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Der Methodenkatalog der alttestamentlichen Exegese
angewendet auf eine neueröffnete morgenländische Quelle

Conrad E. Neubert,
Jena
Die Methoden der alttestamentlichen Exegese sind sinnvoll auf die Texte anwendbar, für die sie geschaffen wurden. Nun ist es natürlich möglich, dass diese Methoden so fein auf die Phänomene der alttestamentlichen Texte abgestimmt sind, dass sie tatsächlich nicht mehr quellengerecht auslegen, sondern nur noch so viele Phänomene wie möglich so deuten, dass sie in ein bestimmtes Geschichtsbild passen und bestimmte historische Aussagen ermöglichen.
Um das zu prüfen, und - um es vorwegzunehmen - zu widerlegen, werde ich eine Quelle exegetisch bearbeiten, die genügend Gemeinsamkeiten mit den alttestamentlichen Texten aufweist, um für sie geschaffene Methoden darauf anzuwenden, aber auch einige Charakteristika hat, die sie vom AT so unterscheiden, dass das übliche Bild von der Entstehung und Umgebung des AT hier nur eine abgeleitete Rolle spielt.

Gemeinsamkeiten bestehen in:
Gattung: Erzählung/theologische Deutung der Erzählung, Ursprungssprache Hebräisch, kultureller Hintergrund, geographischer Ort, Gegenstand der Erzählung, bestimmte theologische Momente

Unterschiede dagegen:
Datierungsfragen, Stil und sprachliche Eigenheiten, Nähe zum historischen Geschehen

Damit ist bereits eine ganze Menge vorweggenommen, aber die Rechenschaftspflicht steht in der Wissenschaft immer vor der rechten Ordnung des Verstehens.

Der behandelte Text trägt heute den Titel „Und Moses sprach zu Goldstein” und wird Ephraim Kishon zugeschrieben.
Textkritik
Die Textkritik möchte die älteste erreichbare Version eines abgeschlossenen („kanonischen”)Textes feststellen.
Es liegen nun einige tausend Dokumente für unsern Text vor, die bis auf sehr seltene Druckfehler alle den gleichen Text bieten. Allerdings gehören sie alle derselben Handschriftenfamilie an, wie am sklavisch gleichförmigen Druckbild und der Angabe auf S. 4 „1. Auflage: April 2004” erkennbar ist. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass einige textkritische Probleme im Text vorkommen. Aber angesichts der Quellenlage wären alle textkritischen Aussagen höchst spekulativ und unterbleiben hier.
Literarkritik
Die Literarkritik sucht den Text nach Hinweisen auf schriftliche Vorlagen und Vorstufen ab. Hat der Text Erweiterungen erfahren oder enthält er ältere Quellen?
„Und Moses sprach zu Goldstein” ist ein wahres Fest für den geneigten Literarkritiker. Die alte Regel, wonach sich Erweiterungen meist am Anfang und Ende eines Textes finden lassen, bestätigt sich hier wieder einmal.
Der Beginn des Textes ist eindeutig ein reflektierender Vorspruch, der das folgende deutet, wobei der Kern des Textes durchaus getroffen und verdeutlicht hervorgehoben wird:
„Mit dem Passahfest feiern wir unseren Auszug aus Ägypten, wo wir bekanntlich Opfer der reaktionären pharaonischen Arbeitsgesetze waren. Nachdem unsere Vorväter das Land der Unterdrückung verlassen hatten, wanderten sie noch lange in der Wüste umher, um sich an die Freiheit zu gewöhnen. Angeblich dauerte dieser Gewöhnungsprozess vierzig Jahre. Aber man hat manchmal das Gefühl, als ob er immer noch nicht abgeschlossen wäre.”1
Doch auch innerhalb dieses jüngeren Textes gibt es noch Nachträge. So deutet die Vokabel „reaktionär” auf einen revolutionären Hintergrund hin, während der Gedanke, dass man sich an Freiheit gewöhnen muss, eher selbst reaktionär ist.
Nach dem Vorspruch folgt die Überschrift „Und Moses sprach zu Goldstein”. Ihre Position weist übrigens ebenfalls auf die Nachträglichkeit des Vorspruches hin. Die Überschrift selbst ist ebenfalls sekundär, denn wie auch die neutestamentliche Exegese weiß, ist jede Überschrift sekundär.
Am Ende findet man einen Nachspruch, der schon durch die leere Zeile, der ihn vom restlichen Text trennt, als Nachtrag erkennbar ist:
„Genau in diesem Augenblick geschah es, dass Moses vom Herrn die steinernen Tafeln mit den zehn Geboten empfing.”
Hier fallen mehrere Brüche und Ungereimtheiten auf. Es wird zum Beispiel von einem „Augenblick”gesprochen. Dabei ist zuletzt ein Vorgang geschildert, keine augenblickliche Handlung:
„Die Männer steckten ihre Köpfe zusammen.”
Es ist eigentlich selbstverständlich, dass der Autor sich nicht vorgestellt hat, dass die Köpfe der Männer sich alle mit einer Bewegung in der Mitte des Kreises vereint haben oder dass sie sie wie Lego-Männchen zusammengesteckt hätten.
Vielmehr steht der längere Vorgang bzw. die sehr statische Handlung einer etwas obskuren Verhandlung oder Unterhaltung als Vorstellung im Hintergrund. Da ist das „Genau in diesem Augenblick” erzählerisch höchst unscharf.
Außerdem kommt in diesem Satz das einzige Mal Gott vor und auch der Zweck von Moses Aufenthalt auf dem Sinai, dass er nämlich die Weisungen Gottes entgegennimmt, wird nur hier erwähnt. Der Satz ist also eindeutig sekundär.
Zu diesen Stücken kommen noch viele weitere aktualisierende Nachträge, wie z.B. „'Stellen Sie Radio Kairo ein', sagte er”2 oder „'Diese verdammten Zionisten' setzte er hinzu”.3
Neben diesen kleineren Textstücken spiegelt der Text einen lebendigen Prozess außenpolitischer Meinungsbildung wieder, der noch in der Redaktionsgeschichte zu behandeln sein wird.
Überlieferungsgeschichte
Die Überlieferungsgeschichte will mündliche Vorstufen von Texten ausfindig machen.
Weil die sie aber sowieso hypothetische Spekulation ohne Halt in Text und Geschichte ist, muss sie hier auch nicht betrieben werden. Wahrscheinlich konnten die Israeliten vor dem Exil nicht nur nicht schreiben, sondern auch nicht sprechen.
Redaktionsgeschichte
Die Redaktionsgeschichte möchte die literarkritisch erhobenen Texteinheiten theologiegeschichtlich und auchsonstgeschichtlich einordnen.
Wie schon festgestellt, ist im Vorspruch eine revolutionäre, vermutlich marxistische Überarbeitung einer älteren (trotzdem auch sekundären), reaktionären Schicht festzustellen. Die marxistische Überarbeitung mag ein Ergebnis der sozialrevolutionären Situation der Landnahme sein: der Ursprung Israels ist nämlich eine proletarische Randgruppe, die sich eine eigene Identität schuf und in der Landnahmezeit die politische Führung in Kanaan übernahm.
Die reaktionäre Ergänzung, die ganz am Anfang festgestellt wurde, fällt gewiss in die Frühzeit des zweiten Tempels oder noch davor, auf jeden Fall aber in die erste Zeit der Perserherrschaft im 6. Jahrhundert vor Christus. Der Hauptakzent des Textstückes liegt auf dem schwierigen Gewöhnungsprozess an die Freiheit. Mit dem Gedanken des „Gewöhnungsprozesses” war es möglich, die zahlreichen Entbehrungen zu erklären, die Israel trotz der wieder gewonnenen Kult- und Bewegungsfreiheit erlitt.
Der Nachtrag am Ende des Textes (S. 205) ergänzt inzwischen an anderer Stelle entstandene Traditionen. Man kann ihn nur schwer datieren und muss sich mit dem Prädikat „nachexilisch” begnügen. Dafür findet man nämlich immer eine Begründung.

Die größten Anteile am Text aber haben zwei parallel entstandene Schichten, die eine Diskussion um die Stellung zu Ägypten führen. Im Folgenden sind die proägyptischen Passagen normal und die antiägyptischen Passagen kursiv gedruckt. Der proägyptische Autor scheint aktiver gewesen zu sein, denn meistens reagieren die antiägyptischen Textteile auf jene.
„Liebling, du tust ja gerade so, als ob ich unbedingt hätte gehen wollen. Habe ich Moses nicht immer wieder gebeten, uns gefälligst in Ruhe zu lassen, weil wir den Ägyptern dienen möchten? Es hat nichts genützt. Und daß die Situation auf die Dauer unhaltbar wurde, weißt du so gut wie ich. Schließlich und endlich hat Pharao den Befehl gegeben, unsere Erstgeborenen zu töten.
Hier wird Moses unversehens zur Chiffre für Antiägyptismus. Das weißt darauf hin, dass diese Gestalt noch keine heilige, unantastbare Autorität darstellte, also muss der Text in zeitlicher Nähe zu Moses' Lebzeiten entstanden sein. Sollte es möglich sein, dass wir hier ein Dokument vor uns haben, das vor der Landnahme, während der Wüstenwanderung entstanden ist?
Auf das eben Zitierte folgt übrigens gleich die Antwort des proägyptischen Autors:
„ ‚Mach dich nicht lächerlich. Jeder vernünftige Mensch weiß, daß dieser Befehl niemals ausgeführt worden wäre.'

‚Aber er wurde doch ausgeführt, Liebling. Der Nil war ja schon voll mit toten hebräischen Kindern.'

Nicht in unserer Gegend. Und überhaupt hat das alles erst angefangen, als Moses sich bei Pharao unbeliebt machte. Bis dahin wurde uns kein Haar gekrümmt.'”
Interessant hier zu beobachten, dass der proägyptische Autor davon ausgeht, der Befehl zu Tötung der Erstgeburt sei erst nach Moses' Auftreten ergangen. Das sollte bei einer historischen Rekonstruktion berücksichtigt werden.
Formgeschichte
Die Formgeschichte stellt die Gattung eines Textes fest, um dann Aussagen über Funktion und Intention zu machen.
Es handelt sich - vom Vor- und Nachspruch abgesehen - eindeutig um die weisheitliche Gattung des Lehrgesprächs. Allerdings haben wir hier einen besonderen Fall: Zwei Autoren mit verschiedenen Positionen diskutieren einen Sachverhalt. Insofern hat das Stück auch starke Ähnlichkeit mit rabbinischer Literatur.
Damit wird - was der Formgeschichte in neuerer Zeit schon abgesprochen wurde - eine sozialhistorische Aussage möglich: Es existierte schon im vorstaatlichen Israel die Institution des Rabbinats! So gewinnt auch die alte jüdische Vorstellung von der mündlichen Tora neue Plausibilität.
Traditionsgeschichte
Die Traditionsgeschichte stellt den geistigen Hintergrund von Texten dar und untersucht seine Herkunft und Veränderung im Text.
Hier möchte ich nur einen Aspekt herausgreifen. Und zwar, dass der proägyptische Autor davon ausgeht, dass man Pharaos Namen nicht aussprechen darf. Wie schon festgestellt, haben wir es hier mit Autoren aus der Zeit der Wüstenwanderung zu tun, die die ägyptische Herrschaft noch erlebt haben dürften. Und sie geben Zeugnis davon, dass es in Ägypten nicht erlaubt war, den Namen des Pharao auszusprechen. Welcher Student der hebräischen Sprache kann an der Erkenntnis vorüber, dass die Ägypter die Sitte der Israeliten übernommen hatten, den Gottesnamen nicht auszusprechen. Nur war den Ägyptern nicht J***, sondern der Pharao das Heiligste.
Man soll sich nicht darüber wundern, dass das Herrschervolk dem Sklavenvolk die Gebräuche abgeguckt hat - schließlich ist die gesamte Literatur des Vorderen Orients inspiriert und zum Teil einfach nur abgeschrieben vom Alten Testament.4 Und das, obwohl weder Israel noch Juda jemals größere politische Bedeutung hatten!

Ich verzichte hier auf eine Zusammenfassung des Erhobenen. Für die eingangs gestellte Frage ist ja auch nur wichtig festzustellen, dass sich mit den Methoden der alttestamentlichen Exegese durchaus vernünftige Ergebnisse bei Texten erzielen lassen, die bei der Entwicklung der Methoden nicht berücksichtigt wurden. Also haben sie eine gewisse innere Plausibilität und sind nicht nur Instrumente, um bestimmte Phänomene mit bestimmten Vorstellungen in Einklang zu bringen.

Die Lektüre der Quelle kann ich übrigens nur empfehlen. Hier kann man dem gleichen Bedürfnis zur Aktualisierung und ähnlichen Prozessen nachspüren, die auch hinter der innerbiblischen Schriftauslegung stehen.
Verwendete Literatur:
  • Ephraim Kishon: Kishons beste Geschichten, Bergisch Gladbach 2004.
  • Uwe Becker: Exegese des Alten Testaments, Tübingen 2005.

[1] Kishon, S. 201.
[2] Kishon, S. 205.
[3] Kishon, S. 202.
[4] Wahrscheinlich entspringt die gewaltige Wirkung des AT besonders dem salomonischen Großreich.
 
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