebunden.
c) Leute, die nicht so klug waren, hielten früher Schafe (oder resp. Lämmer) und waren daher „belemmert“. Der dümmste Bauer hat also nicht nur die dicksten Kartoffeln, sondern auch die meisten Lämmer.
 
Bsp. 2: Maulaffen feilhalten14 ('glotzen, starren')
a )Maulaffen sind Tiere mit ganz großen Augen, wodurch sie immer einen stupiden Blick haben, mit dem sie alles beobachten. Diese Eigenschaft hat sich dann auch auf den Verkäufer ausgewirkt, denn wie bewiesen: sozialer Umgang färbt.
b) Beim Gaffen steht der Mund offen, sodass man meinen könnte, derjenige, der Maulaffen feilhält, habe kein Gehirn mehr und wäre wieder eine Stufe tiefer gerutscht in der Evolutionsgeschichte.
Der Ausdruck stammt aus der Kolonialzeit, als sich Affe und Mensch zum Verwechseln ähnlich schienen.
d) Mit dem offenen Mund eines Affen gaffen.
 
Bsp. 3: Ratzekahl15 ('völlig leer')
a) Ratzekahl entstand in Anlehnung an die verderbte Form Ratzefummel für Radiergummi. Wenn jemand mit dem Radiergummi etwas ausradiert, ist alles weg, also ratzekahl.
b) Ratzekahl bezieht sich auf Ratten (vgl. bairisch Ratz), die alles kahl fressen. Da dies aber auch auf Heuschrecken zutrifft, einigte man sich auf einem internationalen Kongress auf ratze- anstelle von heuschreckkahl.

Bsp. 4: Bockbier16 (Ausdruck für Starkbier)
a) Starke Männer werden mit Böcken verglichen, und da starke Männer starkes Bier trinken, heißt dieses Bockbier.
b) Bockbier ist das Getränk, das beim Dionysoskult gereicht wurde und zu Kapriolen veranlasste.
c) Der Name hängt mit der Gärungsart zusammen; dieses Bier wird nicht gebraut, sondern gebockt. Gebockt ist wohl ein Fachterminus der Brausprache.
d) Das Bier zeigt einen starken Charakter, den man auch als bockig bezeichnen kann. Daher der Name.
e) Vom Bockbier wird man geil wie ein Bock.

Bsp. 5: windschief17 ('schief')
a) In Assoziation zur Geschichte von den drei kleinen Schweinchen: wenn der Wind/Wolf heftig bläst, so fällt eine Konstruktion zwar nicht um, wird aber durch den Wind schief, also windschief.
b) Wenn etwas windschief ist, dann ist es unglaubwürdig, weil es eh schon irgendwie schief/schräg/abgefahren ist, aber dann auch noch viel Wind dahinter ist (also nichts, Luft).
c) Früher bedeutete Wind 'Wand' und die war schief.

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass volksetymologische Deutungen zum einen versuchen, anhand von Wortähnlichkeiten neue Wortfamilien für die verwaisten Lexeme zu finden.

Dabei wird nun wiederum versucht, die Vorstellungen, die man zu dem Bedeutungsinhalt des verwaisten Lexems hat, mit Vorstellungen und Eigenschaften des homonymen Wortes in Einklang zu bringen. Als Beispiel kann hier die Volksetymologien zu Bockbier dienen (vgl. Bsp. 4a und d):

Bockbier ist relativ starkes Bier.
Ein Bock ist (Charakter?)starkes Tier.
Aufgrund der Stärke wird das Bier nach dem Tier benannt.18
 
Die Übereinstimmung von Eigenschaften – und mögen diese auch noch so gering sein – legitimieren die Einordnung eines isolierten Wortes in eine neue Wortfamilie.

Immer ist hier aber das Bewusstsein vorhanden, dass es sich bei diesen verwaisten Wörtern um „alte“ Wörter handeln muss, deren Bedeutung nicht ohne weiteres entschlüsselt werden kann. Wird nun eine Assoziation bemüht, so wird häufig darauf hingewiesen, dass die Wortverwandtschaft aus einer anderen Epoche stammt, in der auch der logische Zusammenhang zwischen den aus heutiger Sicht nicht mehr zusammengehörigen Begriffen vorhanden war. Vgl. hierzu u.a. die Beispiele 1c, 2c, 4b und 5c. Diese pseudosprachgeschichtliche Annäherung beweist wiederum, dass Volksetymologie zwar Lautähnlichkeiten auf synchrone- gegenwartssprachlicher Ebene ausnutzt, aber durchaus versucht, die semantischen und logischen Zusammenhänge auf diachroner Ebene herzustellen.19

Volksetymologie mag zwar keine wissenschaftliche Disziplin sein, aber sie ist ein Ausdruck für das Interesse, dass Sprecher ihrer Sprache widmen. Da es zum natürlichen Werden und Vergehen von Sprache gehört, dass Wörter und Wortfamilien aussterben und nur Relikte hinterlassen, hat auch jede Sprache ihre eigenen Volksetymologien. Wenngleich also der Volksetymologie wenig Respekt aus der Sicht der wissenschaftlichen Etymologie gezollt wird, wollen wir doch nicht vergessen, dass hinter jeder volksetymologischen Interpretation ein nicht zu verachtender Aufwand an Phantasie, Lust am Querdenken und Sprachwitz steckt.
 

[1] Süddeutsch für Frikadelle.
[2] Hier in der spanischen Schreibung. Vgl. Baldinger S. 18.
[3] Ob die traditionell-indianische Verwendungsweise mit dieser übereinstimmt, konnte nicht zufriedenstellend geklärt werden.
[4] Perfidus, weil jn. betrügerisch und ohne Glaube (fides) ist, gleichsam einem, der den Glauben verloren hat. Etymologiae X, P.222. Zitiert nach http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Isidore/home.html
[5] Es heißt Miles (Soldat), weil früher in einer Truppe tausend (mille) zusammen waren oder weil einer von tausend ausgewählt wurde. Etymologiae IX,iii,32.
[6] Vgl. S. 473b.
[7] Und die genua (Knie) werden so genannt, weil sie im Uterus den Wangen (genae) gegenüberliegen. [...] Tatsächlich werden die Knie nach den Wangen benannt. Außerdem, werden die Knie aufgerichtet, wenn der Mensch in seinem Entstehungsprozess zusammengefaltet ist, und formen die Augen. Etymologiae XI, i, 108.
[8] Zitiert nach Hauffen (1922) S. 248. Die Unterstreichungen stammen von der Autorin.
[9] Ebd. S. 248.
[10] Zu diesem Schluss kommt auch Renate Bebermeyer (1974) in ihrer Abhandlung zur Volksetymologie. S. 177.
[11] Dass auch die gelehrte Etymologie aus heutiger Sicht einige unfreiwillige Komik beinhaltet, lag ja schließlich nicht im Sinne des Erfinders.
[12] Die tatsächliche Etymologie macht es der Logik dabei einfacher: Die Konstituente Maul geht auf ahd. - zurück, die dem altenglischen mūga 'Haufen' entspricht. Der Maulwurf ist also eigentlich ein „Haufenwerfer“. Vgl. Olschansky (2004), S. 99f.
[13] Belemmert ist mit dem niederdt. Verb belemmern 'belästigen' verwandt, das wiederum eine Iterativbildung zu belehmen 'lähmen' ist. Jemand, der belemmert ist, fühlt sich also eigentlich belästigt und machtlos, an dieser Situation etwas zu ändern. Vgl. Olschansky (2004), S. 23f.
[14] Maulaffen halten ist ein verderbtes fnhd. Maul offen halten. Möglicherweise bezog sich dieser Ausdruck auf einen tönernen Kienspanhalter, der als menschlicher Kopf geformt war und in dessen Mund der Kienspan steckte. Vgl. Olschansky (2004), S. 98.
[15] Dieses Adjektiv ist seit dem 18. Jahrhundert bezeugt und wurde aus radikal zu ratzekahl verändert. Vgl. Olschansky (2004), S. 121.
[16] Hier ist die Wortgeschichte etwas umfangreicher: Das Wort „Bock“ bezieht sich nicht auf das Tier, sondern auf den Entstehungsort, dem niedersächsischen Ort Einbeck. Ursprünglich hieß das Hopfenbier „Einbeckisch Bier“ und wurde unter diesem Namen auch nach Bayern exportiert. Hier wurde aus einbeckisch zunächst ampokhisch. Spätere Bezeichnungen des Biers sind Aimbock und Oambock, was schließlich als 'ein Bock' verstanden wurde. So kam die maskuline Form ein Bock auf und gleichzeitig die Assoziation mit dem Tier. Vgl. Olschansky (2004), S. 29f.
[17] Windschief kommt von winden 'drehen'. Seit dem 17. Jh. bedeutet gewunden auch 'schief'. Es handelt sich hier also um eine Doppelmotivierung des Wortes. Vgl. Olschansky (2004), S. 165.
[18] Allerdings ist nach dieser Argumentation verwunderlich, dass das Bier nicht Ochsbier heißt, da ein Ochse ja eigentlich sehr viel stärker ist als ein Bock. Aber dieser Einwand kann nur gelten, wenn man das Pferd von hinten aufzäumt und anstelle von Volksetymologie Benennungskunde betriebe.
[19] Dies muss in Bezug auf die bislang erschienen Untersuchungen zur Volksetymologie wie etwa Olschansky (1996), S. 149 ergänzend nachgetragen werden.


Literatur:
  • Kurt Baldinger, 'Der Einfluss der „Volksetymologie“ auf die Vorstellungen', in: Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Phil-hist. Klasse, Heidelberg 1973, S. 7-37.
  • Renate Bebermeyer, 'Zur Volksetymologie: Wesen und Formen', in: Sprache und Sprachhandeln. Festschrift für Gustav Bebermeyer. Hg. von Jochen Möckelmann, Hildesheim/ New York 1974, S. 156-187.
  • Adolf Hauffen: Johann Fischart. Ein Literaturbild aus der Zeit der Gegenreformation, Bd. 2, Berlin/Leipzig 1922.
  • Hermann Menge: Langenscheidts Großwörterbuch Latein, 25. Aufl, Berlin u.a. 1996.
  • Heike Olschansky: Täuschende Wörter. Kleines Lexikon der Volksetymologien, Stuttgart 2004.
  • Heike Olschansky: Volksetymologie, Tübingen 1996.
  • http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Isidore/home.html (19.01.2007)
Letzte Aktualisierung ( Montag, 12. Februar 2007 )
 
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