Vermischtes

Liebe Leser und Besucher der Webseite,
aufgrund von Zeitmangel mussten wir das Erscheinen der F.L.O.B. leider einstellen, ABER..
weiter …
 
Home arrow Zeitschrift > Blog arrow Archiv arrow 04 (2008) arrow Anmachsprüche aus dem Kanon der Weltliteratur
Anmachsprüche aus dem Kanon der Weltliteratur Drucken E-Mail

Anmachsprüche aus dem Kanon der Weltliteratur -
Oder: Das funktioniert?!

Carolin Zobel,
Leipzig
Durch die allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen des 20. Jahrhunderts blieb auch ein Wandel im Bereich der Partnersuche nicht aus. War die Partnerwahl in der vorindustriellen Gesellschaft noch eher von zweckdienlichem Charakter, wird sie heutzutage immer mehr ein Ausdruck persönlicher Gefühle und unterliegt einer mehr oder weniger freien Wahl, die nicht selten von einer Idealvorstellung der Verheißung des persönlichen Glücks gelenkt wird. Dabei spielt ein Leitbild von romantischer Liebe, welche zu einer engen langzeitigen gefühlsmäßigen Bindung führt, eine gewichtige Rolle. Die Realität sieht jedoch wie immer anders aus. Abgesehen davon, dass die Scheidungsrate in unserer Gesellschaft noch nie so hoch war und auch die Zahl der Eheschließungen drastisch sinkt, konstatieren soziologische Studien eine enorme Zunahme von Singlehaushalten. Speziell in Großstädten findet sich das Phänomen des oder der Alleinlebenden zuhauf. Gründe dafür mögen die steigenden Ansprüche an eine Beziehung sein oder auch das Gefühl, den richtigen optimalen Partner, der den eigenen Bedürfnissen zu hundert Prozent gerecht wird, noch nicht gefunden zu haben. So wird weiter gesucht, ausgetestet und ausprobiert. Manch einer wird sich bei diesem Prozess wohl schon in eine weniger komplexe Gesellschaft gewünscht haben. Eine Gesellschaft, in der weniger Eigenleistung und Eigeninitiative gefordert ist. Um das erste Gespräch oder gar um das erstmalige leidliche Ansprechen des potentiellen Partners kommt man aber in vielen Fällen nicht herum.1
Schon zu Ovids Zeiten (43 v. Chr. bis 18 n. Chr.) schien die erste Annäherung an einen möglichen Partner ein diskussionswürdiges Thema zu sein. In seiner Schrift Die Liebeskunst erteilte er schon im Jahr 1 v. Chr. an seine männlichen Zeitgenossen den Rat:
„Tu, als seist du verliebt, und sprich, als seist du verwundet: alle Kniffe sind recht, wenn´s ihr nur glaublich erscheint. Daß sie dir glaubt, ist nicht schwer: man müsse sie lieben, denke jede, auch das häßlichste Weib hält sich noch immer für schön, […]. Jetzt mußt du mit Komplimenten verstohlen den Sinn ihr berücken, wie klares Wasser den Grund hängender Ufer zernagt.”2
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und eventuell Parallelen zur Gegenwart zieht… Bei der Suche nach weiteren Anregungen im Kanon der Weltliteratur wird man (seltener hingegen frau) schnell fündig. Etliche Klassiker warten mit Annäherungsversuchen und Interessensbekundungen an das jeweils andere Geschlecht auf. Und mit ein bisschen Recherche lässt sich auch für jeden Geschmack etwas finden.
Für die Anhänger der höflichen Variante empfiehlt sich Goethes Faust:
„Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?”3.
Eher schwülstig anmutende Worte für die Eröffnung eines Gesprächs finden sich bei Jakob Michael Reinhold Lenz in Die Soldaten:
„Ich schwöre Ihnen, dass ich noch in meinem Leben nichts Vollkommeneres gesehen habe, als Sie sind.”4.
Wer sich klassisch mit Shakespeare vorwagen möchte, ist mit der altbewährten Begegnungsszene aus Romeo und Julia gut bedient. Zur Erinnerung:
„Entweihet meine Hand verwegen dich,
O Heil´genbild, so will ich´s lieblich büßen.
Zwei Pilger, neigen meine Lippen sich,
Den herben Druck im Kusse zu versüßen.”5
Ausgefallen und wohl eher für die Befürworter des Morbiden offenbart sich Danton in Georg Büchners Dantons Tod seiner Geliebten:
„[…] Die Leute sagen im Grab sei Ruhe und Grab und Ruhe seien eins. Wenn das ist, lieg ich in deinem Schoß schon unter der Erde. Du süßes Grab, deine Lippen sind Totenglocken, deine Stimme ist mein Grabgeläut, deine Brust mein Grabhügel und dein Herz mein Sarg.”6
Bei Büchner wird man auch fündig, wenn man gleich auf der Basis von Anzüglichkeiten agieren möchte. Auf den Ausspruch: „[…] Ich will dir erzählen.”7 lässt er seinen Protagonisten erwidern:
„Du könntest deine Lippen besser gebrauchen.”8
Zugegeben, ob diese Versuche der Annäherung heute noch Gültigkeit besitzen und praktikabel sind, ist fraglich. Ein Selbstversuch wurde noch nicht durchgeführt. Wer einen Testdurchlauf auf der Ebene der Literatur wagen will, handelt auf eigene Gefahr und sollte Komponenten wie beteiligte Personen, allgemeine Situation und Analyse des Umfelds, sowie den Zustand der eigenen gegenwärtigen Sprachfähigkeit nicht außer Acht lassen. Zu bedenken ist auch, dass literarische Liebesgeschichten, speziell in den hier konsultierten Dramen, selten ein gutes Ende finden. Abwandlungen, Anpassungen und ein Mindestmaß an Eigenkreativität sind demnach absolut empfehlenswert und erwünscht. Wer nicht experimentieren will, bleibt einfach bei einem netten Hallo oder bei sonstigen bewährten Kontaktaufnahmeriten. Vielleicht endet die Geschichte für den Suchenden am Ende ja doch literarisch märchenhaft mit: Und wenn sie nicht gestorben sind….

Verwendete Literatur

  • Elisabeth Beck- Gernsheim, 'Freie Liebe, freie Scheidung. Zum Doppelgesicht von Freisetzungsprozessen', in: Ulrich Beck/ Beck- Gernsheim: Das ganz normale Chaos der Liebe. Frankfurt am Main 1990.
  • Georg Büchner: Dantons Tod. Stuttgart 2007.
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Erster Teil. Husum 2007.
  • Jakob Michael Reinhold Lenz: Die Soldaten. Stuttgart 2007.
  • Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti. Husum 1978.
  • Ovid: Die Liebeskunst. Leipzig 1978.
  • William Shakespeare: Hamlet. Husum 2005.
  • William Shakespeare: Romeo und Julia. Husum 2006.

[1] Die einleitenden Worte wurden inspiriert durch das Kapitel Freie Liebe, freie Scheidung. Zum Doppelgesicht von Freisetzungsprozessen von Elisabeth Beck - Gernsheim in: Beck, Ulrich/Beck - Gernsheim: Das ganz normale Chaos der Liebe. Frankfurt am Main 1990.
[2] Ovid: Die Liebeskunst. Leipzig 1978, S. 27.
[3] Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Erster Teil. Husum, S. 74. Auch schön: „Ein Blick von dir, ein Wort mehr unterhält als alle Weisheit dieser Welt.” In: Ebd., S. 87.
[4] Lenz, Jakob Michael Reinhold: Die Soldaten. Stuttgart 2007, S. 7.
[5] Shakespeare, William: Romeo und Julia. Husum, S. 22.Von Shakespearezitaten wie: „Ein schöner Gedanke, zwischen den Beinen eines Mädchens zu liegen.” , ist allerdings abzuraten. In: Shakespeare, William: Hamlet. Husum, S. 56.
[6] Büchner, Georg: Dantons Tod. Stuttgart 2007, S. 5 f.
[7] Büchner, Georg: Dantons Tod. Stuttgart 2007, S. 19.
[8] Ebd.Für den Anhänger subtilerer Anzüglichkeit bietet sich Lessing an: „Kein Wort, kein Seufzer soll sie beleidigen. - Nur kränke mich nicht Ihr Misstrauen. Nur zweifeln Sie keinen Augenblick an der unumschränkten Gewalt, die Sie über mich haben. […] Und nun kommen Sie, mein Fräulein, - Kommen Sie, wo Entzückungen auf Sie warten, die Sie mehr billigen.” In: Lessing, Gotthold Ephraim. Emilia Galotti. Husum, S. 40.
Letzte Aktualisierung ( Montag, 31. März 2008 )
 
< zurück   weiter >
© 2020
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.