Vermischtes

Liebe Leser und Besucher der Webseite,
aufgrund von Zeitmangel mussten wir das Erscheinen der F.L.O.B. leider einstellen, ABER..
weiter …
 

Wer ist online?

Aktuell 1 Gast online
Home arrow Blog arrow Die Diskussion über Glaube und Wissenschaft zwischen den Kontrahenten Bert Neu und Conrad Neubert
Die Diskussion über Glaube und Wissenschaft zwischen den Kontrahenten Bert Neu und Conrad Neubert Drucken E-Mail
Geschrieben von Rasmus Rad   
Donnerstag, 22. Oktober 2009
Durch einen Unfall mit dem redaktionseigenen Mikrowellenherd ist der FLOB-Redaktion ein Dokument aus der Zukunft zugefallen. Wir wollen es unseren Lesern nicht vorenthalten.

Die Diskussion über Glaube und Wissenschaft zwischen den Kontrahenten Bert Neu und Conrad Neubert

In Kürze zusammengefasst von Rasmus Rad

 

In seinem Artikel vom 07.10.2009 in der FLOB stellte Neubert die These auf, dass es ein Erkenntnispotential des Glaubens gibt, das wissenschaftlich relevant ist. In seiner Rezension dieses Artikels vom 22.10.2009 in der FLOB bemängelte Neu, dass Glaube und historische Wissenschaft grundsätzlich verschiedene Erkenntnisgewinne erzielten und dass Neubert immer noch sagen müsse, welche Erkenntnisse der Glaube gewinnt, die für die Geschichtswissenschaft relevant sind, und welche „sakralhistorische“ Methode, die er offensichtlich (und innerhalb seines Aufsatzes inkonsequenterweise) anstrebe, diese Erkenntnis erlangen solle.
Dann folgte eine jahrelange Diskussion. Ich habe sie intensiv studiert kenne sie nach ausgiebiger Analyse, als hätte ich ihre Zeugnisse selbst verfasst. Trotz des Umfangs dieser Zeugnisse möchte ich hier noch einmal alle in einer umfassenden Edition wiedergeben, um ihren verschlungenen Verlauf leicht nachvollziehbar zu machen:

 

Neuberts Artikel in der FLOB vom 12.1.2010:
„Neu, lesen Sie meinen Artikel! Da steht alles drin!“

Neus Artikel in der FLOB vom 5.3.2010:
„Lesen Sie meine Rezension! Es steht eben nicht alles drin, in Ihrem Artikel!“

Neuberts Reaktion in der FLOB vom 3.9.2010:
„Sie haben meinen Artikel eben nicht gelesen!“

Neus Antwort in der FLOB vom 31.2.2011:
„Lesen Sie endlich meine Rezension!“

Neuberts Antwort in der FLOB vom 30.5.2012:
„Und Sie, lesen Sie meinen Artikel!"

Neu in der FLOB vom 26.7.2014:
„Lesen Sie die Rezension!“

Neubert in der FLOB vom 14.10.2018
„Lesen Sie den Artikel!“

Neu 2024:
„Lesen Sie die Rezension!“
Neubert 2031:
„Lesen Sie den Artikel!“
Neu 2044:
„Lesen Sie die Rezension!“
Neubert 2059:
„Lesen Sie den Artikel!“
Neu 2080:
„Lesen Sie die Rezension!“
Neubert am 12. Januar 2081:
„Lesen Sie den Artikel!“
Neu am 17. Januar 2081:
„Lesen Sie die Rezension!“

 

Wie man sieht, zog sich die Diskussion wegen der zunehmenden Komplexität der Argumentation über viele Jahrzehnte hin. Gegen Ende gewann sie aber wieder an Dynamik, es fühlten wohl beide ihr Ende nahen. Tatsächlich kam Neubert am 18. Januar 2081 endlich der Aufforderung Neus nach und las dessen mittlerweile über 70 Jahre alte Rezension. Seine Frau berichtet in ihren Memoiren: „Die Lektüre bewegte ihn stark. Mit einem Ausdruck von Neus Rezension in der Hand rannte er durch die Wohnung und rief immer wieder: &bsquo;Er hat recht! Er hat ja doch recht!‘In seiner Aufregung glitt er auf der Treppe aus und stürzte.“01 Neubert wurde im Krankenhaus unter Vollnarkose operiert und sein Leben konnte bewahrt werden. Als er erwachte, sagte er seiner Frau, die am Bett wachte: „Als ich operiert wurde, habe ich geträumt, ich hätte Neus Rezension gelesen und er hätte Recht gehabt!“ Sein Frau antwortete ihm: „Das hast du nicht geträumt.“ Und er rief aus: „Wie bitte?“ — und schwieg für immer.
Bert Neu überlebte seinen Gegner nur um wenige Wochen - im Streit waren sie zu eng verbunden gewesen. Am Tage seines Todes aber vollendete er noch einen kurzen Aufsatz, der bei seinen Schülern und Freunden große Überraschung hervorrief. Er formulierte darin nämlich einen Konsens mit Neubert und füllte die Lücke in dessen Argumentation. Diesen Text stelle ich ans Ende meines Überblicks über den Neubert-Neu-Streit, als Höhepunkt ihres Lebenswerkes und als Abschluss meines Lebenswerkes, der Aufklärung dieses Abschnitts der Wissenschaftsgeschichte.02

 

Was man aus Neuberts Fehler lernt und warum Glaube doch zur historischen Wissenschaft gehört

Man sollte ernst gemeinte Gedanken nie polemisch präsentieren. Das gefährdet die Stringenz der Argumentation. Deshalb erlag Neubert der Gefahr „profanhistorische Methode“ und „Glaube“ als Gegensätze darzustellen. Dabei war doch sein Anliegen, zu zeigen, dass historische Methode nicht auf den Glauben verzichten kann. Bleibt die Frage nach der „sakralhistorischen Methode“, ", deren Benennung ich von ihm gefordert habe. Die Frage musste vergeblich bleiben, denn der Glaube darf nicht als eigene Methode Teil der Wissenschaft werden, sondern als Teil des Erschließungsprozesses eines Textes durch Methoden. Er muss den Wissenschaftler bei der Anwendung der historischen Methoden begleiten.
Hierbei stellt sich die in meiner uralten Rezension als zweites genannte Frage: Was soll der Glaube denn leisten bei diesem Verstehens- und Erschließungsprozess einer Quelle? Auch diese Frage hat Neubert durch polemische Ironie geblendet ausgeblendet. Weil Glaube den Kern der in Frage stehenden Quellen bildet, müssen sie von ihm aus erschlossen werden, wie Neubert richtig schreibt. Allerdings bringt es der Wissenschaft wenig, wenn der Wissenschaftler den Text glaubend liest und dadurch fromm wird oder bleibt. Nein, Gewinn an vernünftigem Verstehen wird erst gemacht, wenn der Wissenschaftler die mit dieser Quelle gemachten Glaubenserfahrungen abstrahieren kann und an Deutungen dieser Quelle heranträgt.
Etwas anders: Das Verstehen von historischen Quellen besteht im Grunde aus der Entdeckung oder Aufdeckung der inneren Plausibilitäten der Texte. Selbst wenn ein alttestamentlicher Wissenschaftler nach Brüchen in seinem Text fragt, möchte er damit aufdecken, welche Zusammenhänge die Quelle unter ihrer zerklüfteten Oberfläche verbirgt. Welches Textfitzelchen mit welchem anderen wie logisch zusammenhängt. Ob eine Deutung bestimmter Zusammenhänge echte Plausibilität besitzt, sagt uns die Vernunft oder gesunder Menschenverstand, je nach Naturell des Wissenschaftlers. Zum Beispiel: Es ist logisch, dass dieses Textfitzelchen hier von diesem bestimmten Redaktor eingefügt wurde, denn der Kerl liebte das Wort, das hier vorkommt, über alles. Und außer ihm hat es niemand benutzt. (Ein Wunder, dass wir wissen, was es heißt.) Während manche Plausibilitäten also eine Sache der Vernunft sind, sind es andere nicht. Um einen Text zu verstehen, der eine Selbstdeutung formuliert oder transportieren möchte, ist es nicht mit purer Vernunft getan. Vielleicht genügt einem Wissenschaftler sein gesunder Menschenverstand, um zu erkennen, dass ein Autor ein bestimmtes Wort über alles liebte - aber er kann ohne eine eigene Glaubenserfahrung nicht überprüfen, ob eine Interpretation der inneren Zusammenhänge eines religiösen Textes auch für einen Glaubenden Plausibilität besitzt, oder für den (glaubenden) Autor des Textes vielleicht ganz ausfällt. Ob also eine bestimmte Interpretation eines Textes der Selbstdeutung des Autors entsprechen könnte.
Leider kann man aber über die Berechtigung der eigenen (religiösen) Selbstdeutung nicht wissenschaftlich diskutieren, darum lohnt sich auch eine Erhebung des Glaubens zur historischen Methode, also zum allgemein nachvollziehbaren und kritisierbaren Instrument des Verstehens nicht.
So hat der Glaube die Funktion eines aus dem Hintergrund korrigierenden Maßstabes für die Quellengerechtheit von Quellendeutungen.
Das kann man bestimmt viel besser ausformulieren, aber mein Notar klingelt, ich muss mein Testament vollenden, bevor ich meinem lieben Feind ins Grab folge.

In Gedenken an die beiden Verstorbenen möchte ich hier eine Schweigeseite für sie einlegen:
 

 


[1] Neubert, Tyrannis, 4. Meine Darstellung folgt ihrem lebendigen Bericht.
[2] Dies ist eine posthume Veröffentlichung. Nachdem er im Gebäude der FLOB-Redaktion seinen Aufsatz abgegeben hatte, stürtzte Rad sich vom Dach des Hauses.
 
weiter >
© 2017 FLOB - Frei Literarisch Orientierte Beiträge
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.