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Rezension: Eine Lesung im Sechsachteltakt Drucken E-Mail

Rezension
Eine Lesung im Sechsachteltakt

Patrick Waschke,
Leipzig
Helge Schneider liest in der Kongresshalle am Zoo in Leipzig aus seinem neuen Buch, „Eine Liebe im Sechsachteltakt - Der große abgeschlossene Schicksalsroman von Robert Fork”, 13.März 2008

Es ist kurz nach acht. Das Publikum plaudert noch ganz entspannt, aber da steht er plötzlich schon unvermittelt im Raum - der Autor! Vor dem Eingang neben der Bühne. Blaue Trainingsjacke, und auf dem Kopf eine große rote Mütze, die anmutet wie ein mutierter Hahnenkamm. In den Händen hält er Einkaufstüten der besseren Art, gefüllt mit Spirituosen. Seine Erscheinung ist also dem Helden Wolfgang Kollendorf seines neuen Romans „Eine Liebe im Sechsachteltakt” nicht unähnlich.
„Ich hab gedacht, ich komm mal raus hier! Sind zwar noch Leute draußen, aber wir haben ja schon nach acht. Und da kann ich mir das ja schonmal ein bisschen gemütlich machen.” Dann tauscht er das Mineralwasser auf dem Tisch gegen Wein aus und lässt sich schonmal von den Fotografen mit seinem Buch in der Hand fotografieren, damit sie anschließend beim Vorlesen nicht stören.
Nach ein paar Ausführungen über die Buchmesse und Leipzig generell beginnt der Meister sein neuestes Oeuvre darzubieten. Es ist die Geschichte des alternden Ex-Chirurgen Wolfgang Kollendorf, der sich während seiner Zeit als Chefarzt und hochgeachteter Mediziner eine gewisse abgehobene Weltfremdheit erworben hat und nun, nachdem die Alkoholsucht seine Karriere beendete, unreif und naiv wie ein Teenager von einem vermeintlichen Schicksalsschlag zum nächsten torkelt. Seine Situation wird auch dadurch nicht besser, dass Kollendorf extrem wehleidig ist und keine Gelegenheit auslässt, dicke Kullertränen zu vergießen. Die Handlung spielt sich im Wesentlichen um ihn herum ab. Während Kollendorf um seine Ex-Geliebte Angelique Tessier trauert, die auf dubiose Weise Selbstmord beging, decken die Kriminalisten Emmanuel und Riley ihre verbrecherische Lebensgeschichte auf. Angeliques perverser Sohn Mark und ihre Angestelle, die zur Hysterie neigende June Parker, streiten um ihr Erbe. Laika Romanow, die drallbusige Krankenschwester Kollendorfs, fällt auf den Betrüger und Sadisten Luke Vendell rein. Der Anästhesist Dietrich von Rungen versucht vergeblich, Kollendorfs Comeback zu organisieren. Der als Geschäftsmann getarnte knallharte FBI-Agent Walter Konniff beschreitet einen Pfad roher Gewalt, und immer wieder spielt Tampas, Angelique Tessiers unschuldig wirkende Stute, eine geheimnisvolle Schlüsselrolle. Zwischen mehrfachen Zusammenbrüchen verschiedenster Art bekommt Wolfgang Kollendorf in Frankfurt am Main unverhofft die Chance auf einen zweiten Frühling. Die gutmütige junge Studentin Silke-Lara findet aus einem nicht ganz klar werdenden Grund Gefallen an dem desorientierten alten Zausel. Kollendorf jedoch, überzeugt von der Schwere seines Schicksals, ist jeder Vorwand recht, um die sich anbahnende Romanze zunichte zu machen. Zuguterletzt taucht noch der fiktive Erzähler Robert Fork selbst auf, die Grenze zwischen Fiktion und Realität scheint für ihn zu verschwimmen.
Helge Schneider nimmt die Versatzstücke aus klischeehafter Literatur und Fernsehfilmen als Ausgangspunkt für seine bekannte assoziative Erzählweise. Dabei ist ihm ein absurdes Meisterstück gelungen, indem die egozentrischen Figuren konsequent aneinander vorbei agieren, beziehungsweise, wie Schneider es auf dem Buchrücken ausdrückt, „wie Blinde durch den Feierabendverkehr von Bombaby spazieren”.
Wer Helge Schneider ein bisschen kennt, kann sich denken, dass auch eine Lesung mit ihm nicht normal abläuft. Während des Lesens zieht er einen Wecker auf, um auch ja pünktlich Schluss zu machen. Textpassagen werden gelegentlich kommentiert und auch spontan geändert. So bekommt z.B. Mark Tessier einen älteren Liebhaber namens Roland Cock. Der Autor liest mal leise, mal laut, mal schnell, mal langsam, spielt mit Betonungen und verpasst seinen Figuren Stimmen, die an sich schon zum Lachen sind. Nach einer Stunde und 20 Minuten nonstop liest Helge noch einzelne kleine Passagen vor, teilweise nur einzelne, herausgepickte Sätze. Abschließend hält er noch einen für ihn typischen kurzen Monolog zum Thema Städteplanung am Beispiel Leipzigs und entlässt vollends zufriedene Zuhörer in die Kälte.

  • Helge Schneider: Eine Liebe im Sechsachteltakt. Der große abgeschlossene Schicksalsroman von Robert Fork, Köln 2008. 151 S. 7,95 €.
Letzte Aktualisierung ( Montag, 31. März 2008 )
 
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