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Geschrieben von Conrad E. Neubert   
Mittwoch, 7. Oktober 2009

Glaube und Wissenschaft?

Conrad E. Neubert ,
Jena

 

„Wozu gibt es eigentlich so viele Theologische Fakultäten?“ fragte mich einmal eine Freundin, die damals noch nicht Germanistin war, „Es ist doch nur ein Buch, das sie erforschen.“ Und Recht hatte sie! Der evangelisch-theologische Fakultätentag hat 22 Mitglieder,1 Dazu kommen vier bis fünf kirchliche Evangelische Hochschulen.2 Angeblich gibt es über fünfzig Einrichtungen in Deutschland, an denen man katholische Theologie studieren kann.3
Klar, es ist nicht nur ein Buch, sondern eine kleine Bibliothek, die unsere Exegeten da bearbeiten. Und dann ist da ja noch die Kirchengeschichte mit einem Stoff von 2000 Jahren und die Systematik, die um die größte aller Wahrheiten ringt, und die praktische Theologie und die Religionspädagogik, die lehrt, wie man Leute zu (guten) Christen bzw. zu in religiösen Dingen gebildeten Staatsbürgern macht, und die Missionswissenschaft, die Sachen über ferne Christen und Religionen herausfindet. Hab ich was vergessen? Ach ja, Konfessionskunde. Kirchenrecht. Ich lasse es damit bewenden, es gibt bestimmt noch unzählige Ungenannte, deren Weggelassen wegen man mich nachlässig nennen kann.
Wozu also gibt es all diese Fakultäten mit all diesen Disziplinen? Ich möchte das nicht historisch behandeln, sondern mit einer Diskussion verbinden, die ein paar Freunde (Theologen), eine Freundin eines dieser Freunde (Historikerin) und ich neulich geführt haben. Es ging vor allem um die Art der Wissenschaftlichkeit der historischen Theologie: Dürfen die Kirchengeschichte und die neu- und alttestamentlichen Wissenschaften in irgendeiner Weise über das hinausgreifen, was profanhistorische Wissenschaften mit den selben Gegenständen anstellen oder anstellen würden? Die Verbindung dieser beiden Fragen läuft, wie wahrscheinlich schon zu erahnen ist, auf meine Position hinaus. Die ist: Es gibt die Theologischen Fakultäten und auch so viele davon, weil sie in einer bestimmten Weise über die profanhistorische Methode hinausgreifen. Und das tun sie natürlich aus gutem Grund. Und obwohl dieses „darüber hinaus“ er Zweck der Theologie ist, ist sie trotzdem Wissenschaft. Und dieses „darüber hinaus“ kann auch nicht aus der historischen Theologie ausgegliedert werden und den systematischen oder praktischen Theologen überlassen werden.4
In diesen Sätzen sind nun eine ganze Menge Implikationen enthalten, die vorerst vermutlich falsch oder unplausibel erscheinen. Aber die Lektüre vieler wissenschaftlicher Texte hat mich gelehrt, dass es ein Verbrechen am Leser ist, seine These erst ganz zum Schluss zu präsentieren. Der dem Text Ausgelieferte hat dann die ganze Zeit über das Gefühl, er sei blind und werde vom Autor in Schlangenlinien und Spiralen zu einem Ziel geführt, das die ganze Mühe vielleicht gar nicht lohnt. Also: wer interessiert ist, liefere sich meinem Argumentationsgang aus, wer nicht interessiert ist, lese den zweiten Teil des Aufsatzes und erfahre, wie schrecklich sich die Welt verdrehen muss, um einer anderen Wirklichkeitsbeschreibung als meiner zu entsprechen.

Beginnen wir mit einem Beispiel: einem Stück Bibeltext, und zwar Mk 9,23f. Jesus verspricht dem Vater eines kranken oder besessenen Kindes: „lle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Vers 23). Daraufhin schreit der Vater: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Vers 24).
Nun denken wir uns einen Neutestamentler, den wir darauf festlegen, nur profanhistorische Methoden anzuwenden, damit er als ein gutes Beispiel für schlechtes Verhalten dienen kann. Dann setzen wir das Textstück dem Wissenschaftler vor, der sein Methodenköfferchen auspackt und anfängt, den Text zu deuten: Er untersucht den Kontext, die Binnenstruktur, narrativ und syntaktisch, semantisch, diachron und synchron, zerlegt die Begriffe in ihre traditionellen Bestandteile und jene, die der Evangelist hier hinzugefügt hat, benutzt die Formgeschichte und analysiert das ganze auf seine Pragmatik hin. Irgendwann hat er ein dickes Buch darüber zusammengeschrieben.
oweit so gut, wenn der Neutestamentler gründlich war, hat er den profanhistorischen Methodenkanon ausgeschöpft und kaum einer seiner Kollegen wird ihn dafür tadeln, dass er seine Arbeit jetzt dem wissenschaftlichen Diskurs zur Verfügung stellt, also veröffentlicht. Seine Landeskirche kann zufrieden sein, dass sie unter „ihren“ Theologieprofessoren einen so fähigen Mann hat.
FALSCH! (war ja klar)
Will man sich ernsthaft bemühen, einen Text zu verstehen, darf man nicht vom inneren Leben des Autors und der von ihm beabsichtigten Leser absehen. Das weiß der Neutestamentler vermutlich auch, und deswegen hat er ja eben – zum Beispiel – die Pragmatik des Textes untersucht und vermutlich festgestellt, dass der Evangelist den Vater des kranken Kindes als eine wichtige Identifikationsfigur für den Leser eingerichtet hat. Aber was er sträflich unterlassen hat: Die Anrede des Autors, des Textes, auf sich wirken zu lassen. Er kann nicht behaupten, sich wirklich um den Text bemüht zu haben, ihn verstehen zu wollen, wenn er nicht die Position des intendierten Lesers eingenommen hat. Nur wenn er ernsthaft versucht, den Text zu lesen wie ein Christ aus dem ersten Jahrhundert, kann er seinen Kern erfassen. Und das bedeutet: Nur wenn er sich mit dem Vater des kranken Kindes nach den Verheißungen des Glaubens sehnt und ruft: „ch glaube, hilf meinem Unglauben!“ , nur dann kann er hoffen, dem Verstehen dieser Zeilen näher gekommen zu sein. Nie wird einer, der sich dem Glauben verweigert, verstehen, was es bedeutet, um Glauben zu bitten – das kann nur ein Glaubender.
Das ging vielleicht ein bisschen schnell, darum möchte ich ein bisschen mehr darüber schreiben, in der Hoffnung, dass sich noch manches aufklärt.
Prof. Ciliers Breytenbach (Berlin, Neues Testament), hat einmal mit Bezug auf die Religion des Urchristentums behauptet, man müsse keine Flecken haben, um ein Perlhuhn zu beschreiben. Conrad Neubert, Autor dieses Artikels, behauptet (mit Bezug auf die Religion des Urchristentums): Oh doch! Kein Mensch kann nachvollziehen, was es heißt, ein Perlhuhn zu sein. Keiner ohne Flecken wird beschreiben können, was es bedeutet, Flecken zu haben. Natürlich können Phänomene aufgezählt und Zusammenhänge festgestellt werden, aber keine Außenbetrachtung gewährleistet das Verständnis einer Erfahrung, einer Innenperspektive.
Entweder man wird zum Vogel, oder man erfasst nicht, was ein Vogel ist. Entweder man glaubt, oder man wird nie verstehen, was um Glauben Bitten ist. Das ist, wenn man so will, die Unnachahmlichkeit perspektivischen Lebensvollzugs.
Nun ist der Vogelforscher fein raus. Er kann sagen: Ich brauche nicht zu verstehen, was ein Vogel ist. Ich muss nur verstehen, in welchen Beziehungen er existiert, seine inneren und äußeren Zusammenhänge. Aber der Historiker hat es nicht so leicht. Jedenfalls nicht der Ausleger eines Bibeltextes und nicht der Ausleger einer religiösen Schrift, ob es nun ein Betbüchlein oder ein theologischer Traktat Martin Luthers ist. Denn diese Texte haben den Anspruch, bestimmte innere Verfassungen (bzw. Erfahrungen bzw. Selbstverständnisse) zu formulieren und zu transportieren. Und das ist nicht irgendeine Nebensache, sondern das Zentrum er biblischen und der allermeisten anderen religiösen christlichen Schriften. Und dieses Zentrum lässt sich von außen nur sehr begrenzt fassen. Jeder Versuch, das zu tun, wird entweder doch bei einer Innenperspektive landen, oder verständnislos bleiben. Jede menschliche Perspektive ist so einmalig, dass wir uns von ihrer Welt ganz ausschließen, wenn wir eine künstliche Distanz zu ihr einhalten wollen. Und wenn wir Geschichte verstehen wollen, geht es immer darum, das Leben von Menschen in vergangenen Zeiten zu verstehen.
Es kann kein Ausleger und Erforscher der Bibel und anderer Dokumente christlichen Glaubens ernsthaft Wissenschaftlichkeit für sich in Anspruch nehmen, wenn er deren Zentrum einfach ausblendet. Wer nicht glaubt, wird nie verstehen können, warum antike oder mittelalterliche Christen Märtyrer wurden oder sich gegenseitig umgebracht haben wegen der Göttlichkeit Jesu Christi oder des Filioques. Und wenn man sich dieser Art von Verständnis verweigert, wird man die Hauptsache, das zentrale Anliegen, den Wurzelgrund, das Ziel und das Material religiöser Schriften nicht erfassen können.
Es liegt also im Interesse des Verständnisses der Geschichte der Glaubenden, dass es Wissenschaftler gibt, die Zugang zu der Besonderheit dieser Geschichte haben. Es ist eine wissenschaftliche Notwendigkeit, denn ohne solche Wissenschaftler fehlt dem wissenschaftlichen Diskurs ein gutes Stück Verständnisfähigkeit. Allerdings muss hier gesagt werden, dass manche glauben, die nicht glauben wollen oder nicht wissen, dass sie glauben, und so als glaubende Ungläubige einen Zugang zu religiösen Texten haben. Dies ist eine besondere Anfechtungssituation, ähnlich wie Mk 9,23f.
Die Besonderheit der Binnenperspektive gibt es nicht nur in der Theologie, sondern auch in den meisten andern Geisteswissenschaften, vielleicht sogar in allen. So ist der Historiker dazu verpflichtet, seine Urteile als geschichtlich bedingt zu reflektieren, sich selbst als in der Geschichte stehend zu verstehen. Außerdem wird er am besten zur Darstellung bestimmter historischer Vorgänge kommen, wenn er analoge Phänomene erlebt hat. Ein Mediziner sollte krank gewesen sein, er sollte zum Beispiel bestimmte Arten von Schmerz empfunden haben (stechend, ziehend oder dumpf oder was es da so gibt), um ordentliche Anamnesen machen zu können. Ein Soziologe sollte einen eigenen gesellschaftlichen Ort haben, ein Politologe am politischen Leben teilnehmen. So ist die Theologie zwar eine Wissenschaft mit einem besonderen Zugang zu ihrem Gegenstand, das hebt sie aber vor anderen Wissenschaften nur so weit als exklusiv heraus, wie diese anderen Wissenschaften ebenso exklusive, einmalige Zugänge zu ihren Gegenständen haben. Die Theologie ist keine besonders privilegierte Wissenschaft, wie mir vorgeworfen wurde zu behaupten.

Nun sind schon einige der oben aufgestellten Aussagen plausibilisiert. Ich hoffe, dass klar ist, warum die historischen Disziplinen der Theologie über die Mittel des Verstehens (Methoden) der profanen Geschichtswissenschaft hinausgreifen muss, und zwar als Wissenschaft. Nun ist, denke ich, auch klar, warum das „darüber hinaus“, das existentielle Verstehen der Glaubensgeschichte nicht der praktischen und systematischen Theologie überlassen werden kann. Die theologischen Geschichtswissenschaftler haben ja ein ureigenstes Interesse daran, ihre Quellen möglichst sachgerecht zu verstehen.
Außerdem wäre es eine Schande, wenn tatsächlich nur Systematiker und praktische Theologen die Vorteile eines existentiellen, glaubenden Verstehens nutzen könnten, denn oft genug nehmen sie die bequeme Abkürzung über Überblickswerke und lassen sich nicht auf eine genaue Untersuchung ihrer historischen Grundlagen ein. Das ist ja auch meinetwegen legitim. Aber wenn nur sie glaubend verstehen dürften, dann würden durch all die schönen Quellen nicht angemessen interpretiert. Denn ohne ein fundiertes Fachwissen über die Welt einer Quelle fehlen dem Ausleger allermeistens wichtige Schlüssel zum Verständnis ihrer existentiellen Dimension.

Eine andere Aussage ist noch nicht ganz klar, über den Zweck der Theologie. Das nämlich möchte ich mit Hilfe der anderen Frage erklären, die eine neue Perspektive einführt, die des „Wozu (gibt’s so viele theologische Fakultäten)?“.
Das Ziel, der Zweck von Geisteswissenschaft ist immer irgendwie Erkenntnis oder Verstehen. Natürlich hat die überwiegende Mehrheit der wissenschaftlichen Einrichtungen außerdem noch das Ziel, Leute zu guten Fachkräften auszubilden oder Dinge herauszufinden, die sich verkaufen lassen. Höchstwahrscheinlich ist die ganze Wissenschaft irgendwie immer fremdmotiviert, also nicht durch das hehre Ideal der Erkenntnis geleitet, aber glücklicherweise muss ich mir diesem Umstand nicht als Argument zunutze machen.
Der Weg zur Erkenntnis ist steinig und endet nie. Um das zu gewährleisten, ist der wissenschaftliche Betrieb allgemein eine sich stetig wiederholende Kette aus dem Fällen von Urteilen, Diskutieren und Revidieren. Es findet eine ständige Überprüfung der eigenen Position an den Argumenten oder Positionen der anderen Wissenschaftler statt. Dieser Diskurs erstreckt sich im Falle der Theologie auch auf das, was man nur über den Glauben an der christlichen Religion verstehen kann. So überprüft jeder theologische Wissenschaftler, also jeder Theologe, beständig sein Urteil und seine Position in Bezug auf den Glauben. Und weil er als Theologe Pfarrer ist oder Professor und einen Haufen Ansehen und Einfluss (idealerweise) in der Kirche hat, wirkt er auf diese Weise an der ständigen Überprüfung des kirchlichen Glaubens mit. Weil jede Kirche aber ihre eigenen Wächter braucht, und wegen der Schwierigkeit des zu bewachenden Gegenstandes möglichst auch viele, gibt es so viele theologische Fakultäten. Viele Kirchen sind nämlich unterschiedlicher Meinung über die existentielle Verfasstheit der Gläubigen, und außerdem besteht auch bei klarster Formulierung dieser Meinung immer die Gefahr, dass der Bezug dazu verloren geht. Nicht unbedingt im Sinne eines Abweichens, eher im Sinne eines nicht-mehr-Reflektierens. Und um die ständige, reflektierende Rückbindung an die existentielle Botschaft ihrer Grundlagen zu gewährleisten, lassen sich viele Kirchen vom Staat Beamte bezahlen, die diese Reflektion sozusagen live durchführen können – Theologieprofessoren.

Ich hoffe, ich habe wenig gelangweilt. Um dieser Gefahr zu wehren, höre ich jetzt auf, obwohl noch vieles und vor allem noch anderes über Theologische Fakultäten zu sagen wäre. Zum Beispiel ist mir wichtig, dass diese Einrichtungen vor allem Ausbildungsstätten sind, denn wenn das Reflektieren in den Fakultäten bleibt, bringt es keinem was.
Aber das ist ein etwas anderer Ansatz und der würde eine andere, angemessen polemische Argumentation brauchen.

Ich hoffe auch, das Ende ist nicht zu APRUPT. (Habe ich Sie erschreckt?)
Um das abzufedern, folgt jetzt noch eine kleine Heiterkeit.

 

Wissenschaftsgestaltung nach rein „wissenschaftlichen“ Gesichtspunkten

Zwei Theologiestudenten treffen sich. Der eine kommt gerade aus einer Vorlesung von Professor Robert Bausig und sagt zum andern:

 

STUDENT 1: Hi. Gehst du jetzt essen?
STUDENT 2: Neinnein, ich hatte nur grad das Bedürfnis, hier herzukommen und ein Gespräch mit dir anzufangen.
STUDENT 1: Eine himmlische Eingebung! Ich muss mich nämlich mal bei Dir beschweren. Du hast mich in diese Vorlesung geschickt, aber sie ist irgendwie ein bisschen durcheinander.
STUDENT 2: Kann ich mir nicht vorstellen. Bausig hat doch für jeden kleinsten Abschnitt eine neue Überschrift. 1. Griechisch-römische Kultur und Kulturpolitik, 1.1 Vermischung griechischer (GRI) und römischer Kultur (RÖM), 1.1.1 Mischungsverhältnisse von GRI zu RÖM in …
STUDENT 1: Jaja, das ist es nicht.
STUDENT 2: … Juda, 1.1.1.1 Wie GRI war RÖM in Juda?
STUDENT 1: Manches verstehe ich einfach nicht.
STUDENT 2: Und dann kommt natürlich noch 1.1.1.2, 1.1.1.3 …
STUDENT 1: Zum Beispiel hat er sich über die Göttinger Predigtmeditationen aufgeregt.
STUDENT 2: … 1.1.1.4, 1.1.1.5, 1.1.2.1 …
STUDENT 1: Er hat gesagt, wer sowas macht, instrumentalisiert die theologische, objektive Wissenschaft für einen äußeren Zweck. Er meinte, dann könnte man die Wissenschaftler ja gleich für ihre Arbeit bezahlen, das würde sie korrumpieren und ihnen die klare Sicht auf ihr eigentliches Ziel verschleiern.
STUDENT 2: Ich erinnere mich an einen Aufsatz von ihm, da hat er auf fünf Seiten 14 Gliederungsebenen geschafft.
STUDENT 1: Aber er bekommt doch Gehalt! Wie kann er das denn vereinbaren?
STUDENT 2: Vielleicht hat es etwas mit Hermeneutik zu tun. Es kommt darauf an, wie man das Geld versteht, das man bekommt.
STUDENT 1: Du meinst, wenn man das Geld bekommt, weil deine Erkenntnisse anderen etwas bringen, korrumpiert es dich, weil du dann für ihren Nutzen arbeiten wirst. Aber wenn man das Geld als eine Art Geschenk ansieht, das man sowieso bekommen würde, egal was man macht, dann ist man frei von jeder Versuchung, faul zu sein, und einfach „herauszufinden“, was die andern hören wollen?
STUDENT 2: Ich denke, so würde Bausig es erklären. Es ist ihm sehr wichtig, dass Wissenschaft objektiv ist. Ihr einziger Zweck darf Erkenntnis sein.
STUDENT 1 begeistert ob seines neuen Verstehens: Zwecklose Erkenntnis!
STUDENT 2: Ja, ich denke, das würde Bausig so sagen. Deswegen bezweifelt er ja auch die Wissenschaftlichkeit der Praktischen Theologen so.
STUDENT 1: Tatsächlich? Er scheint doch ganz gut auszukommen mit Frau Maschirka.
STUDENT 2: Jaja, persönlich schon. Aber Professoren können sich fachlich fleißig den Untergang wünschen und sich persönlich total grün sein. Das praktiziert Bausig auch unaufhörlich.
STUDENT 1: Trotzdem wundert es mich. Neulich hat einer gefragt, in der Markus-Vorlesung, wie das zu verstehen wäre, dass der Mann in der Geschichte mit dem epileptischen Jungen, du weißt schon, ich glaube es ist Mk 9, nach der Verklärung – also es hat einer gefragt: Wie muss man das verstehen, dass der Vater meint, er würde glauben, aber sagt, dass er glauben möchte, also quasi zugibt, nicht zu glauben. Und dann reagiert Jesus auch noch, als würde der Vater glauben. Da hat Bausig gesagt: Tja, um das zu erfahren, da müssen sie wohl zur Kollegin Christa-Sophie Maschirka gehen und eine Seelsorgevorlesung hören. Das hätte was mit Glauben zu tun.
STUDENT 2: Na das heißt dann wohl nur, dass diese Stelle nicht von Neutestamentlern verstanden werden kann. Und das Glauben nichts mit Wissenschaft zu tun hat.
STUDENT 1: Aber ich dachte, das Verstehen des Neuen Testamentes ist der Zweck der Neutestamentlichen Wissenschaft!
STUDENT 2: Nun, offenbar gibt es Ausnahmen.
BAUSIG kommt aus dem Hörsaal: Ach, Herr Student 1 und Herr Student 2! Sagen Sie, wovon gibt es Ausnahmen?
STUDENT 1: Die Neutestamentliche Wissenschaft kann nicht das ganze Neue Testament behandeln.
BAUSIG: Ach, wie kommen sie denn darauf? Man kann da alles sehr schön zerlegen und analysieren. Kenne keine Ecke der alten Schwarte, die nicht schon mal jemand genau untersucht hätte.
STUDENT 1: Aber neulich haben sie über den Vater des epileptischen Knaben in Mk 9 gesagt -
BAUSIG: Ach ja, diese Geschichte! Was ich da meinte ist: man kann das schon irgendwie wissenschaftlich behandeln, aber der Text geht tiefer. Ich muss weiter. Wir sehen uns! eilt weiter
STUDENT 1: Also ist es eher eine Begrenzung der Wissenschaft, was die Tiefe angeht.
STUDENT 2: Ja genau. Man darf nicht zu viele Fragen stellen.
STUDENT 1: Man darf halt manchmal nicht zu viel verstehen. Sonst läuft man Gefahr, unwissenschaftlich zu werden.

 


[1] Angabe des Fakultätentages unter http://www.evtheol.fakultaetentag.de/mitglieder.html (2.11.2008, 23:41 Uhr).
[2] S. Wikipedia-Artikel „Kirchliche Hochschule“ http://de.wikipedia.org/wiki/Kirchliche_Hochschule (3.11.2008, 12:10 Uhr).
[3] http://www.katholische-theologie.info/Fakult%C3%A4tenInstitute/tabid/58/Default.aspx (2.11.2008, 23:50 Uhr). Oder unter http://www.katholische-theologie.info/ links auf „Fakultäten, Institute“ klicken.
[4] Eigentlich weiß ich nicht mehr, ob nicht vielleicht mein Mitstreiter bei jener Diskussion diese Thesen formuliert hat, aber ich habe sie mir dann jedenfalls vollständig zu eigen gemacht.
Letzte Aktualisierung ( Montag, 19. Oktober 2009 )
 
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