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Fanfiction - das grenzenlose Reich der Fantasie

Eine Einführung am Beispiel des Eneasromans von Heinrich v. Veldeke

(In memoriam an Calico Cat, wer immer sie gewesen sein mag)

Ute Thalheim
Leipzig

 

Obwohl die Fanfiction nach fast einem halben Jahrhundert nunmehr die unterschiedlichsten Genres für sich erobert hat – begann das Phänomen einst mit Fangeschichten zu Science-Fiction-Serien, reicht das Spektrum heute von Videospielen bis hin zu Shakespeare-Stücken – so blieb doch der höfische Roman für Fanfiction-Autoren bisher noch unentdecktes Land. Unverdient, wie der folgende Beitrag am Beispiel des Eneasromans von Heinrich von Veldeke zeigen soll.
Zunächst aber: was ist eigentlich Fanfiction?

Fan fiction (also spelled fanfiction and commonly abbreviated to fanfic) is fiction written by people who enjoy a film, novel, television show or other media work, using the characters and situations developed in it and developing new plots in which to use these characters.”1

Somit hat also auch jeder Leser, der einen höfischen Roman „genießt“, die Möglichkeit, seinen Genuss kreativ umzusetzen und sich oder anderen zur Freude weiter am Mythos zu arbeiten2. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt3: im Folgenden soll anhand von Beispielen ein kleiner Überblick über die Fülle der sich darbietenden Möglichkeiten, will sagen der Fanfiction-Typen gegeben werden4 .


1. Het – Mann und Weib und Weib und Mann

Die Bezeichnung „Het“ entstand aus der Abkürzung für „hetero“ und ist im Fanfictionbereich Etikett für alle Geschichten, deren Plot sich hauptsächlich um das alte Thema der Liebe zwischen Mann und Frau dreht. Sehr wahrscheinlich dürfte Het die ursprünglichste aller Formen der Fanfiction darstellen, sicher aber ist sie die häufigste. Der Variantenreichtum ist sehr groß: er reicht von zarter Romantik bis hin zu handfester erotischer Literatur und Pornographie.
Anregungen für eine Het-fic im Eneasroman zu finden ist sehr leicht, da in allen höfischen Romanen Liebesbeziehungen zwischen Männern und Frauen eine wichtige Rolle spielen. Man muss sich hierbei übrigens auch nicht durch die bereits vorgegebenen Konstellationen einengen lassen: da es sich bei Fanfictions eben um Fiktion handelt, lassen sich beliebige Charaktere unterschiedlichen Geschlechts, die Potential für eine Geschichte versprechen, miteinander verpaaren.

Am Beispiel des Eneasromans:

Ein leises Seufzen durchdrang die laue Dunkelheit der karthagischen Sommernacht.
„Aeneas...“
Dann ein Flüstern, ein halbersticktes Lachen, leise Geräusche von Liebenden, die Venus einen andächtigen Gottesdienst feierten. Als ihre Atemzüge gehetzter gingen und schließlich zu Keuchen und Stöhnen wurden, krampfte sich eine weiße Hand in die samtigen Falten des Vorhangs.
„Du musst ihn mir nicht rühmen, Schwester!“, hatte Dido gesagt, als Anna ihr alle Vorzüge jenes trojanischen Flüchtlings aufgezählt hatte damals, in jener Nacht, in der sich die karthagische Königin in unerfüllten Liebesqualen wand. „Du musst ihn mir nicht rühmen.“
Und doch hatte Anna getreulich alles aufgezählt, hatte alles gesagt, was in ihrem Herzen war, bis auf eines. Dass sie Didos Leid nur allzugut verstand, weil es ihr eigenes war.
Und als sich hinter dem Vorhang der Kehle der Königin ein glücklicher Schrei entrang: „Aeneas!“, löste Anna leise ihre Hand von den Falten des Vorhangs und strich sich müde über die Augen.
Du musst ihn mir nicht rühmen, Schwester!
Du musst ihn mir nicht rühmen.


2. Slash – Die wahre Liebe gibt’s nur unter Männern (/Frauen)!

Im Gegensatz zu Het beinhalten Geschichten mit dem Etikett „Slash“5 Liebes- oder sexuelle Beziehungen zwischen Charakteren des gleichen Geschlechts. Dabei bezeichnet Slash i. e. S. Beziehungen zwischen Männern, während man den Teil der Slash-Fiction, der rein weibliche Beziehungen thematisiert, Fem(me)slash nennt.6 Die weite Verbreitung und große Häufigkeit des Slash ist ein schöner Hinweis auf die umfassende geistige Freiheit und Unbeschränktheit der Fanfiction, die sich sowohl von vorgezeichneten Figurenkonstellationen und Konflikten als auch von überkommenen konservativen Vorstellungen lösen kann, um neuen und eigenen Ideen der Autoren Raum zu geben, denn sehr häufig sind die Paare, denen sich Slash-Geschichten widmen, so keinesfalls im Ursprungswerk vorgegeben. Das bedeutet, dass auch der höfische Roman wie alle anderen Genres grundsätzlich Stoff für Slash bietet, auch wenn dieser dem unbedarften Leser/Autor vielleicht nicht ganz so leicht ins Auge fällt. Hier gilt es, die Fähigkeit zu schulen, zwischen den Zeilen zu lesen, um sich so mit dem Slash ein ergiebiges und lohnendes Feld für die Fanfiction zu erschließen.

Am Beispiel des Eneasromans: (Femslash siehe Kapitel 5: Lemon/Lime)

Turnus hatte sich verliebt. In wen?  Er konnte es niemandem sagen. Niemand hätte es geglaubt.
Nicht nur, dass es nicht seine liebreizende Verlobte war, wie es sich gehört hätte.
Nicht nur, dass es keine Frau war, an der sich seine Leidenschaft entzündet hatte und nun sein Herz hing – er hatte davon gehört, dass dies auch anderen schon geschehen war, es wurde verschwiegen, war aber doch noch zu akzeptieren.
Nein, einer der verfluchten Trojaner war es und gewiss nicht irgendeiner, sondern ausgerechnet –
Aeneas, der verhasste Feind. Sicher hatte dessen grausame Mutter dabei die Finger im Spiel, denn wie hätte ein anständiger italischer Mann sich wohl in einen Ausländer verlieben können, wenn nicht eine höhere Macht ihn dazu zwang?
Tagsüber gelang es Turnus recht gut, seine Gefühle hinter heißer Kampfeslust und Zorn auf den Feind zu tarnen, aber nachts war er froh, dass er ein eigenes Zelt hatte. Nicht auszudenken, wenn jemand gehört hätte, was er im Schlaf an verliebtem Unsinn stammelte. Denn jede Nacht besuchte ihn Aeneas in seinen Träumen – oder Turnus besuchte Aeneas, je nachdem. Häufig wachte er dann schweißgebadet und mit einem Stöhnen auf und war entweder froh, dass es nur ein Traum gewesen war, in dem er dem Trojaner schamlos die entehrendsten Dienste angeboten hatte, oder aber traurig, dass das schöne Traumbild schon zu Ende sein sollte und er in der kalten Wirklichkeit aufwachte.
Diese Liebe quälte ihn und machte ihn glücklich und unglücklich zugleich, bis er endlich beschloss, dass es ganz unmöglich sei, sie anders zu leben als indem er sich als würdiger Gegner für Aeneas erwies und wenn es sein musste, freudig von seiner Hand den Tod zu leiden. Und sollten die Götter ihm, Turnus, den Sieg gewähren, so wollte er Aeneas selbst töten und dann für immer stolz und unglücklich sein.
Viele Soldaten bewunderten Turnus’ Mut und Tapferkeit im Kampf, aber niemand hätte je geglaubt, woher sie rührte. Zwar sang man oft davon, dass es die Liebe sein müsse, die ihm solche Kriegstugenden verlieh, aber niemand außer Turnus selbst verstand, dass es wirklich so war.


3. AU – Was wäre, wenn…?

Lässt sich die Fanfiction schon auf dem Gebiet der Figurenkonstellation kaum Beschränkungen unterwerfen, so gilt das ebenso für Handlungsablauf und –konflikte der Geschichten. Auch wenn viele Fanfictions Konflikte und Konstellationen des Ursprungswerkes aufnehmen und vertiefen, ist es doch genauso möglich, sie neu und unabhängig (wenn auch vielleicht vom Ursprungswerk inspiriert) zu entwickeln. Man nennt dies dann ein „Alternative Universe“/ alternatives Universum, abgekürzt AU. Tritt in einer Fanfiction ein vom Autor neueingeführter Charakter auf, spricht man von einem „Original character“ (abgekürzt OC).
Wo eine große Anzahl Fanfictions unterschiedlicher Autoren zu einem Ursprungswerk existieren, kann es sein, dass sich bestimmte immer wiederkehrende, nicht dem Ursprungswerk zugehörige Handlungskonstellationen oder Details in den Geschichten so häufen, dass sie einen „Fanon“ im Gegensatz zum „Kanon“ (den das Ursprungswerk bietet) bilden.7

Am Beispiel des Eneasromans:

„Willkommen!“, begrüßte ihn die Herrscherin des Reiches ohne Überraschung. Sie saß auf einem Thron aus schwarzem Obsidian, wie man hier überhaupt eine Vorliebe für Schwarz und dunkle Farben zu haben schien. Einzig die Frühlingsblumen in ihrem schwarzen Haar hoben sich davon ab und schienen einen kleinen Schimmer Hoffnung zu verbreiten. „Ich hatte nicht erwartet, euch so bald wieder bei uns zu sehen. Weder dich, Neffe, noch Euch, Sibylle. Aber ich ahne schon, was euch herführt.“ Sie hob gebieterisch ihre Hand. „Nun?“
Aeneas ließ sich auf die Knie sinken. Die Sibylle blieb im Hintergrund und verhüllte ihr Gesicht zum Zeichen, dass sie zu diesem Gespräch nichts beitragen würde.
„Ich erbitte von Euch, dass ihr mich den Schatten der Königin von Karthago mit in die Welt der Menschen nehmen lasst und ihr das Leben wieder für eine Weile zurückgebt. Ich weiß, dass ihr die Macht dazu habt, o Göttin des Frühlings!“
Proserpina blickte unbewegt. „Mit welchem Recht verlangst du das von mir?“
„Ihr Tod war nicht der Ratschluss der Götter. Sie selbst hat es getan.“
„Und also wünschte sie sich, bei uns zu sein! Wieso sollte ich sie ausgerechnet mit dir wieder gehen lassen?“, Aeneas’ Tante sah streng auf ihn herab, aber er hielt ihrem kühlen Blick stand.
„Es war nicht ihre Schuld und nicht ihr ehrlicher Wunsch, zu sterben. Es war meine Schuld. Ich trieb sie dazu.“
Die Totengöttin nickte langsam.
„Sehr wahr, Aeneas. Da du bereit bist, deine Schuld einzugestehen, will ich dir die Möglichkeit geben, sie wiederzugewinnen. Allerdings lasse ich niemanden gern aus meinem Reich fortgehen, das wirst du einsehen. Ich gebe dir daher eine Aufgabe, die du erfüllen musst. Schaffst du das, geht sie mit dir; schaffst du es nicht, bleibst du hier. Willst du annehmen? Noch kannst du gehen.“
Aeneas zögerte nicht. „Ich nehme an.“
„Gut. Es trifft sich, dass eben jener Schatten, nach dem du verlangst, lange schon darum bat, sie von den Wassern der Lethe, die ewiges Vergessen schenken, trinken zu lassen, um ihre Qualen zu beenden. Wir gewähren das nicht jedem. Ich prüfe jeden Fall selbst und bestimme, wem diese Gnade zuteil wird. Ich habe es ihr gestern erlaubt. Sie hat dich vergessen, Aeneas. Dich und alles, was ihr hattet.“
Aeneas erstarrte, als hätte ihn ein Pfeil getroffen.
„Schaffst du es nun, in ihr binnen drei Tagen eine neue Liebe zu dir zu entflammen, so lasse ich sie mit dir gehen. Wenn nicht, wirst du mit ihr auf den Wiesen der unglücklich Liebenden bleiben müssen. Und diesmal wird dir weder deine Mutter noch dein Bruder dabei helfen können, denn sie haben bei uns keine Macht. Ich bin gespannt, Aeneas. Deine Zeit beginnt jetzt.“ Sie drehte eine große Standuhr um.  „Die Sibylle wird dir den Weg weisen.
Ja, ich bin gespannt, Aeneas.“


4. Crossover – Kulturencrash kreuz und quer

Von einem Crossover („Überkreuzen/ Überschneiden“) spricht man dann, wenn in einer Fanfiction Charaktere zweier verschiedener Ursprungswerke aufeinandertreffen und miteinander interagieren. Crossover-Autoren tendieren meist dazu, Werke zu „kreuzen“, die in ähnlichen Welten spielen und/oder ähnliche Handlungskonstellationen aufweisen. Allerdings sind auch hier der Fantasie keine Grenzen gesetzt: grundsätzlich ist alles möglich.

Am Beispiel des Eneasromans:

Am Morgen rief der König Latinus vom Balkon des Palas aus zum Appell.
„Freunde!“, rief er aus und alle vermeinten, einen zufriedenen, ja glücklichen Ausdruck an ihm zu bemerken statt der gewohnten müden Hoffnungslosigkeit. Vielleicht, dachte Turnus, hat ihn der Wahnsinn am Ende doch noch ereilt. Nun, wenn das
fatum es so fügt! Ich werde seine Tochter und sein Land dennoch verteidigen.
„Die Götter“, fuhr Latinus mit hocherhobener, wenn auch ein wenig brüchiger Stimme fort, „Haben ein Einsehen mit uns gehabt! Unsere Gebete und Opfer sind erhört worden! Sie schicken uns Verbündete – Barbaren aus dem Norden!“, und mit diesen Worten trat er zur Seite und gab den den Blick frei auf einen äußerst grimmig dreinschauenden, einäugigen alten Krieger mit verfilztem eisgrauen Haar und Bart. Hinter ihm traten drei weitere Männer vor, verschiedenen Alters, aber aufgrund ihrer Ähnlichkeit doch eindeutig als Brüder zu identifizieren. Latinus stellte alle vor: „Dies sind die Burgunderfürsten Gunter, Gernot und Giselher“ – die Benannten nickten nacheinander – „und hier steht ihr Verwandter, der berühmte Kämpfer Hagen von Tronje. Sie führen ein großes starkes Heer an, und mit dieser Unterstützung wird selbst der Göttergünstling Aeneas nichts gegen uns ausrichten können!“
Ein Raunen ging durch die Menge. Dann mischten sich einzelne „Hoch!“-Rufe darunter, bis die ganze versammelte Menge „Hoch unsere Barbarenfreunde aus dem Norden!“ brüllte. Als sich die erste Euphorie ein wenig zu legen begann, hörte Turnus jemanden ganz in seiner Nähe fragen:
„Eines möchte ich gerne wissen: Wie kommt es, wenn es doch nordische Barbaren sind, dass sie unsere Sprache verstehen?“
Tatsächlich! Wie ist das nur möglich?, fragte sich Turnus ebenfalls. Da antwortete jemand aus der Menge:
„Ich kann dir nicht sagen, wie ich darauf komme –  ich glaube, es hat irgendwie damit zu tun, dass sowohl der Eneasroman als auch das Nibelungenlied auf Mittelhochdeutsch abgefasst sind. Aber frag mich bloß nicht, was das bedeutet!“


5. Lemon/Lime – „Schmuddelkram“

In der deutschsprachigen Fanfiction-Gemeinde wird gern gescherzt, es habe seinen Grund, warum man Fanfiction mit „Fan-Fick“ (fanfic) abkürzt. Denn natürlich kann das Schreiben von Fanfiction auch der Wunscherfüllung der Autoren dienen und in explizit erotische Texte münden. Dabei bezeichnet „Lime“ die etwas harmlosere Variante, wohingegen es bei einer „Lemon“8 richtig zur Sache geht.

Am Beispiel des Eneasromans:

„Willst du es nicht selbst einmal probieren? Nur um zu wissen, wie es sich anfühlt?“
Lavinia zögerte. „Ich... ich weiß nicht recht.“
Camilla lächelte aufmunternd. „Du musst keine Angst haben. Es tut ja nicht weh. Ich bin mir sicher, es wird dir gefallen.“
Lavinia schlug die Augen nieder und errötete. „Aber Frauen tun das doch nicht!“
„Ich bin doch eine Frau, oder nicht?“, antwortete Camilla.
„Ja, ich weiß.“, erwiderte Lavinia kleinlaut. Dann kaute sie nervös auf ihrer Unterlippe herum.
„Also was?“, fragte Camilla schmunzelnd.
„Aber wenn... wenn jetzt jemand hereinkäme und das sehen würde?! Was würden denn nur meine Eltern sagen?“
„Früher oder später werden sie davon erfahren. Und dann werden sie damit leben lernen müssen, dass du alt genug bist, deine eigenen Entscheidungen zu treffen.“, meinte Camilla ernst, stand auf, ging zur Tür und schob den Riegel vor. „Aber heute abend muss ja noch niemand außer uns beiden davon wissen.“ Sie setzte sich neben Lavinia auf das Bett und nahm ihre Hände. „Ich will dich nicht drängen. Du hast noch soviel Zeit, das auszuprobieren.“
„Ich will es ja selbst.“, seufzte Lavinia. Dann sah sie Camilla fest in die Augen und gestand ihr leise: „Eigentlich wollte ich es schon immer.“
„Dann ist jetzt der Zeitpunkt da.“, lächelte Camilla und begann langsam, sich auszuziehen. Lavinia bewunderte einige Augenblicke still ihre Schönheit und ihre graziösen, selbstsicheren Bewegungen, aber schon nach kurzer Zeit verlangte die ihr anerzogene Schamhaftigkeit ihr Recht und sie schloss die Augen fest.
„Bereit?“, fragte Camilla kurz darauf mit verführerischer Stimme, und Lavinia nickte tapfer, ohne die Augen wieder zu öffnen. Sie spürte, wie Camilla sich vor ihr hinkniete, ihr die Schuhe auszog und ihre Röcke hinaufschob und dann Camillas Hände auf ihren Knöcheln und Waden, an ihren Knieen, auf ihren Schenkeln...
„Das fühlt sich... komisch... an.“
„Nur am Anfang.“, versicherte Camilla. „Dann ist es ein sehr gutes Gefühl, glaub mir. Irgendwie... frei!“
„Fertig!“, verkündete sie schließlich wenig später.
Lavinia stand auf und machte ein paar Schritte in den ungewohnten Männerbeinkleidern.
Es fühlte sich wirklich gut an.


6. MarySue/ Self-Insert – Die Geißel der Fanfiction

Den mit Abstand schlechtesten Ruf in der gesamten Fanfiction-Welt haben sog. „MarySues“. Dieser Begriff bezeichnet Geschichten, in denen ein in (fast) allen Bereichen perfekter Originalcharakter aus der normalen Welt in die Welt des jeweiligen Ursprungswerks gerät, wo sich dann praktisch sofort der vom Autor bevorzugte Charakter in diese „MarySue“9 verliebt. Es ist allzu durchsichtig, dass es sich bei den allermeisten MarySues um Wunschvorstellungen des Autors (oder doch besser: der Autorin, denn MarySues sind fast ausschließlich weiblich10) von sich selbst handelt (daher auch: „Self Insert“). Typische Gattungsmerkmale einer MarySue-Fanfiction sind detailliert bis langatmige Beschreibungen des Aussehens von Personen, wobei meist besonderer Wert auf Farbe und Schönheit von Augen und Haar gelegt wird. Wiewohl es durchaus anspruchsvolle MarySue-Geschichten gibt – im Bereich der Parodie – gelten MarySues ganz allgemeinhin als die Telenovelas der Fanfiction.

Am Beispiel des Eneasromans:

Marie-Susanne verleierte die grüngesprenkelten Augen und drehte sich eine ihrer glänzenden, blonden Locken um den Finger. Wie langweilig Schule sein konnte, kaum zu fassen! Jetzt lasen sie schon zum drittenmal diesen todlangweiligen Text über „California – the country of contrasts“. Wenn sie sich richtig erinnerte, hatte es in der Lektion zuvor geheißen: „Australia – the country of contrasts“ und die Lektion davor „Scotland – the country of contrasts“. Sie unterdückte ein Gähnen. Es war erst halb neun, und wer sollte sich bei solchem Stoff da konzentrieren können? Es half auch nicht gerade, dass sie am vergangenen Abend wieder einmal bis halb eins nachts im Bett gelesen hatte. Gustav Schwab, Die schönsten Sagen des klassischen Altertums, ihre neueste Leidenschaft. Das war auch viel interessanter als dieses doofe..., doofe... – schon wieder musste sie gähnen. Marie beschloss, den Kampf gegen die Müdigkeit aufzugeben, stellte ihr Buch vor sich auf, legte den Kopf auf die überschlagenen Arme und schloss die Augen. Drei Sätze später war sie eingeschlafen.
Sie erwachte, als sie jemand an der Schulter rüttelte. Überraschenderweise befand sie sich nicht mehr im Klassenzimmer. Erstaunt sah sie sich um. Um sie herum breitete sich eine fruchtbare Ebene aus, in der Ferne waren Berge und eine im Aufbau befindliche Burg zu sehen, in der anderen Richtung lag das Meer. Vor ihr stand ein unglaublich gutaussehender Mann in leichter Rüstung, mit halblangen, lockigen schwarzen Haaren und kräftiger Statur. Sein sonnengebräuntes Gesicht hatte die Anmut griechischer Statuen und er blickte leicht besorgt.
„Wer sind Sie?“, fragte Marie-Susanne erstaunt.
„Ihr kennt mich nicht?“, fragte der Mann erstaunt, und der Wohlklang seiner Stimme ließ Marie angenehm erschauern. „Man nennt mich Einayas, ich bin ein Trojaner.“
Marie-Susanne sprang auf. „Sie sind Aene... – Einayas? Der aus dem brennenden Troja flüchtete?“ Unfassbar, einfach unfassbar!
„Ihr mögt mich für einen Feigling halten“, erwiderte der Gutaussehende mit stolzer Traurigkeit in seinen funkelnden Augen, „aber ich wäre nicht so leichtsinnig, einfach auf der Wiese zu schlafen, in Kriegszeiten, wenn ich eine Maid wäre. Und dazu eine so schöne! Bedenkt nur, was Euch geschehen kann! So goldglänzendes Haar wie Ihr hatte nicht einmal die Königin von Karthago.“ Er blickte mit seinen meerblauen Augen tief in Marie-Susannes grüne, und Marie-Susanne spürte ihr Herz schneller klopfen, ihre Gesichter kamen sich näher und...
Sie erwachte.
„Du bist dran!“, flüsterte ihr der Tischnachbar zu. Ein paar andere begannen zu lachen.

 

Zum Abschluss dieser kurzen Einführung in die faszinierende Welt der Fanfiction bleibt mir noch zu hoffen, dass ich damit einen kleinen Beitrag zur weiteren Bekanntheit und Verbreitung dieses erfrischend freien und unbegrenzten literarischen Genres leisten konnte. Ich wünsche, dass in Zukunft auch und gerade die „Genießer“ höfischer Romane auf diese Weise einen Weg ins grenzenlose Land der menschlichen Fantasie finden mögen und schließe mit dem Wahlspruch eines bekannten Webarchives für Fanfiction:

Unleash your imagination and free your soul!11

 


[1] www.biocrawler.com/encyclopedia/Fan_fiction
Anzumerken ist, dass in dieser Definition der Bereich der (stark umstrittenen) sog. „Real Person Fiction“ nicht erfasst wird, er bleibt in dieser Arbeit ebenfalls ausgeklammert.
[2] Bernhardt R. Martin prägte den Begriff von der „Arbeit am Mythos“ in Bezug auf den Nibelungen-Sagenkreis, ich finde aber, dass er sich durchaus auch sehr gut auf Fanfiction anwenden lässt.
[3] Ganz besonders, da bei Fanfics zu höfischen Romanen im Gegensatz zu anderen Genres Befürchtungen zu lizenzrechtlichen Folgen der Verletzung des Urheberrechts unbegründet sind, da die Autoren praktischerweise längst verstorben sind.
[4] Dieser Überblick erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; zu beachten ist ferner, dass sich die einzelnen Formen häufig mischen oder überschneiden.
[5] Zur Begriffsentstehung: “The expression comes from the use of the "/" symbol to designate Kirk/Spock romance from friendship fic (which used an ampersand "&") in the very early days of Star Trek fanzines.” (Quelle: http://www.biocrawler.com/encyclopedia/Fan_fiction )
[6] Weitere Begriffe für Slash i. e. S. (besonders von der Fangemeinde der japanischen Popkultur gern genutzt) sind: Shonen-Ai (japan.: „Jungen-Liebe“), Yaoi (japan. Abkürzung, Bedeutung umstritten), sowie für Fem-Slash Saffic (von engl. „sapphic fiction“, selten gebraucht) und Yuri (japan.: „Lilie“).
[7] Hier ein Beispiel aus dem Eneasroman anzuführen ist aufgrund der noch fehlenden Fanfictions zu diesem Werk leider nicht möglich. Zum Vergleich sei darauf hingewiesen, dass sich bei Fanfictions zum „Herrn der Ringe“ die Fanon-Auffassung durchgesetzt hat, die spitzen Ohren der Elben seien erogene Zonen.
[8] Die Begriffsentstehung ist nicht sicher geklärt, jedoch stammen die Begriffe wie auch Shonen-Ai und Yuri aus der japanischen Fanfictionwelt. Außerhalb dieser werden sie seltener gebraucht. Meist weist dann eine Altersempfehlung auf den erotischen Inhalt der jeweiligen Geschichte hin.
[9] Die erste MarySue (unter diesem Namen) trat in einer StarTrek-fanfiction auf, schon damals als Parodie auf allzu perfekte Original Characters. Mehr zur Geschichte der MarySue: http://www.biocrawler.com/encyclopedia/Mary_Sue_fanfiction
[10] Den seltenen Fall einer männlichen MarySue bezeichnet man als GaryStu bzw. MartyStu.
[11] http://www.fanfiction.net/
 
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