Vermischtes

Liebe Leser und Besucher der Webseite,
aufgrund von Zeitmangel mussten wir das Erscheinen der F.L.O.B. leider einstellen, ABER..
weiter …
 
Home arrow Zeitschrift > Blog arrow Archiv arrow 04 (2008) arrow Serie Humanistenbriefe: Erasmus und Luther
Serie Humanistenbriefe: Erasmus und Luther Drucken E-Mail

Humanistenbriefe: Erasmus und Luther

Anfang des Jahres 2007 hat ein sensationeller Fund in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena für weltweite Aufmerksamkeit gesorgt: Eine handschriftliche Notiz Georg Rörers, eines engen Mitarbeiters Martin Luthers, hat neues Licht auf die Legende vom Thesenanschlag geworfen. Dass damit die Quellen zum Thema noch keineswegs erschöpft sind, belegt der nachfolgend erstmalig edierte neuerliche Fund, ebenfalls aus Beständen der Jenaer Bibliothek (Signatur Insania man. prop. 204b). Er dokumentiert einen Briefwechsel zwischen dem großen Humanisten Erasmus von Rotterdam und dem Wittenberger Reformator Martin Luther aus dem Jahre 1534, also fast zehn Jahre nach ihrem öffentlichen Streit um den freien Willen. Nicht nur die Tatsache, dass hier Autographen von beiden Geistesgrößen vorliegen, macht den Fund zu einer Sensation, sondern auch der Inhalt: Erstmals äußert Martin Luther sich hier selbst zur Frage, ob der Thesenanschlag stattgefunden hat oder nicht.

Freiburg, den 5. Juni 1534

Hochverehrter Kenner der Heiligen Schrift und Gottesmann,
Eure Worte, Martine, sind so leicht nicht verhallt wie rechter Verstand und Geist es hätte wünschen mögen. Noch trage ich in mir jenen Gruß, den Ihr mir sandtet, dass es nicht Meinung, sondern Wahrheit sei, was ihr mir zu sagen hättet1. Hatte ich doch gemeint, Euch in klaren Worten gezeigt zu haben, dass Wahrheit so leicht nicht zu haben ist wie ein Fuder Heu oder eine Kiste Wein2. Doch will ich nicht rechten und Euch nicht verklagen, weiß ich doch schon lange - und schätze und verehre Euch deswegen -, dass nicht die spitze Feder, sondern das volle Tintenfass Eure Waffe ist3. Dass ich Euch noch und wiederum schreibe, mag Euch ein Zeichen sein, dass ich Euch nichts nachtrage und mich Euretwegen nicht mehr gräme, als es recht und billig sein möchte. Doch sei dies vorweg der Suche um Euer Wohlwollen genug4. Was mich zum Schreiben bewegt, da ich doch lieber schweigen wollte und sollte, ist ein merkwürdiges Geschehen, von dem Euch nicht zu berichten mich schwer ankäme: Wie Ihr wisst oder auch nicht wisst, durch diese Zeilen jedenfalls erfahren mögt, ist es meinem armen Leben in dieser Welt nicht vergönnt, mehr Hilfe zu erfahren denn die allernötigste. So muss ich selbst, was der Alltag fordert, mit barer Münze auf den Märkten und in den Geschäften holen. Wie ich nun vor etlichen Tagen neuerlich durch diese Stadt, in der eben mich aufzuhalten mir Gott vergönnt hat, ging, mich der Nahrung und anderer notdürftiger Dinge zu versehen, stieß ich auf einen jungen Mann, der „reliquiae Lutheri” feilbot.
Bester Freund, Ihr mögt Euch versehen, wie mich dies nicht allein wunderte, sondern auch aufbrachte. Ich fragte den Mann, ob denn der, dessen Reliquien er da so fröhlich zum Kauf anbot, schon verstorben sei. „Nein” lautete seine Antwort, doch lebe der Gottesmann Martin Luther bereits auf Erden mehr im Geiste, denn im Fleische, so dass es tunlich sei, sich seines Gedächtnisses zu versichern. Was er denn der Erinnerung für Wert halte, fragte ich weiter und schaute in den Bauchladen, den er umgehängt hatte. Martine, Ihr werdet nicht glauben, was dort alles zu finden war: Murmeln, von denen es hieß, sie entstammten Eurem Elternhause5, Haare von dem Bart, den Ihr auf Eurem Patmos Euch sollt habt stehen lassen6, nicht zuletzt aber Nägel, mit denen Ihr im Jahre 1517 Eure Thesen gegen den Ablass an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben sollt.
Verehrtester Freund, keinen von diesen Gegenständen wollte ich erwerben, auch nicht, wenn man mir Geld hinzugäbe, hatte der Verkäufer doch in dem einen nur Recht, dass es Euer Geist, nicht Eure sterbliche Hülle ist, für die wir Gott Dank schulden. Doch solltet Ihr, so denke ich, wissen, was abseits von den Wegen, die Ihr beschreiten könnt7, mit und in Eurem Namen geschieht.

Voll der Hochachtung grüßt Euch
Euer
Erasmus, sehnsüchtig8 eines seligen Endes.

Wittenberg, Anfang August des Jahres 1534

Verehrtester, bester Erasmus, hochgelehrter Mann und Bereiter der Wahrheit9,
habt für Euer Schreiben meinen herzlichsten Dank. Was mit meinem Namen alles getrieben wird, ist mir wohl bewusst, und auf dieser Erde, diesem jämmerlichen Scheißhaus, wird's wohl immer weiter so gehen, dass die Menschen sich statt auf den, von dem ich künde, nach mir altem Madensack schauen. Wär's anders, wär's mir wohler. Mir ist nicht bewusst, woher jemand bei Euch meine Murmeln haben sollte, habe ich sie selbst doch meinen lieben Kindern gegeben und sehe sie täglich noch mit ihnen spielen. Und meinen Bart habe ich mir wohl geschoren, als ich vom Patmos heim auf den Zion zog10, doch habe ich, was über blieb, in die Gosse geworfen. Dort mag finden, wer etwas finden will. Kaufen wollte ich dergleichen nicht.
Was aber die Nägel angehet, so will ich mit ihnen nichts zu tun haben. Philippus versucht mir seit Jahren einzureden, wie es an jenem Tag, da die Sache begonnen, zugegangen sei. Stets erzählt er aufs Neue, ich sei durch Wittenberg gegangen, um Thesen an die Tür der Schlosskirche anzunageln. Des ist er sich so sicher, dass er schon den Georgium11 angesteckt hat. Doch Ihr kennt den Philippus. Er ist gelehrt und gut, der Eifer für die gute Sache aber kennt die Grenzen nicht, die Demut ihm setzen könnte. Könnte er, so würde er mich gar ein Jahr älter oder jünger machen, ich weiß es nicht12, will auch hiervon nichts wissen, ist es doch nichts als eitel.

Lebet wohl
Euer Martinus, Diener Gottes an der Grenze der Zivilisation

Freiburg, den sechsten Septembris 1534
Hochverehrter, in Gott geachteter Martine,
Euer Schreiben habe ich erhalten und danke Euch hierfür. Seht es mir in Eurer Freundlichkeit nach, wenn ich hierdurch nicht in jeder Hinsicht zufrieden und ruhig bin, sondern mehr und anderes begehre. Was Ihr von Barthaaren schreibt und von den Murmeln, verstehe ich wohl, allein, was jene Nägel angeht, begehre ich Einfaches zu wissen: Habt Ihr nun Eure Thesen angeschlagen oder nicht? Die Welt ist voll der Gerüchte und noch können wir aus Eurem Munde erfahren, wie es wirklich gewesen ist.
Sehnsüchtiger nach einem seligen Ende als nach einer Antwort und doch nach dieser begierig,
Euer Erasmus

Wittenberg, am Tage vor Allerheiligen 1534
Hochverehrter, in Gott auch geliebter Erasmus,
wie denn geht Euer Verstand mit Euch durch, dass nun selbst Ihr, der Gelehrteste unter den Gelehrten, Zeichen haben wollt wie jenes böse Geschlecht, von dem der Heiland selber spricht13, so dass ich in Euren Worten sehe, dass das Ende nahe und nicht unser Stündlein allein, sondern das der ganzen Welt gekommen ist! Gelehrter, geliebter Erasmus, um der Wahrheit Gottes Willen werde ich diese Menschenwahrheit nicht sagen und Euch, damit Ihr das Licht besser erkennen lernt, in der Dunkelheit lassen. Was an jenem Tag geschah, weiß ich so gut wie es nur irgendeiner wissen kann. Doch weil es auf den Tag und die Stunde nicht ankommt und auf den armen Martinus am allerwenigsten, will und werde ich Euch so wenig wissen lassen wie auch Philippum. Mögt Ihr erzählen, was Ihr erzählen wollt: glaubt Ihr denn ernstlich im Herzen, dass in fünfhundert Jahren, wenn denn die Welt da noch stünde, was sie gewisslich nicht wird, irgend jemand danach fragen wollte, ob ich nun Thesen angeschlagen habe oder nicht? Ist es doch nicht dies, was uns bewegt, sondern die Botschaft allein. Und wenn ich tausend Nägel eingeschlagen hätte, aber niemand das Evangelium hätte hören wollen, oder wenn ich dem Kaiser ins Gesicht gespuckt hätte, was ich gewisslich hätte tun sollen, und keiner unter allen Menschen meine Botschaft, die nicht die meine ist, sondern Gottes allein, gehört hätte: Was hülfe all dies in unserem Jammertal? Was hilft Euer Fragen und Suchen, Erasme? Ist es doch nur Zeichen für jene Verkehrung der Vernunft, die statt das reine Licht zu schauen lieber in der Finsternis stochern will. Solange Ihr fragt, wie Ihr fragt, bester Erasme, ist Euer Weg der meine nicht und meine Antwort nicht die, die Ihr sucht.

Lebet im Frieden,
Martinus Lutherus, der in Wahrheit eine Flasche Wein trinken wird zur Feier dessen, dass heute vor siebzehn Jahren der Kampf gegen den Papst, den grausigen Antichrist, begann.

[1]Vgl. Luthers Abschlussbemerkung in seiner gegen Eramus gerichteten Schrift „De servo arbitrio”.
[2] Anspielung auf das Sprichwort „in vino veritas”?
[3] Möglicherweise ist dies der erste Beleg für die Legende von dem Tintenfass, mit dem Luther auf der Wartburg nach dem Teufel geworfen haben soll.
[4] Lat.: captatio benevolentiae.
[5] Tatsächlich haben kürzlich Grabungen in Luthers Elternhaus in Mansfeld eine große Anzahl von Murmeln gefunden, die durch das führende theologische Fachorgan, „Bild Zeitung”, als die Murmeln des jungen Luther identifiziert werden konnten.
[6] Als Luther 1521/2 auf der Wartburg verborgen wurde, nannte er sich „Junker Jörg” und ließ sich Haar und Bart stehen.
[7] Durch die 1521 in Worms über ihn verhängte Reichsacht war der Bewegungssspielraum Luthers eingeschränkt.
[8] Anspielung auf den Beinamen „Desiderius” des Erasmus von Rotterdam.
[9] Luther war zu seinen reformatorischen Entdeckungen nicht zuletzt aufgrund der Bibelübersetzung des Erasmus gelangt.
[10] Eine auffällige Hochschätzung Wittenbergs: Luther kehrte im Frühjahr 1522 von der Wartburg heim, um in den sogenannten Invokavit-Predigten frisch rasiert und mit geschorener Mönchstonsur die sogenannten Wittenberger Unruhen unter Kontrolle zu bringen.
[11] Gemeint ist wohl Georg Rörer, der nach neuesten Erkenntnissen aus der Jenaer Universitätsbibliothek schon früher als Philipp Melanchthon, den man lange Zeit für den ältesten Zeugen der Legende vom Thesenanschlag hielt, von einem solchen berichtet hat.
[12] Tatsächlich hat Melanchthon versucht, aufgrund astrologischer Erkenntnisse das angemessene Geburtsjahr Luthers zu bestimmen.
[13] Mt 12,39.
Letzte Aktualisierung ( Montag, 31. März 2008 )
 
< zurück   weiter >
© 2020
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.