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Geschrieben von Conrad E. Neubert   

Kontingenz

Conrad E. Neubert ,
Berlin

 

Normalerweise denkt man ja so: Weil dies und das passiert ist, musste das und jenes geschehen und darauf folgte dann notwendigerweise jenes. Also: Ich hatte die kleinen Propheten schlecht gelernt, also bekam ich eine nicht so gute Note in der Bibelkunde-Prüfung.1 Manchmal variieren wir dieses Schema, ergänzen die Voraussetzungen und denken dann so: Ich hatte die kleinen Propheten schlecht gelernt und die Prüferin hat dummerweise doch nach ihnen gefragt, also musste ich die legendären hochgezogenen Augenbrauen unter dem legendären Stirnrunzeln des Prüfungsbeisitzers über mich ergehen lassen.
Aber – so denken wir falsch.
Dass eins und eins einmal zwei ergibt, bedeutet nicht, dass eins und eins immer zwei ergibt.2s ist nämlich nicht so, dass man von einem vorhergehenden Ereignis auf ein folgendes schließen kann. Vielmehr begründet immer das Folgeereignis die Notwendigkeit des vorhergegangenen. Dass ich schlecht gelernt hatte und die Prüferin nach den kleinen Propheten fragte, machte es nicht notwendig, dass jetzt eine schlechtere Note auf dem Zeugnis steht. Ich hätte auch eine schlechtere Note bekommen können, wenn die Prüferin auf größere Wissenslücken geschlossen hätte, oder eine bessere, wenn ich besser vom Thema hätte ablenken können. Das Problem ist nicht nur das mögliche Misstrauen der Prüferin oder ihre eventuelle Entscheidungsfreiheit, oder sonstige im Moment nicht bekannte Voraussetzungen, die dann ein Geschehen notwendig machten – sondern die Unverstehbarkeit der Wirklichkeit. Das hängt vor allem an zwei Sachen, nämlich einmal an der Menge der Dinge und Sachen, die es so gibt, und zum andern an der Kontingenz.
Das mit der Menge der Dinge ist einfach zu erklären: Man stelle sich ein Zeugnis vor, aus relativ dickem Papier, es stehen ein paar gedruckte Zeilen drauf und von Hand eingetragen der Name des Geprüften und die Note. Aber das ist natürlich nicht alles. Das Papier hat eine ganz bestimmte Dicke, die an bestimmten Stellen variiert, es besteht aus ganz bestimmten Fasern, die aus ganz bestimmten und auf ganz bestimmte Weise angeordneten Molekülen bestehen. Die wiederum haben ganz bestimmte Atome und so weiter. Die Buchstaben gehören zu einem ganz bestimmten Font, unterscheiden sich aber in tausend winzigen Details von ihren anderswo gedruckten Geschwistern. Aber auch das ist nicht alles. Dieses Zeugnis hat unglaublich viele Beziehungen. Zur Prüferin, zum Prüfling, zum Protokollanten, zum Drucker, zum Kugelschreiber, zu der Luft, die sich darum herum bewegen muss, zu den Dingen, die es einmal gesehen hat und ohne die es nicht wäre, was es ist. Auch das ist nicht alles. In allen Personen, die ihm begegnen ruft es Sinneseindrücke hervor. Und diese Sinneseindrücke sind zwar beschreibbar und verstehbar, aber das nie vollständig. Sie sind nur erlebbar. Ebenso wie die Bedeutungen, die es für die hat, die damit konfrontiert werden. Sogar für Sie, den Leser – zwar können Sie beginnen, Ihre Beziehung zu dem Zeugnis zu beschreiben, aber Sie werden nie damit fertig, wenn Sie vollständig sein wollen. Denn natürlich gewinnt das Zeugnis an Bedeutung, wenn Sie sich weiter damit beschäftigen. Zum Beispiel wird es langweiliger. Wie auch dieser Abschnitt hier. Darum beende ich ihn jetzt schneller und abstrakter:
Die Wirklichkeit ist letztlich nicht geistig erfassbar, denn die Wirklichkeit besteht aus unzähligen Zusammenhängen und Dingen, die da zusammenhängen, so dass man ein Stück Wirklichkeit nur abbilden, verstehen, beschreiben, präzise erfassen könnte, indem man es komplett kopierte. Nur hätte man dann nichts erreicht, denn dann würde dieses Stück Wirklichkeit ja wieder vor einem liegen und einen mit grooßen Augen ansehen und durch sein bloßes Dasein um Verstehen bitten. Und jetzt hat diese Wirklichkeit auch noch eine Beziehung mehr – nämlich die zum Original. Dumme Sache.
Noch dümmer, noch störender ist aber die andere Sache: Die Kontingenz. Die ist nämlich absolut nicht vorhersehbar. Bisweilen, wenn zwei Dinge aufeinander treffen, entsteht aus dieser Verbindung etwas Neues, das in den anderen Dingen nicht enthalten war. Das ist keine komische Umschreibung für Fortpflanzung – schließlich ist hier das Neue irgendwann auch in einem der zwei aufeinander treffenden Dinge enthalten. Allerdings benutzt Fortpflanzung auch die Kontingenz. Trifft eine Prüferin auf einen Prüfling – eine Note kommt raus. Man könnte sagen, dass die Note in gewisser Weise schon in Prüferin und Prüfling vorhanden war. Man musste nur die Fragen der Prüferin mit der Ahnungslosigkeit des Prüflings zusammenbringen und – schwupps – kommt eine hohe Zahl raus. Eine sehr vorhersehbare Situation.
Trifft eine schlechte Note auf einen labilen Prüfling, der bis in die Nacht gelernt hat und beinahe zu spät zu Prüfung gekommen wäre und wegen drei Tassen Kaffee ein Nervenbündel ist und bei seinen Antworten die ganze Zeit das Gefühl des freien Falls hatte – diese Situation ist nicht vorhersehbar. Der Prüfling könnte nach Hause gehen und sich erhängen, er könnte der Prüferin eine scheuern oder wenigstens einen Fehdehandschuh kaufen und ihn dem Lehrstuhl vor die Füße werfen. Oder nur ein trauriges Gesicht machen und abziehen. Die andere Alternative wäre, dass er am selben Tag alle, die er kennt, in die Theologenstammkneipe einlädt und den Rest vom BAföG in Bier investiert, um seine knappe Rettung zu feiern. Nachdem er die Prüferin geküsst und vom Beisitzer das Zeugnis wie einen Orden empfangen hat.
Glücklicherweise habe ich nichts von alldem für nötig befunden. Aber was entscheidend ist – dieses Spektrum an möglichen Folgeereignissen ist nicht einfach der Unvorhersehbarkeit der menschlichen Psyche geschuldet. Nein, diese Möglichkeiten sind Konkretionen des „hätte“. Sie sind unrealisierte Möglichkeiten, die deshalb schon existieren, weil wir sie nicht als unmöglich denken können. Das „hätte“ existiert, weil wir es verwenden. Wir verwenden es, um unverwirklichte Wirklichkeiten zu beschreiben, die aber die wirkliche Möglichkeit zur Verwirklichung hatten.3 Und mögliche, nicht notwendige Dinge nennt man ”kontingent“.
Noch ein letztes möchte ich bemerken, um die Verwirrung vollständig zu machen. Der Student, der seine Prüferin küsst, ist nicht möglich, wenn es keine Prüfung gab. Das Nervenbündel, das mit Fehdehandschuhen wirft, ist nicht möglich, wenn es keine schlechte Note bekommen hat. Wenn also Fehdehandschuhe fliegen oder die Prüferin den Prüfling ohrfeigt, dann muss es die schlechte Note und eine bestandene Prüfung gegeben haben. Auf diese Weise macht das Folgeereignis das vorangehende notwendig. Vielleicht ist es auch möglich, dass der Student aus anderen Gründen einen Fehdehandschuh wirft, und sicherlich ist es möglich, dass er aus anderen Gründen die Prüferin küsst. Aber! es wäre nie genau die selbe Situation. Selbst wenn alles gleich aussähe, hat jede Situation doch eine innewohnende Geschichte. Wenn der Prüfling die Prüferin tatsächlich geliebt hätte und sie darum geküsst hätte, hätten seine Hormone in diesem Moment laut „Blinde Liebe!“ geschriehen statt „Freude!“. Allerdings wäre der Protokollant genauso platt gewesen, wie er gewesen wäre, hätte der Prüfling die Prüferin nur geküsst, weil er einen Dopaminrausch gehabt hätte.4

Sehen wir von weiteren Spekulationen ab und kommen wir zur Anwendung. Im Selbstversuch habe ich meine Umgebung erkundet, indem ich die gerade formulierten Erkenntnisse beständig zu aktualisieren versuchte. Dazu fasse ich die nochmal zusammen: Erstens. Es gibt ziemlich viele Ereignisse, die nicht notwendig passieren müssen, aber möglich sind. Und davon gibt es bei einer gegebenen Ausgangssituation mehrere (sogar auch ziemlich viele).
Zweitens. Das bedeutet, dass die Wirklichkeit ziemlich zufällig wirklich wird. Viel ist möglich, wenig wird möglich, und dass zwar aus Gründen, aber die selben Gründe hätten auch eine andere Wirklichkeit begründen können.
Drittens. Wenn mehrere Ereignisse als Folgen eines Ereignisses möglich sind, dann macht das vorangehende Ereignis das dann tatsächlich folgende nicht notwendig, sondern halt nur möglich.5
Viertens. enn man aber ein Folgeereignis hat, dann muss es notwendig ein bestimmtes Ereignis gegeben haben, das vorangegangen ist. Wenn nicht dies Ereignis vorangegangen wäre, wäre jenes bestimmte Folgeereignis ein anderes gewesen.
Viertens und ein halb. Also macht das Folgeereignis das vorangegangene Ereignis notwendig.

Der kontingente Tag

Ich betrat dieses Morgens die Bibliothek und sagte zu dem Mann hinter der Theke: „Guten Morgen! Hier, die hatte ich übers Wochenende ausgeliehen.“ „Ja und?“, fragte der Mann hinter der Theke mit Helge-Schneider-Stimme. „Ich wollte sie zurückgeben. Und sie sind doch Bibliothekar, oder?“ Da fiel mir ein, dass er zwar immer Bibliothekar war, wenn ich hier gewesen war, aber dieser vergangene Zustand in keiner Weise einen gegenwärtigen gleichen herstellen konnte. Ich hatte ihn am Freitag mit einem Umschlag hantieren sehen, der sein Kündigungsschreiben hätte enthalten haben können, und jetzt war er nur noch hier, um ein paar persönliche Sachen abzuholen. Deshalb hatte er auch einen Stapel Bücher vor sich liegen – was sollte ein Bibliothekar anderes mit nach Hause nehmen als Bücher? Es war ganz klar: Die gegenwärtige (weil wirkliche auch mögliche) Situation machte das vorangegangene Ereignis seiner Kündigung notwendig. „Entschuldigen Sie“, sagte ich schnell, „Wahrscheinlich sind Sie gar nicht mehr Bibliothekar!“ „Doch.“ sagte er „Ich wollte bloß unhöflich sein.“
Ich gab meine Bücher ab, ohne ihm durch eine Beleidigung die Genugtuung einer erfolgreichen Unhöflichkeit zu gönnen und begab mich mit meinen Arbeitsmaterialien in die zweite Etage, um aus ein paar Büchern ein paar wichtige Sachen herauszusuchen und sie dann zu wohl leider sehr vorhersehbaren und unkontingenten Dingen zusammenzusetzen.Bald darauf kam eine Kommilitonin und setzte sich wenige Plätze neben mir vor ihren Laptop, der sie mit lautstarkem Freudengeheul aus dem Lüfter begrüßte. Ich verdrehte die Augen, aber nur innerlich, denn meistens bin ich höflich und den Rest der Zeit meine ich es gut.
Nachdem der Lüfter eine Weile seinen Emotionen Ausdruck gegeben hatte, floh ich und suchte anderswo nach einem Sitzplatz. Aber leider war die erwünschte Möglichkeit freier Plätze heute Morgen nicht Wirklichkeit, also kehrte ich zu meinem Platz zurück. „Vielleicht kannst Du Dir heute mal auf Papier Notizen machen?“ fragte ich, „Dein Lüfter ist nämlich ziemlich laut.“ „Tut mir leid, ich muss arbeiten. Außerdem sind Laptops hier erlaubt.“ sagte sie sehr spitz und unfreundlich. Ich verwirklichte nun die Möglichkeit, es nur noch gut zu meinen: „Du bemühst Dich nicht, moralisch zu handeln oder konfliktvermeidende Möglichkeiten zu realisieren.“ „Ach ja? Ich habe das Recht, hier zu arbeiten.“ sagte sie und ignorierte mich demonstrativ. Ich war leider nicht in der Lage, das nachzuahmen und fühlte mich weiter von dem Lüfter gestört. Dabei war es gar nicht nötig, dass ich mich ärgerte. Es war nur möglich. Das ärgerte mich doppelt.
Ich packte meine Sachen zusammen, um zu gehen.
Bevor ich die Bibliothek verließ, sprach ich den Bibliothekar noch einmal an: „Es tut mir leid, dass ich Sie vorhin nicht beleidigt habe. Ich hätte Sie nämlich beleidigen können, habe es aber nur in Realisierung einer von vielen möglichen Reaktionen auf Ihre Unhöflichkeit nicht getan.“
„Ich weiß“, sagte er mit weiser Helge-Schneider-Stimme, „aber dies Wissen ist möglich.“
Möglich wäre auch mein Bleiben und Arbeiten gewesen, und ich beschloss, diese Möglichkeit nicht gegenüber der ja auch nur möglichen Wirklichkeit zu diskriminieren und war froh darüber, heute möglicherweise viel gearbeitet zu haben. Leider konnte ich dem Gutachter meiner Arbeit nicht erklären, dass mein Nichtstun bis zu seinen Folgen – seine schlechte Benotung – nur möglich war, und dass er erst durch sein Handeln meine Faulheit notwendig machte.
So bekam ich eine mögliche schlechte Note von einem Gutachter, der die Notwendigkeit der schlechten Arbeit selbst zu verantworten hatte.
Finde ich unmöglich.

 


[1] Zum Glück ist das schon lange her und ich kann das heute als verarbeitet betrachten.
[2] Und es bedeutet erst recht nicht, dass „zwei“ das selbe ist wie „eins und eins“.
[3] Wer mit Quanten jonglieren gelernt hat, wird wissen, dass sowieso nichts unmöglich ist.
[4] Zum Schluss hätte man auch ein „hat“ haben können – aber hätten Sie dann gelacht?
[5] Das ist jetzt Erstens, nur umgedreht.
 
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